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Aus dem Herzen des Schtetls

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20.09.2017
Bevor sich Marc Chagall biblischen Motiven zuwandte, malte er das ostjüdische Leben in seiner russischen Heimat. Das Kunstmuseum Basel zeigt diese weniger bekannten Werke.

Eine neue Ausstellung im Kunstmuseum Basel widmet sich dem Fr├╝hwerk von Marc Chagall aus den Jahren 1911 bis 1919. Seine Darstellungen des j├╝dischen Lebens in seiner russischen Heimat gelten als Dokumente einer untergegangenen Schtetl-Welt. Doch eine Verkl├Ąrung der ostj├╝dischen Kultur und ihrer Traditionen oder eine ├ťberh├Âhung der Armut finde man in den Bildern nicht, sagt Alfred Bodenheimer, Leiter des Zentrums f├╝r j├╝dische Studien an der Universit├Ąt Basel. F├╝r den Ausstellungskatalog schrieb er einen Beitrag ├╝ber Chagalls Darstellung j├╝discher Menschen in der russischen Provinz.

Chagalls ostj├╝dische Identit├Ąt
Chagall wuchs in einer armen j├╝dischen Familie in Witebsk im heutigen Weissrussland auf. In der ostj├╝dischen Kultur blieb er verwurzelt, selbst nachdem er sie verlassen hatte. 1910, mit 23 Jahren, reiste er nach Paris. Seine Kunst habe die franz├Âsische Hauptstadt gebraucht, ┬źso n├Âtig wie ein Baum das Wasser┬╗, meinte er. Doch ┬źdie Erde, die die Wurzeln meiner Kunst gen├Ąhrt hatte, war Witebsk. Und ich glaube, ihr in meiner Malerei immer treu geblieben zu sein┬╗. Was Chagall damals abbildete, wirke echt, weil er damit vertraut gewesen sei, sagt Alfred Bodenheimer.

Die Bilder aus den Jahren 1914 bis 1919 entstanden, als sich Chagall wieder in Russland aufhielt. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, schloss man die Grenzen. So dauerte, was als Familienbesuch von einigen Wochen geplant war, acht lange Jahre. ┬źAls Chagall in Witebsk war, existierte die Kultur der orthodoxen Ostjuden noch, auch wenn ihre Lebensform schon damals in einer tiefen existentiellen Krise steckte┬╗, erkl├Ąrt Bodenheimer.

Den Boden entzogen
Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel zeigt erstmals die vollst├Ąndige Serie der ┬źvier grossen Rabbiner┬╗. ┬źTypen wie diese alten M├Ąnner findet man zu jener Zeit┬╗, sagt Bodenheimer. Ob sie wirklich Rabbiner gewesen sind, bezweifelt er. Nicht jeder, der j├╝dische Gebetskleidung trage, sei ein Geistlicher. Gebetsriemen, Thorarolle oder traditionelle Tracht in Chagalls Bildern versteht der Professor f├╝r j├╝dische Religionsgeschichte vielmehr als Zeichen des Eigenen, an dem die Menschen festhalten, w├Ąhrend ihrer Existenz ┬źder Boden entzogen wird┬╗. Dies sei der Grund, warum ┬źChagalls Juden trotz ihrer schweren B├╝rde zuweilen fliegen ÔÇô nicht aus ├╝berm├Ąssiger Leichtigkeit┬╗, wie man es ihm ├╝blicherweise andichte.

Dass Chagall seinen modernen, urbanen Stil anwende, um angeblich r├╝ckst├Ąndige ┬źOstjuden┬╗ zu portr├Ątieren, werde ┬źzur wichtigen Errungenschaft dieser Bilder und solcher, die ihnen, bis in die Zeit nach dem Holocaust, folgen┬╗, schreibt Alfred Bodenheimer im Katalog und verweist damit ├╝ber die Ausstellung hinaus auf das Sp├Ątwerk Chagalls. Das Motiv des Leidens zieht sich durch sein ganzes Schaffen.

Passion: keine christliche Exklusivit├Ąt
In seinen sp├Ąten Arbeiten wendet sich der K├╝nstler der Bibel zu. So zeigen die ber├╝hmten Fenster im Z├╝rcher Fraum├╝nster aus dem Jahr 1970 die Kreuzigung Jesu. Damit habe Chagall jedoch keine Christianisierung angestrebt, betont Bodenheimer. Im Anklang an den Holocaust erscheine der Jude Jesus hier als Leidensgestalt. Indem Chagall sein j├╝disches Selbstverst├Ąndnis mit der christlichen Bildsymbolik verbindet, schlage er eine Br├╝cke. ┬źBei Chagall ist die Passion ein Zustand, in den alle Menschen geraten k├Ânnen. Sie verliert ihre Exklusivit├Ąt und den antij├╝dischen Ansatz┬╗, sagt Alfred Bodenheimer.

Karin M├╝ller, kirchenbote-online, 20. September 2017

Ausstellung: ┬źChagall ÔÇô Die Jahre des Durchbruchs 1911ÔÇô1919┬╗, Kunstmuseum Basel, Neubau, bis 21. Januar 2018, www.kunstmuseumbasel.ch

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