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Spiritualität

Der eigenen Stimme folgen

Sie schätzt das Alleinsein, bringt Menschen zum Singen und stellt sich in ihrer Arbeit als Singanleiterin und Ritualbegleiterin in den Dienst der Gemeinschaft.

Es war in diesem Frühling, als Simone Gantner folgendes Lied zufiel: «Jetzt kommt die Zeit, um aufzustehn und rauszugehn. Das Leben freut sich auf deine Gaben. Das Leben freut sich, wenn du dich zeigst.» «Es war eine alte Eiche, die mir das Lied schenkte. Ich komponiere nicht.» Simone Gantner, 1978, leitet Singgruppen. Soeben beendete sie eine Ausbildung als Ritualbegleiterin.

«Bevor ich richtig sprechen konnte, sang ich meine Kinderliederbücher vor- und rückwärts durch.» Sie sei gerne allein draussen in der Natur gewesen. «Am Bach. Im Wald. Ich habe Blumen gepflückt und gesungen. Logisch kommen wir von der Natur. Wir sind Natur. Nur fühlen sich heute viele Menschen davon abgespalten.»

Der Vater war Lehrer in Bütschwil. Es wurde viel musiziert und gesungen im Haus. Simone Gantner spielte Blockflöte, Akkordeon und Klavier. Es folgte der Jugendchor.  «Ich lernte schnell.» Beim Schulkrippenspiel erhielt sie die Toprolle der Maria – und wurde heiser. Der Chor übernahm den Soloteil. Sie begab sich in Stimmtherapie – ausgerechnet, mit ihrem Bezug zum Singen. «Ich wollte immer Lehrerin werden. Nun glaubte ich, dem nicht gewachsen zu sein. Dazu musste man doch singen können.» 

Singen als absichtsloser Raum

«Erst heute ist das Singen für mich wieder ein absichtsloser Raum.» Sie ging zur Schule bis zur Matura, wurde Buchhändlerin. Die Instrumente schloss sie weg. «Ich blieb freilich dem Tanzen und Trommeln verbunden und vertiefte mich in die afrikanische Musik. Und, ja, ich habe auch immer mit anderen gesungen.» 

Es folgten Erfahrungen mit dem Schamanismus und freien religiösen Gruppierungen. «Mir gefielen die mantrahaften Gesänge, mit denen Gott gepriesen wurde, und ich entdeckte, dass das Singen mir einen direkten Kontakt mit der Schöpferkraft ermöglichte, an die ich glaube. Alles ist für mich beseelt. Auf diese Weise konnte ich meine ganze Liebe und Hingabe ausdrücken und direkt aus meinem Herzen mit dieser Kraft kommunizieren.» 

«Singen verbindet mit sich selbst, mit andern, mit der Natur und mit dem Grösseren.»

Die Mutter, eine Klassik- und Opernliebhaberin und selber leidenschaftliche Sängerin, nahm sie an eine Veranstaltung von stimmvolk.ch in Lichtensteig mit. Der Verein gründet seit 2009 überall in der Schweiz Singgruppen. Simone Gantner hatte die Gitarre dabei – und fand sich in der Rolle der Singanleiterin wieder. Sie wurde Mit­arbeiterin im Stadtladen. Dann führte sie «der Wunsch nach mehr Verbindung mit mir selbst und die Suche nach meiner Berufung» nach Ligurien – auf Visionssuche: nach gemeinsamer Vorbereitung vier Tage allein draussen in der Natur, fastend, nur mit Plane, Wasser, Schlafsack, Mätteli ausgerüstet.

«Da, als ich ganz alleine war, wurde mir bewusst, wie sehr mir die Gemeinschaft fehlte. Das war eine sehr überraschende Erkenntnis. Ich bekam den klaren Auftrag, mich mit meinen Talenten in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.» 

