«Stricken ist Balsam für die Seele»
«Inestäche, umeschloh, dorezüche und abeloh», das Stricken begleitet Nicole Mante, seit sie 14 Jahre alt war. Sie verrät: «Ich freue mich jeden Morgen darauf.» An diesem Nachmittag sitzt sie mit Frauen am Tisch, die das Hobby mit ihr teilen. Gemütlich sei es, zu stricken, und gut, um die Gedanken zu ordnen, weiss Annette. «Und den Stress abzubauen», ergänzt Claudia. Die rhythmischen, sich wiederholenden Bewegungen versetzen das Gehirn in einen meditationsähnlichen Zustand, in den sogenannten Flow. Das senkt laut einer Studie der Harvard Medical School den Blutdruck, reduziert Cortisol und beruhigt das Nervensystem. «Zudem kann man, handarbeitend auf der Couch sitzend, nicht immer essen», lacht Heike und häkelt ein Quadrat, ein sogenanntes Granny Square. «Andere handarbeiten, um nicht Nägel zu kauen oder zu rauchen», entgegnet eine der Frauen in der Runde. Schnell sind alle in ein Gespräch vertieft. Anette erzählt von früher: «Unsere Mutter hat nach dem Essen immer das Strickzeug herausgeholt. Dann sind wir zusammengesessen und haben uns ausgetauscht.»
Andere handarbeiten, um nicht Nägel zu kauen oder zu rauchen.
Das Klappern der Nadeln wird auch an diesem Tisch immer wieder von Gesprächen durchbrochen. Manchmal sind diese oberflächlich, dann und wann tiefgründiger. Zum Beispiel als von einer Witwe die Rede ist, die mit jeder Masche einen kleinen Schritt aus dem Labyrinth der Trauer gefunden hat. «Hin und wieder spricht man aus dem Privatleben und am nächsten Treffen fragt man nach, wie es der Person in der Zwischenzeit ergangen ist», erzählt Annette, die eine Serie von Pulswärmern strickte und nun mit einem Jäckli für ein Enkelkind startete.
Stricken bei Jüngeren populärer
Claudia mag Herausforderungen. Sie strickt komplizierte Jacken und heute Socken mit einem schwierigen Muster. Maschen zählen, Muster lesen und zwischendurch noch reden – das ist pures Gehirnjogging. Animiert zu ihrer neuesten Herausforderung hat sie ihre Tochter, die auf Instagram immer wieder neue Ideen sieht. Stricken ist bei jungen Menschen wieder populärer geworden. Einmal im Monat findet der Samstagstreff mit 10 bis 20 Frauen statt. Gut kommt der einmal im Jahr stattfindende Strickbrunch an, und letztes Jahr faszinierte das Strick-Kino. Ein Highlight war der diesjährige Tag der Handarbeit mit der Schifffahrt auf dem Bodensee. Die Frauen haben gestrickt, fein gegessen, die Aussicht genossen und viel gelacht. Seit zweieinhalb Jahren führt Nicole das Wollgeschäft «Meine Masche». Früher hat sie gerne genäht, aber schon immer mit dem Wollladen von Erika geliebäugelt. Erika führte während 42 Jahren ein Geschäft. Heute sitzt sie ebenso in der Runde und freut sich, dass sie seit ihrer Pension wieder mehr Zeit zum Handarbeiten hat.
Von FC-SG-Grün Bis Springwolle
Erzählt Nicole von der Eröffnung von «Meine Masche», spricht sie rückblickend von einer mutigen Entscheidung: «Der Laden ist mit viel Arbeit, aber auch vielen schönen Erlebnissen verbunden.» «Hier kommt man gerne rein», sagen die Frauen. In den Regalen gibt es Sockenwolle, die dieses Jahr so trendige Wolle mit Pailletten, das schöne Grün für den FC-St. Gallen-Schal – und vor allem ganz viel Springwolle. So nennen die Strickerinnen und Häklerinnen Wollknäuel, die scheinbar ganz ohne Vorwarnung von allein in den Einkaufskorb hüpfen.
Gut so. Denn der Nachmittag in der Strickrunde hat gezeigt: Stricken ist ein meditativer Anker, der glücklich macht. Sei es durch den Austausch mit Gleichgesinnten oder beim Entstehen eines neuen Projektes. Oder, wie es Nicole Mante es ausdrückt: «Stricken ist Balsam für die Seele.»
* In der Kirchenvorsteherschaft der Reformierten Kirchgemeinde Rorschach hat Nicole
Mante das Ressort «Freiwilligenarbeit» sowie die PR-Kommission inne. Sie ist zudem Abgeordnete in der Synode und in der Redaktionskommission des St. Galler «Kirchenboten».
«Stricken ist Balsam für die Seele»