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Kirche

Das ist eure Kirche

Ein Pfarrer mit einer Vision und eine Kapelle im Dornröschenschlaf stehen ganz am Anfang. Fünf Jahre später ist sie dank viel Eigeninitiative mit Leben gefüllt. Eine Erfolgsgeschichte könnte man meinen. Aber es passt nicht allen.

«Das scheint ein Bedürfnis zu sein», sagte sich Hansruedi Vetsch, als er vor fünf Jahren auf einer Velotour von Winterthur nach Frauenfeld an einem Atelier vorbeikommt, das einen «Raum der Stille und Besinnung» vermietet. Ein buchstäbliches Schlüsselerlebnis für den reformierten Pfarrer. Vetsch ist Stiftungsratspräsident der ökumenischen Bruderklausen-Kapelle, einem kleinen, 50-jährigen Gotteshaus, etwas ausserhalb von Frauenfeld. Seit Jahren war es verwaist, kaum ein Gottesdienst fand noch statt, das Innere war kahl und freudlos. Auf einmal sah Vetsch eine Bestimmung für den unbenutzten Kirchenraum. «Dass es Leute gibt, die einen christlichen Kraftort suchen, aber nie einen Schritt in eine traditionelle Kirche wagen, wusste ich schon lange.» Die Kapelle soll ein Ort für sie werden, fand Vetsch.

Schlüssel verteilen
Heute, fünf Jahre später, sitzt Hansruedi Vetsch auf einer beheizten Bank in der Bruderklausen-Kapelle. «Ein älteres Ehepaar hat die Sitzheizung gespendet», sagt er. Mittlerweile gibt es am Freitagabend in der ungeheizten Kapelle ökumenische Andachten. «Auch im Winter», lacht Vetsch, «die Besucher haben Unterschriften gesammelt, dass sie das ganze Jahr stattfinden.» Er ist stolz, dass die Liturgie inzwischen mehrheitlich von Laien geleitet wird. «Partizipation ist massgebend», ist Vetsch überzeugt.
Er berichtet, dass er den Schlüssel zur Kapelle hat vervielfältigen lassen. Schon zwanzig hat er verteilt an Interessierte, die sie nutzen wollen. Die Männergruppe, die sich hier trifft, aber auch die Kantischülerin, die hier Klavier übt. «Man muss den Mut haben zu sagen: Das ist eure Kirche. Nutzt sie!» Das mache Eindruck, sagt Vetsch, weil in Kirchen sonst ja vieles abgeschlossen sei, und er meint das auch symbolisch.

Überrascht, wenn sich Kirche verschenkt
Die meisten Besucher kennt der Pfarrer jedoch nicht. Sie kommen hierher, um zu beten, Musik zu hören, innezuhalten. Dass die Kapelle oft besucht wird, zeigen brennende Kerzen oder Einträge im Gebetsbuch. «Danke für den schönen Moment», steht da, oder «egal, welche Religion, hier fühle ich mich geborgen, auch als Muslim.» Blumenschmuck kommt ungefragt. «Wir haben gelernt, ihn dort zu lassen, wo er hingestellt wird. Wenn die Person wiederkommt, soll sie merken, dass sie willkommen ist», erklärt Vetsch.
Seine Vision drückt sich auch andernorts aus: «Alles ist kostenlos. Ob man eine Kerze anzünden oder Hochzeit feiern will hier.» Die Leute seien überrascht, verstünden das zuerst nicht. Vetsch glaubt, dass «eine Herzensbeziehung entsteht, wenn sich Kirche verschenkt.» Die Erfahrung gibt ihm Recht. Innert kurzer Zeit schreiben sich hundert Besucher in eine Freundesliste ein, nennen sie «meine» Kapelle. Jemand findet den Raum zu düster und zahlt den Neuanstrich, eine Firma überholt kostenlos die 50-jährige Lichtanlage und ein Pensionierter schreinert Aussenbänke. Über mangelnde Einnahmen muss sich Vetsch nicht beklagen, im Gegenteil. «Nicht selten liegen Hunderternötli im Opferstock.»

Guetzli und Hundenapf
Damit die Leute überhaupt auf die Kapelle aufmerksam wurden, hat sich Pfarrer Vetsch einiges einfallen lassen. Mit seinem Sohn hat er an einem Film-Wettbewerb einer Elektronikfirma teilgenommen und prompt gewonnen. Drehort: die Bruderklausen-Kapelle. Die Werbung erscheint zur besten Sendezeit im Fernsehen, auf RTL, Pro Sieben und vor der Tagesschau auf SRF. Auf Youtube wird der Film 8000-mal aufgerufen.
Auch einen «Geocache» versteckt Vetsch bei der Kapelle. Die elektronische Schatzsuche zieht Familien an. Vetsch zögert nicht lange, deponiert Guetzli in der Kirche und einen Hundenapf davor. Die Leute staunen. Über 600 Einträge im Geocache-Logbuch zeugen davon.
«Up with People», eine nichtreligiöse Jugendorganisation, stösst auf die Kapelle. Zwanzig junge Erwachsene räumen die Bänke raus und putzen. Wenn’s mal laufe, müsse man nicht mehr viel machen, ist Vetschs Erfahrung. «Es ergibt sich einfach und wir reagieren, wenn wir ein Bedürfnis erkennen.»

Grösste Skepsis in den eigenen Reihen
Nicht alle begrüssen die Neuausrichtung und den Zulauf. Lieber eine kahle, leere Kapelle als so viel Betrieb, ist anfänglich auch im Stiftungsrat der Tenor. Die Befürchtungen sind gross, es könnte mal etwas demoliert oder gestohlen werden. «In all diesen Jahren ist noch nie etwas kaputt gegangen», sagt Vetsch und begegnet dem Widerstand pragmatisch. «An jedem Wochentag pilgert jemand anderes zur Kapelle und schaut nach dem Rechten.»
Einigen missfällt aber auch die theologische und ekklesiologische Ungebundenheit. Wo man denn hinkomme, wenn man Kirche machen könne, wie es gerade passe. «Ja, das ist eine theologische Frage», sagt Vetsch, «aber wenn man sich auf die Menschen eingelassen hat, gibt es kein Zurück mehr. Ich kann nur staunen, wie sich die Menschen nun selbst in der Kapelle engagieren.»
Auch er habe seine Ansichten geändert. Früher sei er dagegen gewesen, dass ausserhalb des Gottesdienstes getauft werde. «Heute bin ich überzeugt, dass wir überall taufen können, wo Menschen darum bitten.» Er habe hier eindrückliche Taufen mit Menschen erlebt, die nie in einer Kirche taufen würden. Und Vetsch denkt schon einen Schritt weiter: «Im Moment führen hier noch Pfarrpersonen die Kasualien durch. Aber ich weiss nicht, wie lange noch.»

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Raphael Kummer / ref.ch / 16. Februar 2016


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