News aus dem Kanton St. Gallen

Wie reformierte Tessiner im Exil Fuss fassten

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05.10.2016
1555 flüchteten Mitglieder der Locarneser Adelsfamilien von Muralt und von Orelli wegen ihres reformierten Glaubens in die Deutschschweiz. Wie die heutigen Migranten mussten sie ganz neu anfangen, wurden aber dann zu sehr erfolgreichen Familien in Zürich und Bern.

Reformierte gab es in Locarno schon seit 1542. Als aber eine neue politische Situation verhinderte, diesen Glauben offen zu leben, mussten sie sich entscheiden. Entweder standen die gut 200 Reformierten weiterhin zum neuen Gedankengut, oder sie kehrten mindestens dem Anschein nach wieder zum alten Glauben zur├╝ck. Wer reformiert bleiben wollte, musste auswandern.

Eine Geschichte des Widerstands
Schwerer als viele M├Ąnner machten es dem neuen Bischof einige mutige Frauen, wie zum Beispiel Barbara von Muralt und ihre Freundinnen. Eine Legende erz├Ąhlt die Geschichte ihres Widerstands. Die Frauen suchten nach der Messe das Gespr├Ąch mit dem katholischen Prediger im Beisein des Bischofs. Sie verlangten, dass er ihnen sein Abendmahlsverst├Ąndnis biblisch belegt.

Am n├Ąchsten Morgen sollte Barbara von Muralt festgenommen werden. Sie entkam jedoch durch die Hintert├╝r und machte sich mit ihrem Ehemann Johannes auf die Flucht. Schliesslich kamen sie zusammen mit 100 anderen Glaubensfl├╝chtlingen 1555 in Z├╝rich an.

Johannes von Muralt: ein sehr gesch├Ątzter Arzt in Z├╝rich
Dort machte sich von Muralt als Arzt einen Namen. Er wurde der Kollege des weltbekannten Naturforscher-Pioniers und Arztes Conrad Gessner. Gemeinsam pflegten sie unter anderen den an der Pest erkrankten Reformator Heinrich Bullinger.

Als auch Gessner der Seuche zum Opfer fiel und 1565 verstarb, wurde von Muralt als sein Nachfolger als Stadtarzt von Zürich angefragt. Da es zu dieser Zeit zu wenig Ärzte gab, konnte von Muralt eine Liste von Forderungen stellen, die ihm bis auf eine alle erfüllt wurden.

Verlag Orell F├╝ssli
Ein Teil der Locarneser Familien fl├╝chtete nach Z├╝rich, ein anderer nach Bern. Unter den Fl├╝chtenden nach Z├╝rich waren auch Aloisio von Orelli und seine Familie. Er war der Vorfahre der noch heute erfolgreichen Unternehmerfamilie, die sp├Ąter den Verlag Orell F├╝ssli gr├╝nden sollte.

Aber bis dahin war es ein weiter Weg. Die Fl├╝chtenden nahmen f├╝r ihren Glauben die Ungewissheit in Kauf, was sie in den Deutschschweizer St├Ądten erwarten w├╝rde. Werden sie in ihrer Wahlheimat die gleichen b├╝rgerlichen und politischen Rechte erlangen, die sie in Locarno hatten?

Kein einfacher Neustart
Tats├Ąchlich war der Neustart alles andere als einfach. Damals konnte politische ├ämter nur besetzen, wer das volle B├╝rgerrecht hatte. Die Mitglieder beider Familien waren sich aufgrund ihrer Herkunft gewohnt, politisch Einfluss zu nehmen und in der Gesellschaft eine bedeutende Stellung einzunehmen.

Grunds├Ątzlich gelang dem Berner Zweig die Integration besser und schneller als den Z├╝rcher Fl├╝chtlingen; und in Z├╝rich etablierten sich die Muralt schneller als die Orelli. Johannes von Muralt erhielt das volle B├╝rgerrecht, als er zum Stadtarzt berufen wurde. Die Orelli brauchten daf├╝r Jahrzehnte. Denn um in Z├╝rich das volle B├╝rgerrecht zu erlangen, war eine Mehrheit im Grossen Rat n├Âtig.

B├╝rgerrecht nach 120 Jahren
Dreimal wurde der Antrag der Familie von Orelli abgelehnt, aber sie liessen sich nicht entmutigen. Was ihre besondere ┬źZ├Ąhigkeit und ihren Lebenswillen┬╗ zeigte, wie es der Historiker Leonhard von Muralt ausdr├╝ckte. Erst im vierten Anlauf, nach ├╝ber 120 Jahren in Z├╝rich, als die Familie mit der H├Ąlfte des Grossen Rates verschw├Ągert war, klappte es endlich mit dem vollen B├╝rgerrecht.

Ratsherren, Landv├Âgte, B├╝rgermeister
Warum ihr Antrag mehrfach abgelehnt wurde, dar├╝ber kann heute nur spekuliert werden. Ob es daran lag, dass die Z├╝rcher Nobilit├Ąt die Familie trotz ihrem Reichtum und Einfluss immer noch als Zugezogene betrachtete? In der fr├╝hen Neuzeit wurde es allgemein immer schwerer, das volle B├╝rgerrecht zu erlangen. Die Nobilit├Ąt schloss sich gegen aussen ab. Erst als die von Orelli eine Verlegung ihrer Firmen nach Bern in Betracht zogen, rang sich der Grosse Rat 1679 zu einer Entscheidung durch.

Bald besetzten beide Familien wichtige ├ämter im Zentrum der Macht. Sie waren Ratsherren, Landv├Âgte und mit Hans Heinrich von Orelli stellten sie zwischen 1778 und 1785 den B├╝rgermeister von Z├╝rich.

Nathalie D├╝rm├╝ller / ref.ch

In einem zweiten Teil Anfang November zweigen wir, wie sich die beiden Familien auch wirtschaftlich in der Deutschschweiz behaupteten.
Weitere Informationen zu den Reformierten in Locarno

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ┬źreformiert.┬╗, ┬źInterkantonaler Kirchenbote┬╗ und ┬źref.ch┬╗.

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