News aus dem Kanton St. Gallen
Wirtschaft und Kirche

Industriepfarramt: das Ende eines Pionierprojekts

von Karin Müller
min
01.05.2024
Ende September geben die Landeskirchen beider Basel das Pfarramt für Industrie und Wirtschaft auf. Leiter Martin Dürr bedauert dies, sei es doch eine der letzten kirchlichen Stellen, die Menschen bei der Arbeit und mitten im Leben aufsucht.

Nach ├╝ber 50 Jahren schliesst das ├Âkumenische Pfarramt f├╝r Industrie und Wirtschaft in Basel seine T├╝ren. Die vier Tr├Ągerkirchen aus Basel-Stadt und Baselland steigen aus. F├╝r ein weiteres Engagement fehle das Geld.

Die Katholiken haben den Vertrag auf Ende 2023 gek├╝ndet. Die Reformierten stellen die Finanzierung mit der Pensionierung des langj├Ąhrigen Stellenleiters Martin D├╝rr Ende September ein. Damit endet ein St├╝ck Beziehung zwischen der Wirtschaft und den reformierten Kirchen der Schweiz.

Pionierprojekt

Das Industriepfarramt war bei seiner Gr├╝ndung 1971 ein Pionierprojekt und ist bis heute in der Schweiz einzigartig. 1969 f├╝hrten der reformierte Pfarrer Felix Tschudi und sein katholischer Kollege Andreas Cavelti einen ersten ┬źPfarrerkurs f├╝r Industriefragen┬╗ mit 25 Teilnehmern bei der damaligen J. R. Geigy AG durch. Die Idee eines Industriepfarramts war geboren. Seither vermittelt die Institution zwischen Landeskirchen und Arbeitswelt. Sie gilt heute als Kompetenzzentrum f├╝r Fragen ├╝ber Wirtschaft, Arbeit, Spiritualit├Ąt und Ethik.

Es kann uns als Kirche nicht nur darum gehen, Mitglieder zu gewinnen.

Es tue ihm leid, ┬źdass die Kirchen eine der letzten Stellen aufgeben, die Menschen mitten im Leben bei der Arbeit aufsucht, wo viele einen grossen Teil ihrer Zeit und Energie investieren┬╗, sagt Martin D├╝rr. ┬źIch verstehe, dass die Schliessung aus Spargr├╝nden notwendig ist. Ich frage mich aber, ob das der Weisheit letzter Schluss ist.┬╗

Viele seien der Meinung, dass aufsuchende Kirche, wie sie das Industriepfarramt praktiziere, nicht funktioniere, niemand w├╝rde deswegen der Kirche beitreten. ┬źEs kann uns als Kirche nicht nur darum gehen, Mitglieder zu gewinnen, sondern wir sollten grunds├Ątzlich mit gesellschaftlich und menschlich relevanten Themen pr├Ąsent sein┬╗, findet D├╝rr.

Die vom Turbo-Kapitalismus Vergessenen

Auf Facebook postete der Pfarrer: ┬źDas Industriepfarramt war ├╝ber 50 Jahre lang ein Ort der Ermutigung f├╝r Engagierte f├╝r Gerechtigkeit, Auffangbecken f├╝r die vom Turbo-Kapitalismus Vergessenen, Sensor in der Arbeitswelt und Gesellschaft f├╝r Zukunfts├Ąngste, Br├╝ckenbauer zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden, ein bisschen Sand im Getriebe der Zeit der Selbstoptimierung und Selbstausbeutung.┬╗ D├╝rr blickt unter anderem zur├╝ck auf ┬źdas Engagement f├╝r Frauen, ersch├Âpfte M├╝tter, verzweifelte Lehrlinge, in die Bedeutungslosigkeit fallende Pensionierte und engagierte Menschen, die im Burn-out landen┬╗.

Standen bei der Gr├╝ndung die Arbeiterinnen und Arbeiter im Fokus, k├╝mmerte sich das Industriepfarramt bald auch um Arbeitslose und Armutsbetroffene und weitete sein Engagement auf die Arbeitgebenden aus. Der Industriepfarrer pflegt Beziehungen bis in die Chefetagen. Vertrauen aufbauen sei eine wichtige Aufgabe, die Zeit, Engagement und Ausdauer erfordere, so D├╝rr.

Wenn einem Wirtschaftsvertreter aus Pfarrkreisen von Anfang an böse Absichten unterstellt werden, gibt mir das zu denken.

Zun├Ąchst einmal zuh├Âren

Nicht erst seit dem CS-Crash sind viele der Ansicht, dass Banker und F├╝hrer globaler Unternehmen ┬źb├Âse┬╗ sind. Dieses Pauschalurteil existiere auch in der Kirche, sagt D├╝rr. Zwar s├Ąhen das mittlerweile viele Pfarrpersonen differenzierter, und manchmal sei es durchaus berechtigt. ┬źWenn ich aber einen Wirtschaftsvertreter zu einer politischen Stellungnahme einlade und ihm aus Pfarrkreisen von Anfang an b├Âse Absichten unterstellt werden, gibt mir das zu denken. Wer sich auf ein solches Gespr├Ąch einl├Ąsst, dem sollte man zuh├Âren.┬╗

Martin D├╝rr kann sich vorstellen, dass er Veranstaltungen, die ihm Freude bereiteten und bei G├Ąsten und Publikum gut ankamen, in Eigenregie auch nach seiner Pensionierung weiterf├╝hrt. Ihn interessieren im Moment biografische Themen. Seine G├Ąste reden dar├╝ber, wer oder was sie gepr├Ągt hat, welche Ressourcen sie haben und welche Werte ihnen im Leben und bei der Arbeit wichtig sind. Darum geht es auch in der aktuellen Gespr├Ąchsreihe mit erfolgreichen berufst├Ątigen Frauen, die der Industriepfarrer moderiert.

Unsere Empfehlungen

Vergesst die Feste nicht!

Vergesst die Feste nicht!

Noch ein halbes Jahr, bevor ich in Rente gehe. Fast 40 Jahre im Pfarrberuf. Was macht mir Freude? Was bereue ich? Was wünsche ich der Kirche? Ein Gastbeitrag von Martin Dürr.
«Diese Rechnung geht nicht auf»

«Diese Rechnung geht nicht auf»

Weniger sei mehr, sagt die Fastenkampagne: «Weniger Konsum = weniger CO2-Ausstoss = weniger Klimakatastrophen.» Das bedeute: «mehr Klimagerechtigkeit = mehr Ernte = mehr Sicherheit.» Diese Rechnung hat der «Kirchenbote» dem St. Galler SVP-Nationalrat und Metzger Mike Egger gestellt.