News aus dem Kanton St. Gallen

Als Luther sich mit dem Kapital einliess

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30.10.2017
Was hat Martin Luther mit der Einführung der Buchhaltung und dem mächtigen Bankier Jakob Fugger zu tun? «Lektion Luther» nähert sich dem Reformator von der ökonomischen Seite.

Die Theaterleute kommen mit einer Mappe und einer Kiste. Dazu brauchen sie zwei Tische, vier St├╝hle, eine Flipchart und zwei Leselampen ÔÇô fertig ist die B├╝hne. ┬ź'Lektion Luther' eignet sich prima als kleines Komplement├Ąrprogramm zur grossen Luther-Agenda┬╗, sagt Niggi Ullrich, der das St├╝ck produziert und Regie f├╝hrt.

Was so bescheiden und kompakt daherkommt, basiert auf einem St├╝ck weltber├╝hmter Schweizer Theatergeschichte. 1970 inszenierte das Theater Basel ┬źMartin Luther und Thomas M├╝nzer oder die Einf├╝hrung der Buchhaltung┬╗ von Dieter Forte. Die Urauff├╝hrung dauerte vier Stunden und zeigte damit nur einen Teil des ├╝ber neunst├╝ndigen Historiendramas. In ├╝ber 70 Szenen traten 124 Figuren auf. Das Schauspiel wurde weltweit ein Erfolg.

┬źEine solche Auff├╝hrung kann sich heute kein Theater mehr leisten┬╗, sagt Niggi Ullrich. Der reformierte Baselbieter Kirchenrat und ehemalige Kulturbeauftragte des Kantons hat Fortes Drama schon immer bearbeiten wollen und legt jetzt mit ┬źLektion Luther┬╗ eine aus heutiger Sicht aufgearbeitete Form der Vermittlung vor. Die 70-min├╝tige Collage pr├Ąsentiert in 22 Szenen f├╝r zwei Schauspieler und eine Moderatorin die Essenz von Fortes St├╝ck und funktioniert nach dem Prinzip ┬źon demand┬╗. Wer will, kann ┬źLektion Luther┬╗ als Gastspiel mit anschliessender Diskussionbuchen: Kirchgemeinden, Schulen, Vereine, Theater.

Spielball der M├Ąchtigen
Auch inhaltlich sorgte Dieter Fortes Werk f├╝r Furore. ┬źLuther wollte die Kirche reformieren, aber nicht spalten┬╗, sagt Niggi Ullrich. Dieter Forte habe zeigen wollen, wie Luther die Kontrolle ├╝ber seine Lehre und sein Wirken verlor, als er sich mit den M├Ąchtigen aus Kirche, Politik und Wirtschaft einliess und sich in ihren Dienst stellte, und wie der Reformator dadurch halb freiwillig, halb unwillig von einer theologischen zu einer politischen Figur wurde. Luther ger├Ąt zum Spielball der verschiedenen Machtinteressen, vor allem des Bankiers Jakob Fugger, des ┬źersten neuzeitlichen Monokapitalisten, den nur Aktiva und Passiva seines Hauptbuches interessierten┬╗, wie das Magazin ┬źDer Spiegel┬╗ nach der Urauff├╝hrung in Basel schrieb, und in dessen Geldgesch├Ąfte alle Akteure des fr├╝hen 16. Jahrhunderts verstrickt waren, vom Papst ├╝ber den Kaiser bis zu den Kurf├╝rsten.

Martin Luther und die ├ľkonomie ÔÇô damit setzt sich auch ┬źLektion Luther┬╗ auseinander. ┬źDas St├╝ck zeigt zudem, wie schnell Kirche als Institution ihre Bedeutung verliert, wenn sie sich nicht als Teil der Gesellschaft sieht┬╗, so Ullrich. ┬ź'Lektion Luther' wertet nicht┬╗, betont der Regisseur, ┬źes er├Âffnet einen anderen, manchmal auch augenzwinkernd-ironischenZugang auf Luther und die Reformation.┬╗

Karin M├╝ller, 30. Oktober 2017

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