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Kirche, Leben & Glauben, Wirtschaft

Biblische Besinnung zum Thema «Weniger für uns. Genug für alle»

Nicht nur Liebe geht durch den Magen

03.01.2015
«Besser ein Gericht von Gemüse mit Liebe, als ein gemästetes Rind mit Hass.» Sprüche 15, 17

Im Buch der Sprüche finden sich gute Beobachtungen über das menschliche Zusammenleben. Man liest die Verse und kann ihnen von der Logik und vom Gefühl her nur zustimmen. Denn wie könnte ich ein saftiges Steak geniessen, wenn ich dabei mit jemandem zusammensitzen muss, der mir total zuwider ist? Da schmeckt das Essen nicht mehr, egal wie edel und erlesen Fleisch und Beilagen sind. Denn ich weiss genau, dass mir der oder die andere nur durch die blosse Anwesenheit das Essen vergrault.

Dann geniesse ich doch lieber ein einfacheres Gericht in froher Runde, wo ich mich wohlfühle, über den Löffel hinweg schwatzen, lachen und scherzen kann – weil mir die anderen so sympathisch und vertraut sind.

Solange ich diese Weisung nur auf mich beziehe, erscheint sie mir logisch und sinnvoll – und in ihrer Umsetzung gar nicht so schwierig. Wenn ich weiss, dass ich etwas Feines kochen oder ­essen will, dann suche ich mir meine Gesellschaft schon dementsprechend aus. Doch
dieser Satz aus dem Buch der Sprüche macht durchaus Sinn, auch wenn die Begriffe «Liebe» und «Hass» recht übertrieben zu sein scheinen.

Über den Tellerrand hinausschauen
Aber was bedeutet der Vers, wenn ich im wahrsten Sinne des Wortes über meinen eigenen Tellerrand hinausschaue? Wenn ich nicht nur das Fleisch sehe, sondern alle Entwicklungsschritte des Tieres, bis es auf meinem Teller gelandet ist? Da scheinen die Begriffe «Liebe» und «Hass» plötzlich gar nicht mehr so weit entfernt. Denn für die Mast von unserem europäischen Fleisch wird in Südamerika in grossem Stil Soja als Futter angebaut. Um genügend Anbauflächen zu bekommen, roden multinationale Konzerne Regenwälder ab, jedes Jahr eine Fläche so gross wie drei Viertel der Schweiz. Die dortige Bevölkerung bleibt land- und mittellos zurück, in einer «Monokultur-Wüste», über die Flugzeuge ihren Pestizid-Cocktail verspritzen. Sie haben nichts davon, dass ich mein Steak geniesse, welches mit der Nahrung ihres Landes gross und stark wurde. Da wird aus ohnmächtiger Liebe zum eigenen Land schnell Hass auf das europäische Rind – und den, der es verzehrt.

«Wer unter euch gäbe seinem Sohn, wenn er ihn um Brot bittet, einen Stein, und wenn er ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange?» Mt. 7, 9–10

Jesus sagt uns deutlich, was die Weisung aus dem Buch der Sprüche für uns bedeutet: Schaut nicht nur für euch, sondern achtet auf diejenigen, die um euch sind. Denn es ist den Menschen gegeben, einander zu helfen und auf alle zu achten, mit denen ich zu tun habe und die mir nahe sind. Und in einer global gewordenen Welt heisst das für mich als Christ, auch auf den zu schauen, der mir durch meine Essgewohn­heiten unerwartet nahe gekommen ist. Denn erst wenn ich auch nur halbwegs sicher sein kann, dass durch meinen vollen Bauch andere nicht hungern müssen, kann ich mein Essen wirklich in Liebe geniessen, egal wie einfach oder aufwendig es auch sein mag. 

 

Text: Jens Mayer, St.Gallen und Balgach | Foto: Fastenopfer, Oswald Iten  – Kirchenbote SG, März 2015


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