News aus dem Kanton St. Gallen

Karibikinsel auf dem Sprung ins 21. Jahrhundert

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04.03.2016
Am 4. März feiern die Kirchen rund um den Erdball den Gottesdienst zum Weltgebetstag. Thema in diesem Jahr ist Kuba. Ein Augenschein vor Ort zeigt ein Land zwischen kommunistischer Vergangenheit und kapitalistischer Zukunft.

Touristen sitzen in den Restaurants an der Uferpromenade von Havanna. Sie sind gekommen, um das sozialistische Experiment in der Karibik noch zu sehen, bevor McDonald’s und Louis Vuitton in die baufĂ€lligen Palacios und HerrenhĂ€user einziehen.

Seit US-PrĂ€sident Barack Obama den kubanischen PrĂ€sidenten RaĂșl Castro getroffen hat und die jahrzehntelange Eiszeit zwischen den USA und Kuba zu Ende geht, vollzieht das Land einen politischen und gesellschaftlichen Wandel. Viele Kubanerinnen und Kubaner erhoffen sich von der Öffnung mehr Wohlstand. Doch sie fĂŒrchten, dass der Dollarsegen die Errungenschaften der Revolution wie das Bildungswesen, das Gesundheitswesen und die SolidaritĂ€t wegfegen werde. «Wir wollen nicht wie andere LĂ€nder in Mittel- und SĂŒdamerika werden», meint einer der Kellner. «Diese enorme Kluft zwischen Reich und Arm, diese KriminalitĂ€t und Korruption!»

Die Kirchen geschlossen
Kuba ist in diesem Jahr das Schwerpunktland des Weltgebetstags, der am 4. MĂ€rz in den Gottesdiensten rund um die Welt gefeiert wird. Das Land befindet sich im Wandel. Nach der Revolution von 1959 ĂŒbernahmen Fidel Castro und seine Genossen die Macht. Die USA verhĂ€ngten ein Handelsembargo, das die Insel vom Westen abschnitt und zu VersorgungsengpĂ€ssen fĂŒhrte. Kuba wurde zur kommunistischen Diktatur. Kirchen wurden geschlossen und politische Gegner eingesperrt. Als 1990 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Versorgung durch den Bruderstaat ausblieb, geriet Kuba in eine wirtschaftliche und soziale Krise. Zehntausende, vor allem junge Menschen, sahen und sehen ihre Zukunft nicht mehr im Karibikstaat und wollen in die USA.

Meister der Improvisation
Mangelwirtschaft prĂ€gt seit Jahrzehnten den Alltag der Kubaner. Ihr Leben ist hart. Doch sie sind Meister der Improvisation. Das Einkommen reicht nicht weit. Die Lebensmittelkarten, die «Libreta», die seit 1962 den Inselbewohnern ihre Existenz sichern sollen, sind nicht mehr viel wert. Die meisten Kubanerinnen und Kubaner betreiben neben ihrer Anstellung ihre eigenen GeschĂ€fte. Es sei nicht wichtig, was man an einer Stelle verdiene, sondern was man mit nach Hause nehmen könne, sagt eine 22-JĂ€hrige. Und erlĂ€utert das kubanische Wirtschaften an Beispielen: Ihre Tante, eine Ärztin, handelt im Spital noch mit Schuhen. Eine ihrer Kolleginnen gab ihren Beruf als AnwĂ€ltin auf und arbeitet heute an einer Tankstelle. Am Abend fĂŒllt sie Benzin in Flaschen, die sie auf dem Schwarzmarkt verschachert. Anders sei das Überleben nicht möglich. Wer einen Job in der Tourismusbranche in einem der prĂ€chtigen Hotels an den StrĂ€nden von Varadero ergattert, gehört zu den Gutverdienenden. Er erhĂ€lt alleine durch die Trinkgelder das Vielfache eines Akademikers.

Lieber BMW als Oldtimer
Westliche Technik fehlt in Kuba weitgehend, ausser die Verwandtschaft in Florida besorgt die GerĂ€te. Die meisten Kubaner verfĂŒgen ĂŒber keinen privaten Zugang ins Internet, man trifft sich in einem der zahlreichen InternetcafĂ©s. Liebevoll pflegen die Kubaner ihre Oldtimer. SĂ€uberlich aufgereiht stehen die prachtvollen Buicks, Chevrolets und Cadillacs vor dem «Capitolo» in Havanna. Bestaunt von den Touristen, die von solchen Perlen trĂ€umen. «Er wĂŒnsche sich einen Golf oder einen BMW», sagt der Taxi-Fahrer. Das Wort BMW lĂ€sst er sich auf der Zunge zergehen. «Die chinesischen Autos, die man seit kurzem erstehen kann, taugen nichts. Halten nicht lange!», meint er und unterstreicht dies mit einer abfĂ€lligen Handbewegung, wĂ€hrend er elegant eines der tiefen Schlaglöcher auf der Strasse umkurvt.

Stolz auf die UnabhÀngigkeit
Seit der Revolution sind Frauen im Inselstaat gleichberechtigt. Frauen sind in den meisten Berufen selbstverstĂ€ndlich. Lediglich im PolitbĂŒro, dem Machtzentrum, sitzt bloss eine Frau. Hier sind die alten Herren noch unter sich. Der Alltag der Frauen wird von traditionellen Bildern geprĂ€gt. Die meisten berufstĂ€tigen Kubanerinnen sind alleine verantwortlich fĂŒr Haushalt, Kinder und die Pflege der betagten Angehörigen. Doch die wenigsten beklagen sich ĂŒber diese Doppel- bis Dreifachbelastung. Sie sind stolz auf ihre UnabhĂ€ngigkeit.

Protestanten in der Minderheit
Inzwischen hat sich auch die Lage fĂŒr die Kirchen entspannt. Auf Kuba geben sich die KirchenfĂŒhrer die Klinke in die Hand. Auf den Besuch von Papst Johannes Paul II. folgte Benedikt XVI. Vor kurzem traf Papst Franziskus den Patriarchen Kyrill I. in Havanna. Die Protestanten befinden sich in der Rolle einer Minderheit.

Die Musiker, die den Touristen aufspielen, stimmen «Hasta Siempre, Comandante» an, die Hymne auf den RevolutionÀr Che Guevara. Sein Konterfei wird auf der Insel wie eine Ikone verehrt. Vor 60 Jahren hÀtte der Comandante die Westler, die trunkselig in das Lied einstimmen, ins Meer getrieben.

Tilmann Zuber / Kirchenbote / 4. MĂ€rz 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

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