News aus dem Kanton St. Gallen

Anwalt der Witwen

von Ute Latuski-Ramm
min
19.03.2024
Witwen und Witwer waren früher besonders verletzlich und werden noch heute geschnitten. Die Bibel hingegen berichtet von mutigen Witwen und setzt sich für sie ein. Und Jesus drehte den Spiess gar um.

Sie habe ┬źunauff├Ąllig┬╗ die Strassenseite gewechselt, berichtete mir k├╝rzlich eine Frau, um einer Witwe nicht zu begegnen. Sie wisse einfach nicht, was sie ihr sagen solle, und sie wolle nichts falsch machen. Solche Vermeidungsstrategien erleben Hinterbliebene oft. Viele f├╝hlen sich dadurch isoliert.

Dieser Witwe will ich, weil sie mir lästig ist, Recht verschaffen, damit sie am Ende nicht noch kommt und mich ins Gesicht schlägt.

Auch zu biblischen Zeiten wurden Hinterbliebene ausgeschlossen. Meistens waren es Frauen, also Witwen. Biblische Texte finden f├╝r den Umgang mit ihnen deutliche Worte. Im Alten Testament werden Witwen vielfach in einem Atemzug mit Waisen und Fremden genannt. Witwen geh├Ârten zur verletzlichsten Gruppe der Gesellschaft. Die einzige Absicherung bestand im Familienverband einer patriarchal gepr├Ągten Gesellschaft. Kinderlose Witwen kehrten in ihre v├Ąterliche Familie zur├╝ck oder heirateten innerhalb des Familienverbands ihres verstorbenen Mannes einen seiner Br├╝der. Wenn die Witwe S├Âhne hatte, sollten sich diese um sie k├╝mmern. So ist auch eines der Zehn Gebote zu verstehen, das Elterngebot: ┬źDu sollst deinen Vater und deine Mutter ehren und f├╝r sie sorgen!┬╗ Es ermahnt die erwachsenen Kinder, f├╝r ihre alten, schutzbed├╝rftigen Eltern zu sorgen.

Von Witwen kann man etwas lernen

Wenn Gott sich der Witwen im besonderen Masse annimmt, wird seine Parteinahme f├╝r verletzliche Menschen deutlich. ┬źEin Vater der Waisen und ein Anwalt der Witwen ist Gott┬╗, steht in Psalm 68. Das ist auch eine Aufforderung Gottes, es ihm gleichzutun. Am Umgang mit Witwen, Waisen und Fremden zeigt sich die Gerechtigkeit einer Gesellschaft.

Nun werden Witwen in der Bibel nicht nur als schwache Hilfsempf├Ąngerinnen beschrieben. Von ihnen kann man auch etwas lernen. Es gibt herausragende Pers├Ânlichkeiten, die eine unglaubliche Kraft entfalten, f├╝r ihre Rechte eintreten oder noch schw├Ącheren Menschen Schutz gew├Ąhren. So ist es eine Witwe, die dem Propheten Elija in einer D├╝rre hilft und mit ihm ihr letztes ├ľl und Brot teilt.

Den Richter ins Gesicht schlagen

Auch Jesus stellte Witwen in seinen Predigten nicht nur als Hilfsbed├╝rftige, sondern auch als Vorbilder dar. So erz├Ąhlt er in einem Gleichnis im Lukasevangelium von einer Witwe, der ein Richter nicht zu ihrem Recht verhalf. Doch die Witwe gab nicht auf. Hartn├Ąckig kam sie immer wieder zu ihm und sagte: ┬źVerschaffe mir Recht.┬╗ Schliesslich gab der Richter nach ÔÇô nicht aus ├ťberzeugung, sondern wegen ihrer Aufs├Ąssigkeit: ┬źDieser Witwe will ich, weil sie mir l├Ąstig ist, Recht verschaffen┬╗, sagte er sich, ┬źdamit sie am Ende nicht noch kommt und mich ins Gesicht schl├Ągt.┬╗ Wie die Witwe dem Richter auf den Pelz r├╝ckt, so sollen die Menschen Tag und Nacht zu Gott schreien, sagt Jesus, und er werde ihnen Recht verschaffen.

Witwen und Witwer sind nicht nur Hilfsempfängerinnen und -empfänger. Sie haben viel zu geben.

