News aus dem Kanton St. Gallen

(K)ein Bild machen?!

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16.07.2019
Wir sollen uns kein Bild von Gott machen und gleichzeitig kommen wir nicht ohne Bilder aus, wenn wir über Gott – und mit Gott – sprechen. Diese Spannung zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel und die Kirchengeschichte.

Die biblische Sprache ist voller Bilder. Die Psalmen beschreiben Gott unter anderem als guten Hirten, Fels, Burg, Schild, Vater der Waisen, Anwalt der Witwen. Jesus sprach in Gleichnissen vom Himmelreich, das einem Senfkorn, einem Schatz im Acker, Sauerteig oder einer verlorenen M├╝nze gleicht. Wie k├Ânnen wir von Gott und vom Himmelreich anders reden als in Bildern? Wie sollen wir die Wirklichkeit Gottes, die unsere menschliche Wirklichkeit ├╝bersteigt, anders als mit bildhaften Vergleichen zu beschreiben versuchen?

┬źDu sollst dir kein Bildnis machen┬╗
Gleichzeitig hallt in unseren Ohren das Gebot ┬źDu sollst dir kein Bildnis machen┬╗ (2. Mose 20, 4) nach. Wir sollen Gott nicht auf ein Bild festlegen. Ihn nicht in ein Bild ┬źeinsperren┬╗. Wenn ich ein festes Bild von einer Person oder einem Gegenstand habe, dann habe ich das Gef├╝hl, ├╝ber diese Person oder diesen Gegenstand zu verf├╝gen. Ich kann das Bild herumzeigen und sagen: ┬źSo ist diese Person. So ist dieser Gegenstand. So ist Gott.┬╗ Das Bilderverbot richtet sich dagegen, dass wir uns Gott ┬źunter den Nagel reissen┬╗, uns seiner bem├Ąchtigen und ├╝ber ihn verf├╝gen. Gott ist immer jenseits der Bilder, die wir uns von ihm machen. Im engeren Sinn will das Gebot verhindern, dass die Israeliten ihren Nachbarv├Âlkern nacheifern und ebenfalls Schnitzbilder oder gegossene Standbilder von Gott anfertigen und diese anbeten.

Br├╝cke zum Urbild schaffen
Die orthodoxe Kirche kennt bis heute eine reiche Tradition von Ikonen, welche Christus, die Dreieinigkeit, Maria, Heilige und die Apostel darstellen. Sie sind aber ausdr├╝cklich kein Gegenstand der Anbetung, sondern wollen eine Br├╝cke schaffen zum Urbild, das ┬źhinter┬╗ dem Bild steht. Ikonen sind eine Hilfe, um dem G├Âttlichen zu begegnen. Im Mittelalter waren die Kirchen oft mit Fresken ausgemalt. Man feierte den Gottesdienst in Anwesenheit der Glaubenszeugen, die den Menschen vorangegangen waren. Die Bilder dienten auch der Vergegenw├Ąrtigung der biblischen Geschichten f├╝r Menschen, die nicht lesen konnten.

Zwingli und die Bilderfrage
Zwingli lehnte die Bilder und Statuen ab, weil Christus der einzige Vermittler zwischen Gott und den Menschen ist. Es braucht keine Heiligen als Nothelfer. Deshalb kritisiert er die Bilderverehrung zusammen mit der Heiligenverehrung. Sie verstellt den Blick daf├╝r, dass nur einer allein ┬źunser zuoflucht und trost ist┬╗. Allerdings liess Zwingli Bilder gelten, wenn sie im Dienst der Verk├╝ndigung standen. Die erste Z├╝rcher Gesamtausgabe der Bibel (Froschauer Bibel) enthielt viele kunstvolle Bilder.

Kunst macht sichtbar
Diese Zur├╝ckhaltung gegen├╝ber Bildern hat sich bis heute in der reformierten Kirche erhalten. Sakrale Kunst wird als dekoratives Element zur Aufh├╝bschung des Kirchenraumes oder eines Kirchgemeindehauses angesehen. Wir haben uns an eine Hungertuch-├ästhetik gew├Âhnt, welche ein p├Ądagogisches Anliegen vertritt.┬á Kunst in der Kirche k├Ânnte aber auch wieder ihren Platz finden als Sehhilfe, die versucht, Unsichtbares sichtbar zu machen, den Grund des Seins aufleuchten zu lassen. Eine Kunst, die nicht einfach sich selbst gef├Ąllt oder die plumpe Provokation sucht, sondern einen Erfahrungsraum ├Âffnet.

In Szene setzen
Die Helen Dahm-Ausstellung im Kunstmuseum des Kantons Thurgau in der Kartause Ittingen ist ein eindr├╝ckliches Beispiel, wie ein Mensch in einen Dialog tritt mit biblischen Elementen und in eine Resonanz dazu geht. Was wiederum beim Betrachtenden ÔÇô sofern er oder sie empf├Ąnglich daf├╝r ist ÔÇô innerlich etwas zum Klingen bringen kann. Auch die Reihe ┬źBibelspot┬╗, welche das katholische Bibelwerk lanciert, will biblische Kunstwerke in Szene setzen. Im August f├╝hrt die Entdeckungsreise in die Kartause Ittingen, wo in der Klosterkirche die S├╝nderin, die Jesus die F├╝sse k├╝sst, abgebildet ist. (tb)

 

Eintauchen in die Kirchenbildbetrachtung in der Kartause Ittingen: Bibelspot ┬źSie ber├╝hrt ihn┬╗, Vesperfeier mit anschliessendem Imbiss, 11. August, 18 Uhr, Klosterkirche; Ausstellung ┬źHelen Dahm: Ein Kuss der ganzen Welt┬╗, bis 25. August 2019, Kunstmuseum Thurgau.