News aus dem Kanton St. Gallen

Mit Pinsel, Sand und Motorsäge

von Martina Seger-Bertschi
min
26.12.2025
Claudia Kündig erzählt die Bibel mit den Händen. Indem sie sie malt, sägt und in den Sand zeichnet. Während ihr Mann den entsprechenden Text liest, entstehen Bilder und Skulpturen — in Echtzeit. Ein Bild bleibt ihr besonders in Erinnerung.

Zwei Hände. Sie liegen auf einer Glasplatte, die mit einer etwa fünf Millimeter hohen Sandschicht bedeckt ist. Die zwei Handflächen sind nach unten gedreht – alle Finger leicht gespreizt – und bewegen sich. Ein bisschen nach oben, danach in einem kleinen Bogen leicht auseinander: Zwei Engelsflügel sind vor den Augen der Zuschauerinnen und Zuschauer entstanden und leuchten, vom Beamer an die Wand projiziert, in den verdunkelten Raum. 

 

Das Wort steht am Anfang. Mit meinen Bildern will ich den Bibeltext nur untermalen

Es ist eine Szene der Weihnachtsgeschichte, die die Künstlerin Claudia Kündig mit Sand malt, während ihr Mann Ruedi Kündig aus der Bibel vorliest und erzählt. Manchmal mit Musik im Hintergrund. Rund um die Glasplatte, die auf vier Beinen steht und ein bisschen länger als ein grosses Pult ist, hängt ein purpurroter samtener Vorhang, dahinter versteckt ist der Beamer, der von unten die Glasplatte beleuchtet.

Vom Whiteboard zur Motorsäge

Claudia Kündig malt nicht nur zu Geschichten, sondern auch zu andere Texten aus der Bibel. Zum Beispiel zu den Kapitel 12 bis 14 des Römerbriefs – einer eher trockenen theologischen Abhandlung. «Bible Painting» nennen sie ihre Methode, ein Zusammenspiel aus gesprochenem Wort und live gemalten Bilder. Ruedi Kündig ist angestellt beim Bibellesebund, Claudia Kündig arbeitet ehrenamtlich mit. «Bible Painting» machen sie seit rund zwölf Jahren. 

Die jüngste Technik ist dreidimensional: Mit Motor- und Akkusäge entsteht vor den Augen des Publikums eine Skulptur.

«Schon länger wünschte ich mir, dass meine Kunst und mein Glauben zusammenkommen», sagt die Künstlerin Claudia Kündig. Sie ist dankbar, wie sich alles entwickelt hat. Sandpainting ist eine von verschiedenen Techniken, die sie beherrscht. Angefangen hat sie auf dem Whiteboard; auch dort lässt sie die Geschichten entstehen, während ihr Mann dazu spricht. Die jüngste Technik ist dreidimensional: Mit Motor- und Akkusäge entsteht vor den Augen des Publikums eine Skulptur.

Malen im Gefängnis

Ruedi Kündig hat die Texte den verschiedenen Techniken zugeteilt. Wünscht jemand das ganze Johannesevangelium für einen Bible-Painting-Anlass, kommt die Galerietechnik zum Einsatz. Kündigs nehmen die 77 schon fertigen Bilder (aufgehängt in ihrem Treppenhaus) plus eine leere Leinwand mit Staffelei und Malutensilien an den Einsatzort mit. Während Ruedi Kündig zu jedem Bild den passenden Text auswendig rezitiert, malt Claudia Kündig ein Bild zum Johannesevangelium, welches danach meistens vor Ort bleibt.

«Das Wort steht am Anfang. Mit meinen Bildern will ich den Bibeltext nur untermalen», betont Claudia Kündig. Sie weiss, was Bilder für eine Macht haben können, und ist sich ihrer Verantwortung bewusst. 

Pro Jahr machen Claudia und Ruedi Kündig ungefähr 60 Bible-Painting-Einsätze. Knapp die Hälfte im Rahmen von Sonntagsgottesdiensten. Gibt es Erlebnisse oder Orte, die ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind? «Wir haben schon mehrmals in Gefängnissen die Weihnachtsgeschichte erzählt und gezeigt», sagt Ruedi Kündig. «Das war jedes Mal speziell berührend.» Für beide Seiten. Claudia Kündig erinnert sich zum Beispiel daran, wie sie auf dem Whiteboard das Gleichnis vom verlorenen Sohn gemalt hat: «Nach diesem Einsatz war ich frustriert, weil mir die Zeichnung zur Szene, als der Vater den Sohn wieder zu Hause willkommen heisst, nicht gelungen ist.»

Verblüffend ähnlich

Die Überraschung kam ein Jahr danach. Eine Teilnehmerin jenes Anlasses vertraute Claudia Kündig an, dass es ihr in der Zeit vor dem Bible-Painting schlecht gegangen sei. Sie habe Zweifel an Gott gehabt und ein Bild gemalt. «Dieses Bild war fast identisch mit demjenigen, das ich gemalt habe und mit dem ich nicht zufrieden war», sagt Claudia Kündig. Dadurch wurden beide ermutigt. «Als sie mir ihr Bild gezeigt hat, konnte ich es fast nicht glauben. Sie sind verblüffend ähnlich.» Die zwei Väter schauen mit dem gleichen liebevollen Blick ihren Sohn an und halten ihre Hand in gleicher Weise beschützend um ihn. Auch die Farben sind fast die gleichen.

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