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«Jesus wäre häufig im ‚Blick’ gewesen»

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16.08.2019
Warum haben Freikirchen ein schlechtes Image und warum verlieren die Landeskirchen laufend Mitglieder? Weil sie zu wenig im Alltag der Menschen präsent seien, sagt Markus Baumgartner, Kommunikationsexperte und Herausgeber des Buches «So machen Kirchen Schlagzeilen».

Herr Baumgartner, wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben?
Ich gebe seit Jahren Schulungen zur Kommunikation an verschiedenen theologischen Ausbildungsst├Ątten, unter anderem seit ├╝ber 20 Jahren am Theologischen Seminar Aarau. Aus all meinen Vortragst├Ątigkeiten hatte ich so viel Material, das ich nun zu einem Ratgeber zusammenfassen wollte.

Sie schreiben, dass das Buch kein ┬źKirchen-Marketing-Rezeptbuch┬╗ sein will.
Es ist ein handwerkliches Buch inklusive Checklisten und kann als Ratgeber dienen. Aber nicht in dem Sinn, dass es konkrete Tipps und Tricks liefert, die man anwenden soll, und dann wird alles gut. Kommunikation ist immer ein Ausdruck unseres Verhaltens. Wenn die Kommunikation der Kirchen zum Teil falsch wahrgenommen wird, hat dies auch mit ihrem und unserem Verhalten zu tun. Dazu haben wir uns im Buch mit zwei Studien befasst, die aufr├╝tteln sollen.

Eine der Studien befasst sich mit dem Image der Freikirchen in der Schweiz: Wie sieht dieses Image aus?
Die Freikirchen sind weitgehend unbekannt. Wenn man Herrn und Frau Schweizer am Telefon befragt, was Ihnen zu den Freikirchen in den Sinn kommt, sagen ├╝ber 40 Prozent gar nichts. Von denen, die mit einer Freikirche Kontakt hatten, erkl├Ąren 19 Prozent, dieser sei eher negativ gewesen. Es sollte zu denken geben, dass jeder F├╝nfte, der einmal eine Freikirche besucht hat, schlechte Erfahrungen gemacht hat.

Auf was f├╝hren Sie das zur├╝ck?
Das hat mehr mit dem Verhalten als mit der Kommunikation zu tun. So hatten viele, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren mit Freikirchen in Kontakt kamen, ungute Erlebnisse. Damals vertraten die Freikirchen starke moralische Werte, die sie mit Vorschriften verbanden. Sie waren weit entfernt von der Gesellschaft und zogen sich zur├╝ck. Die Freikirchen begannen sich erst Anfang der Neunzigerjahre zu ├Âffnen. Dieser Prozess ist noch am Laufen.

Konzentrieren sich die Freikirchen zu stark auf Sexualethik und die Mission und zu wenig auf die Botschaft der N├Ąchstenliebe?
Die Freikirchen haben sich bisher einerseits nicht dar├╝ber verst├Ąndigt, was ihre Kernbotschaft ist. Andererseits lassen sie sich durch gesellschaftspolitische Themen fremdbestimmen wie etwa die Homosexualit├Ąt. Diese ist theologisch irrelevant. Es gibt gerade einmal sechs Bibelstellen, die Homosexualit├Ąt am Rand erw├Ąhnen. Aber einige Freikirchen glauben, man m├╝sse aus moralischer Sicht dagegen Stellung beziehen. Das schadet ihrem Image und kollidiert mit den Schl├╝sselaussagen des Evangeliums.

