News aus dem Kanton St. Gallen

Wassermassen donnern in alle Richtungen

von Rolf Kühni, Pfarrer i.R., Sargans
min
29.03.2026
«Gott in der Natur finden» — mit solchen Aussagen kann Pfarrer Rolf Kühni wenig anfangen. Ausser bei den Batöni-Fällen, wo ihn ein Ahnen der Schöpferkraft Gottes überkommt. Eine Wanderung zwischen Himmel und Hängebrücke.

Das Weisstannental oberhalb von Sargans. Stotzige Berge und üppige Natur. Und das Besondere: Auch wenn in der ganzen Schweiz Trockenheit herrscht, fliesst hier stets genügend Wasser. Von allen Seiten stürzen sich Wasserfälle in die Seez.

Bevor man sich im Dorf Weisstannen zur Wanderung aufmacht, sollte man unbedingt die «Alte Post» besuchen, eine gemütliche Kulturbeiz und ein originelles Regionalmuseum. Ich biege links ab und gehe zu Fuss dem Gufelbach entlang. Bald wird es steil. Doch weshalb führt der Bach so wenig Wasser? Die Antwort zeigt sich weit oben: Das Wasser verschwindet in einem Stollen und fliesst durch den Berg ins benachbarte Calfeisental, um den Gigerwald-Stausee zu füllen. Oberhalb des Stollens entpuppt sich das Rinnsal aber als rauschender Bergbach.

Schneeschmelze und Steinböcke

Am schönsten ist die Wanderung zur Zeit der Schneeschmelze. Dann sieht man die Steinböcke, bevor sie weiter hinaufziehen. Genau in dieser Gegend wurden übrigens 1911 die ersten fünf dieser stolzen Tiere ausgewildert, nachdem sie in der Schweiz seit 1830 ausgerottet waren.

Bald wird das Rauschen zum Dröhnen. Eine Kurve – und ich stehe da und staune: Batöni! Die imposante Wasserfall-Arena nimmt alle Sinne gefangen. Drei mächtige Wasserfälle donnern aus verschiedenen Seiten runter in den Kessel, ringsum begleitet von weiteren Gewässern. Ein Ahnen von der Schöpferkraft Gottes überkommt mich. In diesem Moment kann selbst das reformierteste Denken sich des Eindrucks nicht erwehren: Das ist heiliger Boden. Und auch Boden des Unesco-Weltnaturerbes Sardona.

Fruchtbarkeit, Heilung, Capuns

Ein Bibelkenner erzählte mir, in ihm sei unwillkürlich Kapitel 47 des Buches Ezechiel aufgetaucht: Die Vision der Wassermassen, die sich aus dem Tempel in Jerusalem in die verschiedensten Himmelsrichtungen ergiessen. Sie bringen Fruchtbarkeit. Sie bringen Heilung. Die Batöni-Wasserfälle bringen zudem Strom.

In diesem Moment sind die stiebenden Wasser aber einfach ein gewaltiger Fussabdruck des himmlischen Vaters. Und ich erinnere mich, wie sie auch auf Jesus Christus hinweisen, die Quelle des lebendigen Wassers. Unerschöpflich! Ja, wenn Sie die Batöni-Fälle besuchen, dann lesen Sie dort oben den Ezechiel-Text. Lassen Sie alles hinter sich: Enttäuschungen, Ängste, Wünsche und Pläne. Gönnen Sie hier Ihren Gedanken Ruhe.

Wer früh genug dran ist (und unten kein Auto hat), marschiert weiter: rechts über die Hängebrücke und dann weit aufwärts, bis es abwärts geht zur Walsersiedlung St. Martin beim Stausee Gigerwald. Die Capuns im Berghotel sind sagenhaft. Für den Heimweg via Taminatal ist Autostopp zu empfehlen.

Am Abend aber wundere ich mich über mich selbst. Ich halte mich für einen eher nüchternen Menschen, der mit Aussagen wie «Gott in der Natur finden» wenig anfangen kann. Doch dort oben, beim Batöni, erfahre ich jeweils ein zweites Ich. Dieses entdeckt Gott auf eine andere Weise. Gewiss zieht es mich nächstes Jahr wieder hinauf zum heiligen Boden.

Zu den Batöni-Fällen

Von Sargans per Postauto oder Privatwagen nach Weisstannen Oberdorf. Dann zu Fuss 4,1 km und rund 500 Höhenmeter dem Gufelbach entlang. Dauer für den Fussmarsch je nach Tempo ca. 2 h hin und 1,5 h zurück.

    

Quelle: swisstopo
Karte: swisstopo

Unsere Empfehlungen

Auf heiligem Boden

Auf heiligem Boden

Eigentlich kennen die Reformierten keine heiligen Orte. Eigentlich. Denn was als heilig angesehen wird, hat nicht nur mit Religion zu tun, sondern auch mit Identität. Und oft auch mit Fussball.
Die heilige Sau der Ostschweiz

Die heilige Sau der Ostschweiz

Sie verbindet Stadt und Land und definiert ihre eigene Zeitrechnung. Die Olma ist mehr als eine Institution. Sie ist Kult. Eine nicht ganz ernst gemeinte Annäherung an die heilige Sau der Ostschweiz.
Aus der Zeit gestiegen

Aus der Zeit gestiegen

Befreit von der Tuberkulose und beelendet vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs, schlägt Karl Bickel seine Vision des Friedens und der idealen Gemeinschaft in Stein und Marmor. Das tempelartige Paxmal wird zum Sehnsuchtsort.