Vertreibung aus dem Sammlerparadies
Es passierte zu unterschiedlichen Zeiten an vielen Orten – und doch war es einer der entscheidenden Umbrüche der Menschheitsgeschichte: Als die Menschen begannen, Gärten anzulegen, Getreide zu pflanzen und Vieh zu züchten. Sie zogen nicht länger als Jäger und Sammler umher, sondern wurden sesshaft, bestellten Äcker und hielten Schafe, Ziegen und Rinder. Anthropologen sprechen von der neolithischen Revolution.
Man kann ackern und schuften, wie man will – ob die Saat schliesslich wächst und gedeiht, hat man nicht vollständig in der Hand.
Davon erzählt auch die Bibel zu Beginn der Genesis: Zunächst lebt der Mensch als Sammler im paradiesischen Garten Eden. Ein Strom tränkt das Land, Gott lässt Bäume wachsen, «verlockend anzusehen und gut zu essen», wie es heisst. Der Mensch muss quasi nur rumlaufen und sich bei den Früchten bedienen. Doch nach dem Zwischenfall mit der Schlange und der verbotenen Frucht wirft Gott Adam und Eva raus aus dem Sammlerparadies: «Verflucht sei der Acker um deinetwillen; mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren», heisst es in Genesis 3. «Im Schweiss deines Angesichts sollst du dein Brot essen.» So beschreibt die Bibel die Geburtsstunde der Landwirtschaft. Adams und Evas Sohn Kain wird der erste Ackerbauer, sein Bruder Abel der erste Viehzüchter. Hinter dieser Geschichte – einer der bekanntesten der Bibel überhaupt – steckt eine menschliche Erfahrung: Das Leben ist hart. Nahrung fällt einem nicht einfach zu; sie muss dem Boden mühsam abgerungen werden.
Jesus behauptet das Gegenteil
Diese Erfahrung nimmt Jesus in der Bergpredigt auf – und dreht sie ins Gegenteil. «Schaut auf die Vögel des Himmels», sagt er: «Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen – euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht mehr wert als sie?» Und im Gleichnis von der selbst wachsenden Saat (Markus 4) gibt er noch einen drauf: Einer werfe den Samen aufs Land. «Er schläft und steht auf, Nacht und Tag», sagt Jesus lapidar, «und der Same sprosst und wächst empor, er weiss nicht wie.» Nur Schlaf also, nichts mit Schweiss und Mühsal. Denn: «Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn der Ähre.»
Auch hinter diesem Gleichnis steckt eine Erfahrung: Man kann ackern und schuften, wie man will – ob die Saat schliesslich wächst und gedeiht, hat man nicht vollständig in der Hand. Es braucht dazu die richtigen Umstände: die richtige Regenmenge, die Bodenbeschaffenheit, das passende Klima – und ein Quäntchen Glück. Das biblische Wort dafür: Segen. «Isaak säte in diesem Land und erntete im selben Jahr hundertfach», heisst es in Genesis 26, und weiter: «Der Herr segnete ihn.»
Ackerbau und Saatgut stehen in der Bibel für grundlegende Einsichten: Menschliche Arbeit und göttlicher Segen gehören zusammen; Wachstum ist nicht vollständig planbar; und Ertrag verpflichtet. Diese Bilder sind tief in der Erfahrungswelt der Menschen verankert – damals wie heute. Auch in einer hoch technisierten Landwirtschaft bleibt die biblische Einsicht aktuell: Leben lässt sich nicht herstellen, sondern nur begleiten.
Der Senf Vom Gottesreich
Die Gleichnisse Jesu allerdings gehen über diese Erkenntnis hinaus: Sie verwenden die Saat als Metapher für das Reich Gottes. Es ist gesät in die Welt und geht wie von selbst auf. «Es ist wie ein Senfkorn», sagt Jesus im Markusevangelium, «das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden, das in die Erde gesät wird.» Dann aber werde es grösser als alle anderen Gewächse. «Es treibt so grosse Zweige, dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.»
Vertreibung aus dem Sammlerparadies