News aus dem Kanton St. Gallen
Studie Grenzverletzungen

Kirche setzt auf Prävention – und geht voran

von Carole Bolliger
min
18.03.2026
Die Reformierte Kirche Kanton Luzern geht neue Wege: Als erste reformierte Kirche in der Schweiz hat sie ihre Mitglieder systematisch zum Thema Grenzverletzungen befragt. Die Ergebnisse zeigen deutlich: Prävention ist kein Randthema.

Rund 4000 Mitglieder wurden angeschrieben, 774 nahmen an der Umfrage des Forschungsinstituts gfs.bern teil. Die Resultate liefern erstmals eine fundierte Datengrundlage für die kirchliche Präventionsarbeit. «Wir wollen ein sicherer Ort für das Miteinander sein», sagt Synodalratspräsidentin Lilian Bachmann. Die Studie helfe zu verstehen, wo Risiken liegen und was die Mitglieder von ihrer Kirche erwarten.

Kirchliche Arbeit lebt von Nähe, Vertrauen und persönlichen Begegnungen. Genau darin liegt aber auch ein Spannungsfeld. «Wir bewegen uns zwischen Nähe und Distanz», sagt Synodalrat Markus Pfisterer. Entscheidend sei, diese Balance bewusst zu gestalten und professionell damit umzugehen.

Die Mitglieder sehen das ähnlich: 83 Prozent der Befragten stimmen zu, dass kirchliches Leben von Nähe und Emotionen geprägt ist. Es besteht eine breite Übereinstimmung, dass deshalb klare Regeln und offene Kommunikation notwendig sind. Grenzverletzungen sollen angesprochen werden können, Schutzmechanismen müssen bekannt sein. Gleichzeitig zeigt sich eine Unsicherheit: Rund die Hälfte der Befragten kann nicht einschätzen, wie häufig Grenzverletzungen vorkommen. Für die Verantwortlichen ist das ein klares Signal, dass es mehr Information und Sensibilisierung braucht.

 

Markus Pfisterer, Synodalrat, und Lilian Bachmann, Synodalratspräsidentin leiten das Projekt der Reformierten Kirche Kanton Luzern. | Foto: Gabriel Ammon

Markus Pfisterer, Synodalrat, und Lilian Bachmann, Synodalratspräsidentin leiten das Projekt der Reformierten Kirche Kanton Luzern. | Foto: Gabriel Ammon

 

Verletzende Aussagen am häufigsten

Die grosse Mehrheit der Befragten hat keine eigenen Erfahrungen mit Grenzverletzungen im kirchlichen Kontext gemacht. Vier Prozent geben jedoch an, solche erlebt zu haben – konkret 29 persönliche Erfahrungen innerhalb der Stichprobe. Am häufigsten genannt werden verletzende oder abwertende Aussagen sowie ein unangemessener Umgang mit Macht und Autorität. Es geht also vor allem um psychische Grenzverletzungen, weniger um körperliche oder sexuelle Übergriffe.

Typisch ist auch das Machtgefälle: In fast vier von fünf Fällen war die grenzverletzende Person in einer höheren Position. Das unterstreicht, wie stark Fragen von Verantwortung und Hierarchie eine Rolle spielen. Risikoreich sind laut Studie vor allem Situationen im kleinen, persönlichen Rahmen: Einzelgespräche, Seelsorge oder Gespräche über intime Themen. Auch die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen oder hilfesuchenden Menschen wird als sensibel wahrgenommen. Öffentliche Anlässe wie Gottesdienste oder Grossveranstaltungen gelten dagegen als deutlich weniger problematisch.

Die Mitglieder erwarten, dass die Reformierte Kirche im Kanton Luzern hier vorwärtsmacht.

Klare Erwartungen an die Kirche

Die Mitglieder haben eine klare Erwartung an die Kirche: Präventions- und Interventionsmassnahmen stossen auf breite Zustimmung. Besonders wichtig sind transparente und gut zugängliche Meldewege, verbindliche Standards sowie Schulungen für Mitarbeitende und Freiwillige. «Die Mitglieder erwarten, dass die Reformierte Kirche im Kanton Luzern hier vorwärtsmacht», sagt Projektleiter Tobias Keller von gfs.bern.

Auffällig ist dabei die klare Priorität: 85 Prozent der Befragten finden es wichtiger, Schutzmechanismen weiterzuentwickeln und konkret zu handeln, als sich ausschliesslich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Gleichzeitig betonen viele, dass auch eine Aufarbeitung ihren Platz haben muss.

Prävention als System

Die Reformierte Kirche Kanton Luzern arbeitet bereits seit 2022 daran, Prävention systematisch zu verankern. Inzwischen ist ein ganzes Bündel an Massnahmen entstanden: rechtliche Grundlagen, ein Verhaltenskodex, verpflichtende Schulungen sowie eine unabhängige externe Meldestelle. Neu ist zudem ein digitales Monitoring-Tool, das die Umsetzung der Massnahmen nachvollziehbar macht.

Ein weiterer innovativer Schritt ist die Wirkungsmessung: Die aktuelle Studie dient als Ausgangspunkt, in drei Jahren soll eine zweite Erhebung zeigen, ob die Massnahmen greifen. «Präventionsarbeit ist nie abgeschlossen, sie ist ein fortlaufender Prozess», sagt Bachmann.

Transparenz und Beteiligung

Die Studie zeigt, dass dafür eine gute Grundlage besteht: Die reformierte Kirche geniesst bei ihren Mitgliedern ein vergleichsweise hohes Vertrauen. Dieses Vertrauen sei entscheidend, um auch sensible Themen glaubwürdig anzugehen. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass Prävention mehr ist als ein Regelwerk. Sie verlangt Aufmerksamkeit im Alltag, Sensibilität im Umgang miteinander und die Bereitschaft, auch unbequeme Fragen zu stellen. Oder wie es Bachmann formuliert: «Prävention gelingt nur, wenn wir hinschauen und gemeinsam Verantwortung übernehmen.»

 

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