Räume, wo man sich verbinden kann

2013 bis 2016 absolvierte sie die Ausbildung als Visionssucheleiterin und bietet heute Rituale an bei Lebensübergängen, Naturcoachings, Auszeiten in der Natur, und sie singt mit Gruppen Lieder aus aller Welt. «Ich schaffe Räume, wo man sich verbinden kann», sagt sie, erinnert ans Stammwort von «Religion» – «von lateinisch religere, rückverbinden – und dekliniert: 1. Verbindung mit sich selber («Klar fehlt das heute»), 2. mit den anderen («Wir sind menschliche Säugetiere, wir brauchen die Gemeinschaft»), 3. mit der Natur, 4. mit dem Grösseren. 

Der Gesang ist immer mit dabei. Denn die Verbindung, sie schafft die Stimme. Die ihre: zwischen Sopran und Alt. 

www.natur-ritual.ch

 

Text: Michael Walther, Flawil | Bild: z.V.g.  – Kirchenbote SG, Juni-Juli 2016

 

«Der Konfirmationsspruch hat sich bewahrheitet»

«Wenn ich mit der Stimme etwas sage, spüre ich, ob es ‹stimmt›. Wenn ich es nur denke, ist es weniger bewusst. Durch die Stimme erhält es eine Form. Es wird sicht- und hörbar, auch für andere. Oft bin ich dann selber überrascht von dem, was ich von mir höre. 

Auch in der Naturarbeit geht es um die Kommunikation, mit dem Wesen der Natur, mit einem Baum, einem Stein, einem Grashalm. Wenn ich traurig bin, sitze ich an den Fluss und gebe meiner Stimmung über die Stimme Ausdruck. Ich singe mit dem Fluss und verbinde mich mit ihm. Und lausche, ob eine Antwort kommt.

Viele Menschen erzählen, dass man ihnen sagte, dass sie nicht singen können. Ich biete ihnen einen Ort, wo sie drauflos singen können. Bei mir geht es darum, dass ich und sie das Herz hineingeben und dass es Freude bereitet.

Ich glaube, dass in anderen Kulturen die Vorstellung von richtigem und falschem Singen fehlt. Ich musizierte oft mit Afrikanern und hatte das Gefühl, es wird einfach gesungen. Man redet nicht darüber. Schräge Töne sind Eigenheiten und machen die Musik interessant. Wenn ich etwas mit ganzer Freude und ganzem Herzen tue, wird es andere berühren. 

Rituale beginnen bei mir oft mit einem Lied. Das bildet ein gemeinsames Feld, eine Verbindung, schafft Frieden und ein Gefühl von
Gemeinschaft. Singen ist die Sprache des Herzens. Sie verbindet über die Grenzen von Sprache, Kultur und Religion hinaus.

Ich glaube, dass wir einen Mangel an Gemeinschaft haben im Sinn dessen, dass wir uns mit dem Herzen verbinden. Oft sind unsere Kontakte oberflächlich. Das nährt den Menschen nicht. Nährend ist, wenn ich mich ausdrücken kann, wenn ich gesehen und akzeptiert werde – und ich selber andere sehen, hören und annehmen kann, wie sie sind.

Es geht nicht darum, dass wir wieder in Höhlen wohnen, sondern um das Bewusstwerden der eigenen Natur. Dies verleiht mir wieder eine neue Sicht auf mich selbst und die anderen. Wenn ich mir meiner eigenen Natürlichkeit bewusst werde, löst sich die Trennung auf. Es entsteht ein Dialog.

Schon in den Konfirmandenspruch hatte ich geschrieben: ‹Je weniger ich besitze, desto mehr bin ich auf mein Seelenwohl, meine Umgebung und meine Freunde angewiesen. Vielleicht wird mir dabei auch eher bewusst, was die Natur mir alles zu bieten hat. Deine Schöpfung, Gott, ist Quelle einer unglaublichen Kraft, und ich denke, wenn ich diese Quelle finden kann, werden meine Kräfte nie erschöpft.› Das hat sich bewahrheitet.»


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Noten, Demo zum üben und den Flyer finden Sie unter der Agenda.


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