In einer anderen Situation beobachtet Jesus, wie eine Witwe ein kleines Geldst├╝ck in den Opferkasten wirft ÔÇô viel weniger als einige Reiche vor ihr. ┬źDiese arme Witwe┬╗, sagt er, habe mehr eingeworfen als alle anderen zuvor. Jesus fordert die Zuh├Ârenden nicht nur auf, sich f├╝r die von der Gesellschaft ausgeschlossenen einzusetzen. Er kehrt die Verh├Ąltnisse gar um und stellte die Marginalisierten als Vorbilder f├╝r die Mehrheitsgesellschaft dar.

Sagen, dass man unsicher ist

Die patriarchalen Strukturen der biblischen Zeiten sind veraltet. An die Stelle des Familienverbandes ist der Sozialstaat getreten. Die Anliegen der Bibel sind aber nach wie vor aktuell. Wir k├Ânnen daraus etwas f├╝r den Umgang mit Witwen und Witwern lernen.

Erstens sollen wir Anw├Ąltinnen und Anw├Ąlte Gottes sein f├╝r Inklusion. Das bedeutet, auf Menschen zuzugehen, statt sie auszuschliessen. Eine solche sorgende Gemeinschaft beginnt bei kleinen Dingen: Mit wem suchen Sie etwa das Gespr├Ąch beim Kirchenkaffee?

Zweitens: Witwen und Witwer sind nicht nur Hilfsempf├Ąngerinnen und -empf├Ąnger. Sie haben viel zu geben. ├ťberall dort, wo sie sich beteiligen, wo sie aktiv mitgestalten und ihre Erfahrungen einbringen, tragen sie viel zum gesellschaftlichen Leben bei.

Und drittens bleiben Hinterbliebene eine Herausforderung: Sie erinnern uns durch ihr Dasein daran, dass das Leben endlich ist. Damit ├╝bernehmen sie eine wichtige Aufgabe. Sie fordern uns heraus, ├╝ber unseren eigenen Tod, ├╝ber den Abschied und unsere ├ängste nachzudenken. F├╝r die Begegnung mit der Witwe auf der Strasse hiesse das, nicht ┬źunauff├Ąllig┬╗ die Strassenseite zu wechseln, sondern ihr zu sagen, dass man unsicher ist und nicht weiss, was ihr hilft. Oder erst einmal mit ihr zu schweigen.

BILL – Begleitung in der letzten Lebensphase

Die reformierte Pfarrerin Ute Latuski-Ramm leitet die ├Âkumenische Fachstelle BILL (Begleitung in der letzten Lebensphase). Diese bietet seit vielen Jahren Kurse f├╝r Menschen an, die Angeh├Ârige oder ihnen Nahestehende in Phasen schwerer Krankheit oder am Lebensende begleiten. Sie vermittelt Wissen in Vortr├Ągen rund ums Thema und steht f├╝r Beratung zur Verf├╝gung. Erg├Ąnzend zur Kursarbeit koordiniert die BILL die ┬źLetzten-Hilfe-Kurse┬╗ f├╝r die Region, vernetzt sich mit Palliative Care, Seelsorge und weiteren Fachgruppen.

bill-sg.ch

Unsere Empfehlungen

«Es gibt kein Leben ohne Schmerz»

«Es gibt kein Leben ohne Schmerz»

Akute und chronische Schmerzen kennt jeder von uns. Was drückt dem Menschen auf den Rücken? Leben religiöse Menschen gesünder? Kann Schmerz ein Lehrmeister sein? Was ist Biofeedback? Wolfgang Dumat, Psychologe, Psychotherapeut und Experte für chronische Schmerzen, hat Antworten auf diese Fragen.
Bodensee-Friedensweg: Bühne für Meinungsvielfalt

Bühne für Meinungsvielfalt

Friedensbewegt sein muss nicht bedeuten, sich in allen Details einig zu sein. Der diesjährige internationale Bodensee-Friedensweg in Friedrichshafen bewies daher Mut zu Dissens. Die 300 Veranstaltungsteilnehmer – darunter einige Vertreter des Sozial- und Umweltforums Ostschweiz – belohnten diesen ...
Der Bischof und der Witz

Der Bischof und der Witz

Der Bischof von Passau sorgte am Ostersonntag mit einem Witz für viel Gelächter – in der Kirche und darüber hinaus. Das Video wurde auf YouTube bisher über eine Million Mal angesehen.