Die einzige Freikirche mit positiven Echo ist die Heilsarmee: Bedeutet dies, die Gesellschaft schaut st├Ąrker auf Taten als auf Worte?
Absolut. Das ist tief biblisch. Wort und Tat geh├Âren zwingend zusammen. Die Heilsarmee ist ja inzwischen das gr├Âsste private soziale Werk in der Schweiz. Sie ist pr├Ąsent mit ihren Topfkollekten in der Adventszeit, aber auch mit ihrer Arbeit f├╝r sozial Benachteiligte oder im Fl├╝chtlingsbereich. Die Auswertung der Studie hat ergeben, dass dort, wo die Freikirchen etwas Konkretes anbieten und sp├╝rbar sind, die Medien durchaus positiv eingestellt sind und gewinnend dar├╝ber berichten.

Die Freikirchen investieren Millionen in ihre Kampagnen: Warum gelingt es ihnen trotzdem nicht, die Gesellschaft mit ihrer Botschaft anzusprechen?
Der gesellschaftliche Trend l├Ąuft gegen die Institution der Kirche. Die soziologische Studie ┬źReligionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft┬╗ von 2011 zeigt, dass rund 320 000 Katholiken am Wochenende einen Gottesdienst besuchen, 250 000 Leute aus den Freikirchen und 170 000 aus den reformierten Landeskirchen. Das sind zusammengenommen keine zehn Prozent der Schweizer Bev├Âlkerung. Die Kirchen und das Christentum sind zu einer Randerscheinung geworden. Dieser gesellschaftliche Verlust an Relevanz setzt sich fort. Dies sp├╝ren auch die Freikirchen, obwohl ihre Mitglieder aktiver sind als diejenigen der Landeskirchen.

Wie w├╝rden Sie das Image der Landeskirchen umschreiben?
Die Landeskirchen profitieren im Gegensatz zu den Freikirchen immer noch von einer grunds├Ątzlichen gesellschaftlichen Akzeptanz. Sie sind staatlich anerkannt, ihre Glaubw├╝rdigkeit ist hoch. Die Abstimmung zur Trennung von Kirche und Staat der Jungen FDP in Z├╝rich etwa wurde mit einer Zweidrittelsmehrheit abgelehnt. Die Landeskirchen geniessen nach wie vor einen Vertrauensbonus in der Bev├Âlkerung. Man findet, dass sie mit ihren sozialen Werken einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten, auch mit ihren seelsorgerlichen Diensten, die ├╝ber Taufe, Trauung und Abdankung hinausgehen. Schaut man jedoch die Mitgliederstatistiken an, so sind die Austrittszahlen hoch. Die Freikirchen sind einigermassen lebendig, wachsen zwar nicht, sind aber stabil, w├Ąhrend die Landeskirchen laufend Mitglieder verlieren. Dies spricht nicht f├╝r ihre Lebendigkeit.

Warum gelingt es den Volkskirchen nicht, die grosse Masse anzusprechen?
Wir feiern seit letztem Jahr das Reformationsjubil├Ąum. Vor 500 Jahren war eine grosse Reformation n├Âtig. Doch ich denke, die Kirche muss sich immer reformieren. In den meisten Unternehmen hat die Organisation in Teams die alten hierarchischen Strukturen abgel├Âst, auch in der Schule arbeitet man heute mit verschiedenen Lernformen. Nur die Kirchen setzen immer noch ausschliesslich auf Frontalunterricht. Das ist nicht mehr zeitgem├Ąss, wenn man heute eine Botschaft unter die Leute bringen und sich gesellschaftlich positionieren will. Hier kommen die Kirchen unter Druck. Sie m├╝ssen sich ├╝berlegen, wie sie die Leute ansprechen und erreichen k├Ânnen. Diese wollen nicht mehr nur angepredigt werden.

