News aus dem Kanton St. Gallen
Joachim Gauck in der Offenen Kirche Elisabethen

Pfarrer rief und der Bundespräsident kam

von Nicole Noelle
min
12.02.2024
Ein Abend für die Freiheit. Der ehemalige Deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sprach in der vollen Elisabethenkirche in Basel über die Bedrohung der Demokratien. Für ihn ist es wichtig, dass sich die Gesellschaft für ihre Freiheit stark macht.

┬źSie sind drin, herzlichen Gl├╝ckwunsch┬╗, begr├╝sste Franz Lorenz, Leiter der Offenen Kirche Elisabethen in Basel, die rund 400 Anwesenden, darunter viel Politprominenz wie St├Ąnder├Ątin Eva Herzog oder Regierungsrat Conradin Cramer. Es w├Ąren noch einige mehr gewesen, die gerne ┬źdrin┬╗ gewesen w├Ąren, aber die Veranstaltung vom 8. Februar mit dem ehemaligen deutschen Bundespr├Ąsidenten Joachim Gauck war seit Wochen ausverkauft.

Ein Brief und ein Telefonat

Gauck eingeladen hatte der emeritierte Basler Pfarrer und Philosophieprofessor Hans-Peter Schreiber aus Riehen. Inspiriert durch Joachim Gaucks Buch ┬źErsch├╝tterungen┬╗ schrieb der 88-J├Ąhrige dem ehemaligen deutschen Bundespr├Ąsidenten kurzerhand einen Brief und lud ihn nach Basel ein. Wenige Wochen sp├Ąter klingelte in Riehen das Telefon. Am Apparat: Joachim Gauck mit seiner Zusage. Hans-Peter Schreiber, der ┬źseinen Ohren kaum traute┬╗ und zun├Ąchst an einen Scherz glaubte, setzte sofort alle Hebel in Bewegung und organisierte mit einer kleinen Gruppe von Privatpersonen den Vortrag Gaucks in der Offenen Kirche Elisabethen in Basel.

Die Kirche als Veranstaltungsort ist f├╝r Gauck und Schreiber ein Heimspiel. Schreiber war nach seinem Theologiestudium Gemeindepfarrer in Oberwil, Therwil und Ettingen und danach 20 Jahre lang Studentenpfarrer an der Universit├Ąt Basel. Der 84-j├Ąhrige Joachim Gauck hatte vor seiner politischen Karriere ebenfalls Theologie studiert und war bis zum Mauerfall 1989 als Pfarrer in der ehemaligen DDR t├Ątig. In dieser Funktion war er Mitinitiator des Widerstandes gegen die Diktatur des SED-Regimes. Sp├Ąter verwaltete er als Leiter der Gauck-Beh├Ârde die Stasi-Akten. Gauck steht f├╝r Demokratie und Freiheit im vereinten Deutschland. Diese sieht der ehemalige Bundespr├Ąsident in seinem j├╝ngsten Buch bedroht. Die Veranstaltung in der Elisabethenkirche trug den Titel ┬źPolitische Ersch├╝tterungen, ├╝ber die Gef├Ąhrdungen liberaler Demokratien┬╗.

Krieg in der Ukraine bedroht die Demokratie

Eingeladen hatte Hans-Peter Schreiber auch die ehemalige Aargauer National- und St├Ąnder├Ątin Christine Egerszegi, die ihre Erfahrungen als Mitglied der Organisation f├╝r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) einbrachte. ┬áEgerszegi war Pr├Ąsidentin der Schweizer OSZE-Delegation, als Russland 2014 die Krim annektierte.┬á

Das Geheimnis ist, dass es erst anstrengend ist und dann glücklich macht.

Der Krieg in der Ukraine sollte an diesem Abend noch mehrfach zur Sprache kommen. Sein Buch ┬źErsch├╝tterungen┬╗, so Gauck, beziehe sich auf die ├Ąussere Bedrohung der Freiheit, der Demokratie, etwa durch Putin, ebenso wie auf die innere Bedrohung durch verschiedene autorit├Ąre Verf├╝hrungen, wie sie derzeit ├╝berall in europ├Ąischen Staaten zu beobachten seien.

