News aus dem Kanton St. Gallen

Kann KI die Pfarrerin ersetzen?

von Stefan Degen
min
22.01.2026
Künstliche Intelligenz krempelt zurzeit die Arbeitswelt um. Aber kann sie auch den Pfarrermangel lindern, Begegnungen ersetzen und Seelsorgegespräche führen?

Das Echo war gross, als Kathrin Bolt, Pfarrerin der Laurenzenkirche in St. Gallen, vor knapp drei Jahren ihre Predigt von ChatGPT schreiben liess.  «Künstliche Intelligenz auf der Kanzel», titelte das SRF, während die NZZ schrieb, die Pfarrerin vertraue doch lieber dem Heiligen Geist. Bolt selbst sah ihr Experiment kritisch: «Die Predigten, die mir ChatGPT vorschlug, klangen nicht nach mir – obschon ich eigene Texte als Beispiel hochgeladen habe.» Die Predigt habe konventionell und vorhersehbar gewirkt.

 

Die Landeskirchen sind bekannt für ihre Vielzahl rechtlicher Bestimmungen. Statt mühsam Paragrafen zu wälzen, kann man bei einfachen Fragen die darauf trainierte KI nachschauen lassen.

Seither haben sich die Fähigkeiten von KI rasant weiterentwickelt. Gleichzeitig ist der Fachkräftemangel in den Kirchgemeinden real. Pfarrpersonen sind rar, bei Sozialdiakonen und Religionslehrern sieht es kaum besser aus. Kirchenvorsteherschaften haben Mühe, genügend Mitglieder zu finden, und die Kirchgemeindeverwaltungen stehen unter Druck. Kann KI hier entlasten?

Wozu KI taugt

Antworten gibt Spiro Mavrias. Der Theologe entwickelt für die Reformierte Kirche des Kantons Zürich KI-Tools und berät Kirchgemeinden. Er sieht Potenzial vor allem als Unterstützung bei administrativen Aufgaben: «KI kann Sitzungsprotokolle schreiben.» Das funktioniere selbst mit verschiedenen Schweizer Dialekten.

Menschen wollen Menschen als Gegenüber, gerade in der Kirche.

Oder sie könne einfache rechtliche Fragen klären, etwa ob man in der Kirchgemeinde einen Film zeigen dürfe. «Darauf trainierte KI kann in Sekunden herausfinden, ob eine Pauschallizenz der Kantonalkirche besteht.» Die Landeskirchen sind bekannt für ihre Vielzahl rechtlicher Bestimmungen. Statt mühsam Paragrafen zu wälzen, könne man bei einfachen Fragen die darauf trainierte KI nachschauen lassen.

ChatGPT jagt Junge durch Assisi

Ähnlich denkt die St. Galler Kommunikationsfachfrau und KI-Expertin Antonia Zahner. Wichtig sei, die Datenschutzbestimmungen einzuhalten. Weitere Anwendungen sieht sie im Erstellen von Texten und Flyern oder in der Planung des Religionsunterrichts: «Religionslehrer haben gute Erfahrungen damit gemacht, von einem Chatbot Verbesserungsvorschläge zu ihrer Unterrichtsplanung einzuholen.» Ein weiteres Beispiel: ChatGPT organisierte bei einer Jugendreise nach Assisi eine digitale Schnitzeljagd.

Seelsorgetraining per Chatbot

Viele Menschen nutzen ChatGPT als Ratgeber, ja sogar als Psychotherapeuten. Eine eigene kirchliche Seelsorge-KI lehnen Zahner und Mavrias aber ab. «Menschen wollen Menschen als Gegenüber, gerade in der Kirche», sagt Zahner. Mavrias ergänzt: «KI sollte Beziehungen nicht ersetzen.» Ein Chatbot sei kein Du, sondern ein Es. «Der Chatbot redet nur über das, was ich möchte, er fordert mich nicht heraus. Er ist devot und jederzeit verfügbar. Eine echte menschliche Begegnung lässt das nicht zu.»

Mavrias hat dennoch eine KI-Anwendung für die Seelsorge entwickelt. Der Chatbot richtet sich allerdings an Seelsorgende und simuliert ein Seelsorgegespräch, mündlich oder schriftlich. So können sie mit einer KI als Gegenüber trainieren – ohne mit einer falschen Reaktion Schaden anzurichten.

Copilot statt Autopilot

Und wie steht es mit Gottesdiensten? Soll die KI ein Gebet verfassen oder eine Andacht vorbereiten? «Ich habe das getestet», sagt Mavrias. Zusammen mit Spitalseelsorgenden erarbeitete er in einem Workshop eine Andacht zum Thema Angst. «Der vom Chatbot vorgeschlagene Text war überraschend brauchbar, weil wir viel Kontext geliefert, präzise Prompts formuliert und den Entwurf anschliessend redaktionell geprüft haben», so Mavrias. Entscheidend sei, wofür und wie man KI nutze: «Als Ideengeberin und Formulierungshilfe kann das sinnvoll sein, die theologische Verantwortung kann sie aber nicht übernehmen.» Denn eine Predigt sei theologisch gesehen mehr als ein Text. Dem stimmt Zahner zu. «Die Frage ist, wie ich den Chatbot nutze. Wenn er ein Copilot ist, mit dem ich zusammenarbeite, ist das gut. Nicht gut ist, wenn ich ihn als Autopilot einsetze und ihm die Verantwortung abgebe.»

Weder als Copilot noch als Autopilot hat Kathrin Bolt ChatGPT seit ihrem Experiment vor drei Jahren genutzt. Künstliche Intelligenz bleibe ihr suspekt, sagt sie auf Anfrage. Sie schreibe ihre Texte einfach lieber selbst.

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