Was m├╝ssten die Volkskirchen ├Ąndern?
Ein gutes Beispiel ist die englische Kirche mit ┬źfresh expressions┬╗. Man versucht nicht, die grossen Kirchen zu f├╝llen, sondern geht zu den Menschen ins Quartier. Man ist pr├Ąsent an M├Ąrkten und Dorf- oder Stadtfesten, dort, wo sich die Leute eh schon aufhalten. Eine empirische Studie der Universit├Ąt Bayreuth untersuchte unter dem Titel ┬źNutella oder Gottesdienst?┬╗, wie sich Sozialtrends auf gottesdienstliches Teilnahmeverhalten auswirken. Auf die Frage, was sie am Sonntagmorgen vorziehen, ein Nutella-Brot oder den Besuch eines Gottesdienstes, sprach sich die Mehrheit f├╝r Nutella aus. Das zeigt, dass der traditionelle Sonntagsgottesdienst an der gesellschaftlichen Realit├Ąt vorbeizielt.

War dies nicht immer so, nur gab es fr├╝her einen sozialen Druck, den Gottesdienst zu besuchen?
Einerseits existierte ein moralischer Druck. Andererseits wusste man aber, was es f├╝r den gesellschaftlichen Zusammenhalt brauchte, Tugenden wie etwa gute Umgangsformen. Diese Tugenden bauen auf den christlichen Werten. Man wusste, wenn ich die christlichen Werte wachhalten will, dann ist es gut, in die Kirche zu gehen und zuzuh├Âren, sonst verlieren diese Tugenden an Relevanz. Genau dies kann man heute beobachten.

Pfarrer Ernst Sieber ist f├╝r Sie das Beispiel f├╝r eine erfolgreiche Kommunikation. Warum?
Wie die Heilsarmee, steht Pfarrer Sieber f├╝r das Zusammengehen von Wort und Tat und f├╝r eine kreative Verk├╝ndigung. Er brillierte als Fernsehpfarrer, als er aus einem Bilderrahmen ein Kreuz bastelte oder seinen Esel mitbrachte. Er wagte freche Dinge und gewann Aufmerksamkeit. Und seine Taten sprechen f├╝r sich. So errichtete er etwa illegal Baracken f├╝r Obdachlose. Er packte an, um das Drogenelend auf dem Z├╝rcher Platzspitz zu bek├Ąmpfen. Sein soziales Werk entstand in einem schwierigen gesellschaftlichen Kontext und machte ihn bekannt. Er scheute sich nicht, sich geradlinig mit Wort und Tat einzusetzen.

Sie kritisieren auch die Zusammenlegung von Kirchgemeinden als ihre geordnete Beerdigung? Warum sind solche Strukturbereinigungen f├╝r Sie erfolglos?
Meistens geschehen diese Strukturbereinigungen top down. Es entsteht keine Kreativit├Ąt, wenn von oben Sparen verordnet wird. Es funktioniert besser, wenn man versucht, von unten nach oben neue Ideen einzubringen. Viele Leute haben etwas beizutragen, die Kirche lebt ja von Freiwilligen. Wenn es den Kirchen nicht mehr gelingt, Leute mit pers├Ânlichem Engagement und guten Ideen f├╝r sich zu gewinnen, wird es schwierig.

Was war JesusÔÇÖ Rezept, dass seine Botschaft so durchschlagend war?
Jesus lebte mitten in der Gesellschaft, mit den Menschen. Er brachte Beispiele aus dem Alltag. Die Leute erkannten sich wieder. Er lebte seine ├╝berraschende Botschaft, machte die Leute neugierig, so dass sie ihm folgten. H├Ątte es damals den ┬źBlick┬╗ gegeben, w├Ąre Jesus sicher h├Ąufig auf der Frontseite gewesen, weil etwas Spektakul├Ąres passierte. Er stellte nie einen Machtanspruch, sondern lebte f├╝r eine neue, lebendige Lehre. Am Sonntag kann man zwar zur Ruhe kommen, aber er bereitet die Leute zu wenig auf ihren Alltag vor. Die Kirchen m├╝ssten sich am Beispiel von Jesus ├╝berlegen, wie sie die Menschen am Sonntag ausr├╝sten k├Ânnen f├╝r ihren Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag.

Interview: Karin M├╝ller, kirchenbote-online, 16. August 2019

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