Freiheit der Verantwortung

┬źSagen Sie uns etwas zum Stichwort Freiheit, Herr Gauck┬╗, bat Hans-Peter Schreiber. Viele Menschen empf├Ąnden Einschr├Ąnkungen als Eingriff in die pers├Ânliche Freiheit. Auch mit Blick auf die in der Kirche anwesenden Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler begann Joachim Gauck, dass man in jungen Jahren dazu neige zu sagen: ┬źIch bin ich und ich will Freiheit!┬╗ Das sei verst├Ąndlich. Wenn man jedoch ├Ąlter werde, m├╝sse man eine andere Form der Freiheit entdecken: Nicht die Freiheit von etwas, sondern die Freiheit zu etwas, f├╝r etwas. Als Beispiel nennt Gauck das Verliebtsein. Mit der Zeit wird der andere wichtiger als man selbst. Diese Form der Freiheit, Verantwortung zu ├╝bernehmen und darin keinen Zwang zu sehen, das sei die Freiheit der Erwachsenen. ┬źDas Geheimnis ist, dass es erst anstrengend ist und dann gl├╝cklich macht. Nachhaltiges Gl├╝ck.┬╗

Wandel durch Handel gescheitert

Andererseits warnte Gauck vor dem anderen Gesicht der Freiheit: dem Raubtierkapitalismus, der als nacktes Kalk├╝l und letztlich als Egoismus Solidarit├Ąt und Mitgef├╝hl neutralisiere. ┬źHeute steht die Demokratie vor ganz neuen Herausforderungen┬╗, meint Joachim Gauck. Die Politik nur gut und romantisierend ├╝ber den anderen zu denken und Wandel durch Handel zu erreichen, sei gescheitert. Brandstifter und Machtmenschen wie Putin s├Ąhen darin eine Schw├Ąche. Joachim Gauck forderte eine neue Entschlossenheit in der Friedensliebe, die auch Machthaber und Autokraten verstehen.

Wir brauchen eine neue Entschlossenheit in der Friedensliebe. Eine, die auch Machthaber und Autokraten verstehen.

So ging es unterhaltsam und lehrreich durch den Abend. Schreiber (┬ź...als ich noch konzessionierter Schamane war...┬╗) und Egerszegi (┬źDie Schweizer Armee fliegt wieder ausserhalb der B├╝rozeiten┬╗) fungierten wie in einer Talkshow als ┬źSidekicks┬╗, gaben Stichworte, stellten Fragen. Und auch wenn Gauck ├╝berbordendes Lob lapidar mit einem ┬źIch bin norddeutscher Protestant, das ist zu viel┬╗ zur├╝ckwies, lief der geb├╝rtige Rostocker entgegen dem Klischee des schweigsamen Norddeutschen zu rhetorischer Hochform auf.

Und das durchaus theologisch. Man erfuhr etwa, dass Gauck in der Nachkriegszeit, nach Auschwitz, grosse Zweifel hatte, ob Gott den Menschen wirklich nach seinem Ebenbild geschaffen habe. W├Ąhrend seines Studiums sei er ├╝berzeugt gewesen, dass er niemals ├╝ber diesen Text aus der Genesis predigen w├╝rde. Erst nach und nach habe er begriffen, was diese unerwartet klaren Worte bedeuten: ┬źGott hat den Menschen geschaffen mit der ihm eigenen F├Ąhigkeit, Verantwortung zu ├╝bernehmen f├╝r sich selbst und f├╝r alles, was um ihn ist. Kein anderes Wesen hat das. Und da dachte ich. Na, da ist es doch. Das ist etwas, das weit ├╝ber unsere biologische Existenz hinaus geht. Das uns verbindet mit beiden Welten.┬╗

 

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