Jesus – der unanständig Anständige
Die Frage stellte sich wohl mancher Zeitgenosse in der Antike. Hatte Jesus Anstand? Wer die Evangelien aufmerksam liest, stösst auf einen Mann, der sich um gesellschaftliche Konventionen herzlich wenig schert, erklärt Moises Mayordomo, Neutestamentler an der Theologischen Fakultät Basel. Jesus feiert Mahlzeiten mit Menschen, die kein anständiger Jude seiner Zeit an seinen Tisch gelassen hätte. Er sitzt mit Steuereintreibern zusammen, verhassten Kollaborateuren der römischen Besatzer, mit Frauen zweifelhaften Rufs, mit Sündern.
Die Ordnung der Ehre
In der antiken Welt war Ehre oder Schande die entscheidende soziale Währung. Ehre könne man sich nicht selbst zusprechen, sagt Mayordomo. Sie werde von anderen zuerkannt, etwa aufgrund heldenhaften Verhaltens, tadellosen Lebenswandels nach den Gesetzen oder durch den richtigen Stand. Und über allem lag das Geflecht der religiösen Gebote und der Tora, die festlegte, wer mit wem wann essen, reden, umgehen durfte.
Die Tischgemeinschaft Jesu war kein Akt der Gleichgültigkeit gegenüber den Regeln, sie war ein theologisches Programm.
In diesem System war eine gemeinsame Mahlzeit kein beliebiger sozialer Akt. Moises Mayordomo: «Wer mit jemandem ass, bezeugte Gemeinschaft. Wer die falsche Person an seinen Tisch liess, riskierte seine eigene Ehre, ja seine rituelle Reinheit.» Es gab nicht nur eine Essens-, sondern auch eine Sitzordnung. Beide spiegelten die gesellschaftliche Hierarchie wider.
Jesus ignorierte diese Ordnung. Nicht aus Nachlässigkeit, nicht aus Provokationslust, sondern aus Überzeugung. Er glaubte, dass Gottes Herrschaft hereinbrechen werde und dass an Gottes Tisch niemand ausgeschlossen sein dürfe, erklärt Mayordomo. «Die Tischgemeinschaft Jesu war kein Akt der Gleichgültigkeit gegenüber den Regeln, sie war ein theologisches Programm.»

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Symbole, keine Wutausbrüche
Ähnliches gilt für die Szenen, die auf den ersten Blick nach unkontrollierter Aggression aussehen. Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel war mit hoher Wahrscheinlichkeit kein spontaner Tobsuchtsanfall, sondern eine prophetische Zeichenhandlung, stellt Mayordomo fest, eine Aktion, ähnlich jener der alttestamentlichen Propheten. Der Tempelbezirk war riesig; Jesu Einzelaktion hätte den Betrieb nicht gestört. Eine Tempelpolizei wäre sofort eingeschritten, hätte er wirklich randaliert. Was er getan habe, sei symbolisch gewesen, so Mayordomo. Er zeigte, dass der Handel im Tempel, dessen Standplätze die sadduzäische Oberschicht kontrollierte und daran verdiente, der Heiligkeit des Ortes widersprach. «Subversiv, ja. Cholerisch, nein.»
Sanftmut war keine Tugend, sondern ein Zeichen der Schwäche. Wer geschlagen wurde und keine Rache übte, hatte seine Ehre verloren. Jesus kehrt diese Logik um.
Eine andere Ehre
Und dann ist da noch die Bergpredigt. Jesus erklärt, er sei nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen, sagt Mayordomo. Die Seligpreisungen seien keine Rebellion gegen die Tora – sie seien ihre Vertiefung und Verinnerlichung. Sie entwerfen ein radikal anderes Modell von Ehre und Schande. «Selig sind die Sanftmütigen» – das sei, in der Sprache der Antike, eine Provokation. «Sanftmut war keine Tugend, sondern ein Zeichen der Schwäche. Wer geschlagen wurde und keine Rache übte, hatte seine Ehre verloren. Jesus kehrt diese Logik um.» Die Würde eines Menschen hänge nicht von Stand und Reinheit, nicht von der Fähigkeit, Schande abzuwehren. Sie sei unveräusserlich. Genau das sei der Kern dessen, was man als Jesu Anstand bezeichnen könnte – nicht die Einhaltung von Konventionen, sondern die bedingungslose Achtung der Würde jedes Menschen.
Wo Jesus Konventionen durchbrach, um jeden Menschen in seiner Würde anzuerkennen, bricht Trump sie, um die eigene Machtposition zu demonstrieren.
Anstand ohne Würde ist Dekorum
Hier liegt der entscheidende Unterschied zu einer Figur, mit der Jesus von christlichen Kreisen in den USA in jüngster Zeit manchmal verglichen wird, meint Moises Mayordomo, Donald Trump. Auch Trump breche Konventionen. Auch er schere sich nicht um gesellschaftliche Umgangsformen. «Doch wo Jesus Konventionen durchbrach, um jeden Menschen in seiner Würde anzuerkennen, bricht Trump sie, um die eigene Machtposition zu demonstrieren. Trump glaubt, über dem Anstand zu stehen, weil er es sich leisten kann. Das ist etwas grundlegend anderes. In diesem tieferen Sinne war Jesus ausserordentlich anständig», sagt Mayordomo. «Vielleicht der anständigste Mann, von dem die Geschichte berichtet.»
Jesus – der unanständig Anständige