News aus dem Kanton St. Gallen

«Wer nachhaltig reist, lernt das Land kennen»

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13.06.2019
Im Juli brechen Millionen in die Sommerferien auf. Die Masse der Touristen wird zum Problem. Wer besser plant und nachhaltig reist, erlebt mehr in seinen Ferien, ist Tourismusexpertin Christine Plüss überzeugt.

Sommerzeit ist Ferienzeit. W├Ąhrend in der Vergangenheit nur Dichter wie Goethe, Wissenschaftler wie Humboldt oder betuchte Adelige die Welt bereisten, sind heute Millionen unterwegs. ┬źDer Tourismus hat sich demokratisiert┬╗, sagt Christine Pl├╝ss von fairunterwegs.org. ┬źReisen ist f├╝r viele erschwinglich geworden. Heute kostet ein Flug nach London nicht mehr als die Zugfahrt in den Tessin.┬╗ Inzwischen zeichnen sich die Schattenseiten dieser Entwicklung klar ab. ┬źEin kleiner Teil der Menschheit, die Touristen, richten einen grossen Schaden an┬╗, so Pl├╝ss.

Nachhaltig reisen
Muss man heute als Reisender ein schlechtes Gewissen haben? Pl├╝ss mag den Ausdruck ┬źschlechtes Gewissen┬╗ nicht. Sie redet lieber davon, dass man die neue Chance packt, seine Ferien bewusst zu planen, und sich ├╝berlegt, wie man klimagerecht und fair reisen kann. Dies ist m├Âglich, ist die Leiterin des Arbeitskreises Tourismus und Entwicklung ├╝berzeugt. ┬źNachhaltig zu reisen ist nicht unbedingt teurer und oftmals spannender.┬╗ Warum nicht einmal f├╝r die ├ťberfahrt zu einer Mittelmeerinsel die F├Ąhre nehmen statt den Flieger? Damit werde schon die Anreise zum eindr├╝cklichen Erlebnis, sagt Pl├╝ss.

Anfragen nehmen zu
Der unabh├Ąngige Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung ist die einzige Stelle in der Schweiz, die den Tourismus aus entwicklungspolitischer Sicht beleuchtet. 1977 wurde sie von kleineren Reiseveranstaltern, der ┬źErkl├Ąrung von Bern┬╗, heute ┬źPublic Eye┬╗, und Hilfswerken gegr├╝ndet. Heute unterst├╝tzen Kirchgemeinden, die Tourismusbranche und der Bund die Stelle. Seit Jahren arbeitet der Arbeitskreis auf einen nachhaltigen Tourismus hin. Im Fokus stehen die schlechten Arbeitsbedingungen der Angestellten und die Auswirkungen des Tourismus auf die Lebensr├Ąume der Einheimischen. Das Zielpublikum sind Reisende und die Reisebranche.

Im Zuge des Klimawandels und des Massentourismus haben die Anfragen stark zugenommen. Viele Medien klopfen bei der Tourismusexpertin an. Trotz steigender Nachfrage nach Information k├Ąmpft die Arbeitsstelle mit den Finanzen. Pl├╝ss hofft auf vermehrte Unterst├╝tzung aus den Kirchgemeinden.

Lieber Taxi als Autovermietung
Wie soll man seine Ferien planen? ┬źZuerst stellt sich immer die Frage nach der Motivation┬╗, sagt Christine Pl├╝ss. ┬źWer ausruhen, entspannen und Sport treiben m├Âchte, muss dazu nicht um den halben Erdball fliegen. Der findet attraktive Angebote auch in der n├Ąheren Umgebung.┬╗ Denn der lange Flug ist klimasch├Ądigend und das Warten auf den Flugh├Ąfen anstrengend. Pl├╝ss r├Ąt deshalb, nur alle vier bis f├╝nf Jahre in ferne Kontinente zu fliegen, aber dann f├╝r eine l├Ąngere Reise. Dabei sollte man auf Fairness achten: Lieber in einheimischen Hotels absteigen als in den Pal├Ąsten der Hotelketten, lieber regionale Produkte auf den Teller bestellen, so dass die lokalen Bauern etwas verdienen, und statt die internationale Autovermietung aufzusuchen, besser ins lokale Taxi steigen. ┬źWer so reist, l├Ąsst sich auf die Leute ein und lernt das Land besser kennen┬╗, sagt Christine Pl├╝ss.

Die Sch├╝lerstreiks gegen den Klimawandel prangern den CO2-Ausstoss beim Fliegen und der weltweiten Mobilit├Ąt an. Politiker und Wirtschaft sind zum Handeln aufgerufen, auch im Tourismus. Ist dies nur ein Sturm im Wasserglas? ┬źNein┬╗, ist Christine Pl├╝ss ├╝berzeugt. ┬źEs braucht ein Umdenken.┬╗ J├Ąhrlich werden 1,4 Milliarden Reisen gemacht, doch nur drei Prozent der Weltbev├Âlkerung bestiegen 2017 ein Flugzeug, meist eine privilegierte Schicht aus dem Westen. Und was geschieht, wenn der Rest der Menschheit fliegen will, fragt Pl├╝ss.

Der ┬źOver-Tourismus┬╗ f├╝hre inzwischen zu problematischen Formen: Der Flugverkehr hat in den letzten Jahren enorm zugenommen, ebenso die Kreuzfahrten auf den Fl├╝ssen und Meeren. Das Problem der Abfallbeseitigung sei nicht gel├Âst und die Arbeitsbedingungen der Angestellten im Tourismus immer noch schlecht, so Pl├╝ss. ┬źWenn vor Dubrovnik drei Kreuzfahrtschiffe ankern, dann fallen bald einmal 10'000 Besucher ├╝ber die mittelalterliche Stadt her.┬╗ Zur├╝ck bleiben konsternierte Bewohner und Abfallberge.

Auch Kurztrips, f├╝r die man ├╝bers Wochenende in den Flieger steigt, machen f├╝r Christine Pl├╝ss wenig Sinn. Sie f├╝hren in ├╝berf├╝llte St├Ądte, sch├Ądigen die Umwelt und nerven die Einheimischen. Die Erholung bleibe dabei oft auf der Strecke.

Touristen werden zur Kasse gebeten
Inzwischen wehren sich die Touristendestinationen: In Barcelona protestieren die Bewohner, dass sie sich wegen den hohen Mieten keine Wohnungen mehr leisten k├Ânnen. Venedig ├╝berlegt, Eintrittsgelder f├╝r Touristen zu erheben, um die Massen einzud├Ąmmen. Ebenso verlangt Amsterdam Geb├╝hren von den Kreuzfahrtg├Ąsten. Selbst italienische St├Ądte planen, die Besucher f├╝r das Bummeln in romantischen Gassen zur Kasse zu bitten.

Versch├Ąrft wird die Situation an vielen Orten durch die Selfies in atemberaubenden Landschaften, die dann auf Instagram gestellt werden. Tausende lassen sich davon inspirieren und reisen dorthin. So geschehen letztes Jahr im Berggasthaus Aescher in Appenzell Innerrhoden. Der Ansturm war so gross, dass die damaligen P├Ąchter kapitulierten und k├╝ndigten. F├╝r Christine Pl├╝ss sind dies Anzeichen, dass man die Forderungen nach einem nachhaltigen Tourismus ernst nehmen muss. Denn dies sei erst der Anfang.

Tilmann Zuber, kirchenbote-online, 14. Juni 2019

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