News aus dem Kanton St. Gallen

«Plötzlich krachte es links und rechts»

min
29.04.2022
In seinem Buch «Als wäre es gestern gewesen!» lässt Matthias Wipf Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erzählen, wie sie die Bombardierung von Schaffhausen am 1. April 1944 erlebt haben.

┬źPl├Âtzlich krachte es links und rechts. Mama befahl meiner Schwester Esther und mir, sofort nach draussen zu rennen, was ihr sicherer erschien. Unsere Wohnung war zuoberst unter dem Dach, als wir ins Treppenhaus kamen und uns am Gel├Ąnder festhalten wollten, brach dieses zusammen. Wir st├╝rzten alle zusammen in die Tiefe. Das Haus hatte einen Volltreffer durch eine Sprengbombe erlitten und wurde komplett zerst├Ârt.┬╗ Die Erinnerungen von Silvia Ragaz-Gruber an die Bombardierung von Schaffhausen am 1. April 1944 durch eine amerikanische Fliegerstaffel enden tragisch. Sie selbst erlitt einen Sch├Ądelbruch, den sie nur knapp ├╝berlebte. Ihre j├╝ngere Schwester Esther war mit dreieinhalb Jahren das j├╝ngste Todesopfer der Katastrophe. Sie hatte einen Lungenriss erlitten, wohl durch die Druckwelle der Explosion, und war sofort tot.

┬źIch mache die Menschen dahinter greifbar┬╗
Mit 34 weiteren Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erz├Ąhlt Silvia Ragaz-Gruber im Buch ┬źAls w├Ąre es gestern gewesen!┬╗, was sie erlebten, als die Bomben fielen. Die Erinnerungen zusammengetragen hat der Historiker Matthias Wipf: ┬źIn meinen B├╝chern ÔÇ╣Bedrohte GrenzregionÔÇ║ und ÔÇ╣Die Bombardierung von SchaffhausenÔÇ║ habe ich die historischen Fakten ausf├╝hrlich dargestellt. In meinem neuen Buch gebe ich diesen Fakten ein Gesicht. Ich mache die Menschen dahinter greifbar.┬╗ Zun├Ąchst hatte Wipf im Zuge seiner historischen Arbeiten die Schilderungen der Zeitzeugen gesammelt mit der Absicht, sie dem Stadtarchiv zu ├╝bergeben, damit sie f├╝r die Nachwelt erhalten bleiben. ┬źAls dann kurz nacheinander drei dieser Pers├Ânlichkeiten starben, f├╝hlte ich mich innerlich dazu verpflichtet, ihre Berichte festzuhalten, um ihnen eine Stimme zu geben und das Geschehen den sp├Ąteren Generationen n├Ąherzubringen.┬╗

Die Arbeit mit den Zeuginnen und Zeugen jener Zeit beschreibt Wipf eindr├╝cklich: ┬źEs war ber├╝hrend, zu erleben, wie sich die Menschen beim Erz├Ąhlen ge├Âffnet haben und viele Tr├Ąnen flossen.┬╗ Alle Zeitzeugen erz├Ąhlen ihre Erlebnisse aus der Sicht der damaligen Kinder. ┬źDadurch sind bei aller Schwere der Ereignisse unmittelbare, fast schon unbefangene Schilderungen entstanden.┬╗ Matthias Wipf hatte zehn Berichte beisammen, als er beschloss, dieses Buch zu schreiben. Dem Autor war es wichtig, auch Bilder aus jenen Tagen abzudrucken. Gemeinsam haben sie diese in Schuhschachteln im Keller und auf dem Estrich zusammengesucht.

Angeh├Ârige verloren
Einige der im Buch portr├Ątierten Pers├Ânlichkeiten haben durch die Bomben Eltern, Geschwister oder nahe Angeh├Ârige verloren und sind selber schwer verletzt worden. Da ist zum Beispiel Hans Bader, der bei einem Bombenabwurf auf dem Bahnhof als 14-J├Ąhriger beide Eltern verloren hat: ┬źIch schaue ohne Gram auf die Ereignisse zur├╝ck, auch wenn ich meine Eltern oft vermisst habe.┬╗ Dass ihn ein Soldat im letzten Moment vom Sarg der Mutter wegzog, um ihm den Anblick zu ersparen, bedr├╝ckt ihn bis heute. ┬źDer Mann meinte es sicher gut, aber er nahm mir die Chance, mich von meiner Mutter verabschieden zu k├Ânnen. Das bereue ich bis heute.┬╗

Hans Langhart spielte draussen Fussball, als ihm eine Bombe den Unterschenkel abriss. Er verlor das ganze Bein, weil er im Spital drei Tage warten musste, bis man ihn behandelte. Langhart erz├Ąhlt vom vollmundigen Versprechen des Stadtrates, sich um ihn zu k├╝mmern, das er dann doch nicht einhielt.

Henri Eberli wurde mit einer Urkunde als ┬źRetter┬╗ geehrt, weil er seine vier j├╝ngeren Br├╝der aus dem brennenden Haus an der Neustadt zog. Als ┬źAusgebombter┬╗ lebte er mit seiner Familie vier Jahre lang mittellos in einer notd├╝rftigen Holzbaracke an der Sennereistrasse. Die Auszahlung der Gelder, die die Amerikaner als Schadenersatz geleistet hatten, musste sich die Mutter auf dem Amt hart erk├Ąmpfen, w├Ąhrend einer ┬źMehrbesseren┬╗ der ganze Schmuck anstandslos ersetzt worden war.

Mahnmal gegen den Krieg
Der in Schaffhausen aufgewachsene Erich von D├Ąniken erinnert sich daran, wie er in der Schule mit seiner Klasse in den Keller hinuntergeeilt sei und eine der Lehrerinnen ┬źNun ade, du mein lieb Heimatland!┬╗ angestimmt habe. Und der Fotograf Max Baumann, der als Helfer der ersten Stunde ins zerbombte Naturhistorische Museum eingeteilt wurde, erz├Ąhlt, wie der Direktor h├Ąnderingend rief: ┬źBuebe, passed jo uf d Zeddeli uf!┬╗ Er meinte damit die Beschriftung der einzelnen Steine in der Gesteinssammlung, w├Ąhrend anderswo Leute unter Tr├╝mmern lagen.

┬źDie Bombardierung ist sicherlich das pr├Ągendste Ereignis f├╝r die Geschichte von Schaffhausen, und ein St├╝ck weit ist es auch identit├Ątsbildend┬╗, so Matthias Wipf. ┬źMein grosser Wunsch ist, dass mein Buch auch an Schulen gelesen wird. Als Erinnerung und als Mahnmal daf├╝r, was Krieg bedeuten kann.┬╗

Adriana Di Cesare, kirchenbote-online

Unsere Empfehlungen

Die Moral erobert die Politik

Die Moral erobert die Politik

Die Klimadebatte sei moralisch und religiös aufgeladen. Dies führe zu Unversöhnlichkeit, sagt der Publizist Felix E. Müller. Statt vom Weltuntergang zu reden, müsse die Politik den pragma­tischen Kompromiss suchen.
Das Dilemma der Helfenden

Das Dilemma der Helfenden

Bereits zehnmal war Michael Kunz, Präsident der Schaffhauser Afghanistanhilfe, in der Vergangenheit nach Afghanistan gereist. Seit die Taliban das Land besetzt haben, ist alles anders. Hunger, Armut und Machtkämpfe beherrschen das Land. Ein Reisebericht.