News aus dem Kanton St. Gallen

«Schon nach zwei, drei Tagen klaren die Sinne»

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12.03.2020
Fastenwochen sind populär. So auch in den Kirchgemeinden. Der Heilpraktiker Martin Wohlbach erklärt, was es bringt, eine Woche lang nichts zu essen.

Herr Wohlbach, es gibt unzählige Angebote zum Fasten. Fasten ist in. Warum?
Es hat sich gezeigt, dass Fasten die Gesundheit f√∂rdert. Es steigert das Wohlbefinden und tut dem K√∂rper und Geist tut. Fasten schafft den Freiraum f√ľr neue Gedanken, Empfindungen, Gef√ľhle und Zeit, sodass man sch√§dliche Gewohnheiten aufgeben kann. Manche wagen in Sachen Ern√§hrung einen Neuanfang und essen gesundheitsbewusster. Andere erleben beim Fasten, wie wenig sie eigentlich im allt√§glichen Leben brauchen, um zufrieden zu sein. All das sind Aspekte, die das Fasten popul√§r machen.

Ist Fasten auch Ausdruck einer Gesellschaft, die im √úberfluss lebt?
Das kommt auf den Hintergrund des Fastens an. Wir bieten in der Zwinglikirche in Dulliken das Fasten unter mehreren Gesichtspunkten an: Aus ethischen Gr√ľnden und um die eigenen Glaubenss√§tze zu √ľberpr√ľfen, als soziales Engagement, um Ressourcen zu sch√ľtzen, aber auch aus gesundheitlichen Gr√ľnden als Heilfasten. Viele Teilnehmende erleben, dass sich durch mehrt√§giges Fasten einige ihrer Beschwerden lindern. Nat√ľrlich ist¬†in einer Woche kaum Heilung m√∂glich. Man kann nicht erwarten, dass Beschwerden, die √ľber Jahre hinweg bestehen, verschwinden. Aber es kann ein Anstoss sein. Man erf√§hrt beim Fasten oft sofort eine sp√ľrbare Ver√§nderung. Und man f√§ngt an, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Die meisten Religionen kennen Zeiten des Fastens. Ist das Zufall oder steckt da ein altes Wissen dahinter?
Ja, viele Kulturen verf√ľgen √ľber dieses uralte Wissen, Verzicht zu √ľben, egal, ob in christlichen oder buddhistischen Kl√∂stern oder im islamischen Ramadan. Das Vorbild im Christentum ist ja Jesus, der vierzig Tage in die W√ľste ging, fastete und dort auf den Teufel stiess. Ich selbst glaube nicht an den Teufel, aber an die kleinen Teufel in uns, die uns st√§ndig in die Versuchung f√ľhren. Diese geistige und religi√∂se Auseinandersetzung, die viel Glaube, Wille und Disziplin braucht, zeigt, dass der Mensch nicht allein vom Brot lebt. Auch der Geist braucht das richtige Futter.

Wird man beim Fasten klarer?
Ja, absolut. Schon nach zwei, drei Tagen klaren die Sinne. Eventuelle anfängliche Beschwerden wie Kopfweh und Schwindel zeigen, dass der Körper seinen Energiehaushalt umstellt. Man merkt, wie sich der Geschmack- und Geruchsinn verbessert, man aufmerksamer wird und klarer denkt. Nach zwanzig Jahren Fasten kann ich dies mehr als bestätigen.

Sie fasten schon seit zwanzig Jahren?
Ja, schon √ľber zwanzig Jahre.

Wie oft im Jahr?
Zweimal, vor Ostern und vor Weihnachten. Dazwischen mache ich zeitweise Intervallfasten. W√§hrend acht Stunden am Tag darf ich etwas essen, f√ľr 16 Stunden gilt Enthaltsamkeit. W√§hrend der Fastenwoche vor Ostern und Weihnachten machen wir Nullfasten. Wir essen nichts und trinken nur Tee, Wasser, verd√ľnnten Fruchtsaft oder Br√ľhe.

Das klingt hart.
Ja, aber es gibt ja auch andere Formen des Fastens. Sie können auf Fleisch verzichten, auf Alkohol, Fernsehen oder auf den Konsum von Nachrichten. Der Verzicht löst etwas aus und kann der Anstoss sein, den Lebensstil zu ändern.

Lassen sich die Erkenntnisse des Fastens später in den Alltag integrieren?
F√ľr viele ist die Fastenwoche die Fastenwoche. Danach leben sie weiter wie zuvor. Ich pers√∂nlich m√∂chte etwas von dieser Woche mit ins Jahr nehmen. Daf√ľr eignet sich das √∂sterliche Fasten gut, da dann die Zeit des Fr√ľhlings, des Aufbruchs und der Entschlackung beginnt.

Haben Sie das Gef√ľhl, dass sich die Sicht der Gesellschaft auf die Ern√§hrung ver√§ndert hat?
Absolut. Durch die √∂ffentliche Diskussion und Aufkl√§rungen setzen sich viele mit der Ern√§hrung und Verdauung auseinander. Hinzu kommt, dass heute traditionelle Ern√§hrungsweisen wie Ayurveda, Veganismus oder Vegetarismus zug√§nglicher sind. In meiner t√§glichen Praxis erlebe ich, wie viele Leute die hochgez√ľchteten, genmanipulierten Nahrungsmittel nicht mehr vertragen. Und vergessen Sie nicht die Gewichtsprobleme: 60 Prozent der Bev√∂lkerung √ľber 14 Jahre sind stark √ľbergewichtig. Da wird die Ern√§hrung zwangsl√§ufig zum Thema.

Tilmann Zuber, kirchenbote-online, 12. März 2020

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