News aus dem Kanton St. Gallen

«Musik ist mein Zugang zur Spiritualität»

von Stefan Degen
min
06.02.2024
Daniel Bleiker bringt als Laienmusiker den Pop in die Kirche Flawil. Musik ist seine Leidenschaft, die Sprache, mit der er seinen Glauben ausdrückt. Nur etwas macht den Primarlehrer beim Musizieren richtig nervös.

Alles begann mit einem Elternschreck: dem Keyboard in Daniel Bleikers Kinderzimmer. Mit ein paar Knöpfen konnte man darauf Playbacks laufen lassen, zu denen der DreikĂ€sehoch klimperte. Ein Bumm-Bumm-Didel-Dumm, das den Eltern den letzten Nerv töten kann. FĂŒr Bleiker aber war es ein Erweckungserlebnis: «Am Keyboard machte ich meine ersten Improvisationserfahrungen», erinnert er sich. «Sie prĂ€gen mich bis heute.»

Laie bringt Kirche zum Klingen

Heute sorgt der 35-JĂ€hrige fĂŒr Popmusik in der Kirchgemeinde Flawil. Ob an Familiengottesdiensten oder meditativen Abendfeiern, ob an Taufen oder Konfirmationen, ob allein oder mit Band: Immer wieder bringt Bleiker am Klavier die Kirche zum Klingen.

Der Bassist ist der Chef der Musik. Er gibt vor, was harmonisch läuft, und sorgt für den Groove. Mit und ohne Bassist, das ist wie Tag und Nacht.

Der Hobbymusiker und Primarlehrer brachte sich das Klavierspielen zuerst selbst bei, spĂ€ter besuchte er Klavierunterricht bei Andreas Hausammann, dem Leiter der Evangelischen Kirchenmusikschule St. Gallen. Eine musikalische Berufsausbildung am Klavier hat er nicht.

Mit dem Bassisten kam der Groove

Aufgewachsen ist Bleiker in der Evangelisch-Methodistischen Kirche (EMK) in Flawil, einer Freikirche, die den Reformierten nahesteht. «Wir hatten schon immer BerĂŒhrungspunkte mit den Reformierten und auch mit den Katholiken», erinnerte er sich. Flawil habe eine starke Ökumene: «Der Übergang zwischen den Konfessionen war fĂŒr mich fliessend.» Heute besuche er beide Kirchen, die reformierte und die EMK.

In die Kirchenmusik ist Bleiker per Zufall reingerutscht. Vor einigen Jahren fehlte jemand, der in Flawil an der Konfirmation spielte. Über seinen Klavierlehrer gelangte die Anfrage schliesslich an Bleiker. Dieser nahm gleich noch einen befreundeten Schlagzeuger mit. «Ich fand das eine gute Gelegenheit, einmal vor Publikum zu spielen», erinnert er sich.

Jeder Pianist hat nur 88 Tasten, aber durch diese Tasten öffnet sich eine unendliche Welt.

Nach der Konfirmation wurde Bleiker wieder angefragt, die Auftritte hĂ€uften sich. Manchmal begleitet er seine Frau, die singt und Geige spielt. Schliesslich stiess noch ein Bassist zur Band. «Der Bassist ist der Chef der Musik», schwĂ€rmt Bleiker, «er gibt vor, was harmonisch lĂ€uft, und sorgt fĂŒr den Groove. Mit und ohne Bassist, das ist wie Tag und Nacht.» 

88 Tasten erschliessen die Welt

Ist Bleiker nervös, wenn viele Menschen zuhören? «Als ich zum ersten Mal vor einem grösseren Publikum spielte, hatte ich enorm Lampenfieber», gesteht er, «aber mit der Zeit stellte sich eine gewisse Routine ein.» Etwas mache ihn allerdings nervös: wenn er wisse, «dass unter den Zuhörern ein Profimusiker ist, der jeden Patzer und jede Unsicherheit bemerkt».

Überhaupt mĂŒsse er viel ĂŒben fĂŒr die Auftritte. Doch Zeit ist beim Vater zweier kleiner Buben rar: Morgens zwischen 6 und 7 Uhr und abends nach 9 Uhr seien die Zeitfenster zum Üben. «Da ich es gern mache, fĂŒhlt es sich nicht wie Arbeit an», sagt er. Denn die Musik erschliesse ihm die Welt. «Sie ist mein Zugang zur SpiritualitĂ€t, mein Zugang zu Gott. Jeder Pianist hat nur 88 Tasten, aber durch diese Tasten öffnet sich eine unendliche Welt», schwĂ€rmt Bleiker. Popmusik sei im Vergleich zu Klassik harmonisch zwar ziemlich schlicht. «Sie ist aber fĂŒr viele Menschen sehr zugĂ€nglich. Alle gehen mit den Melodien mit.» Und gemeinsam zu singen, verbinde. «Dadurch entsteht eine Ad-hoc-Gemeinschaft», sagt er, und fĂŒgt an: «Wo singt man denn heute noch gemeinsam, wenn nicht in der Kirche?»

Unsere Empfehlungen

Guggenmusik bringt Chaos in Kirche

Guggenmusik bringt Chaos in Kirche

Musik in der Kirche ist Kunst der Spitzenklasse. Bachs Orgelwerke etwa sind eine Blüte der Kultur. Doch Kirchenmusik geht auch auf tieferem Niveau: schräger, schriller und mit Tätärätä. Zum Beispiel am Fasnachtsgottesdienst in Sargans.
Weltpremiere in St. Gallen

Weltpremiere in St. Gallen

Die Kirche St.  Laurenzen in St.  Gallen ist ein gotisches Bauwerk von nationaler Bedeutung. Die einmalige neue Surroundorgel wird ihr nun sogar zu internationaler Beachtung verhelfen. Der Rundumklang erfüllt den ganzen Raum und zieht wohl viele neue Besucher an. Nach fast achtjähriger Planungs- und ...
Von Schubert bis zu Star Wars

Von Schubert bis zu Star Wars

«Ich mag Instrumente, die leben», sagt Kantor Stefan Wieske von der Reformierten Kirchgemeinde Niederuzwil. Sichtlich ans Herz gewachsen ist ihm die Kuhnorgel aus dem Jahr 1938. Nicht ohne Grund.