News aus dem Kanton St. Gallen

Das Herz rutscht in die Hose

von Katharina Meier, Kirchenbote St. Gallen
min
01.04.2023
Bald werden die Rollen fürs Krippenspiel verteilt. Angst, vors Publikum zu treten, auf der Bühne zu stehen? Nein, das haben sie nicht, heisst es unisono bei den Buben und Mädchen der «Chinderchile BüGaMo». Und doch gab es da Momente, wo ihnen das Herz in die Hosen rutschte.

Beispielsweise Lea. Als sie in der Pfadi des Nachts aus dem Bett geholt wurde, die Kieselsteine schmerzhaft in die Fusssohlen drückten, als sie barfuss in den Wald laufen musste. Und dann waren da diese unheimlichen Geräusche, die sie hörte. «Da hatte ich schon ein bisschen Angst.» Und doch vertraute sie den Leiterinnen, bestand die Mutprobe und erhielt ihren neuen Pfadinamen. 

Topf mit schleimigem Inhalt
Die Erzählungen erhalten plötzlich Dynamik. Die Mutprobe im Cevi ploppt auf. Das Wecken, als man schon im Pyjama war, dann die Augenbinde, der Griff in einen Topf mit schleimigem Inhalt. Das Suchen nach einem Stein darin, auf dem der neue Name stand. Oder die Fackelwanderung, das Brauen eines Zaubertranks. Das Trinken des undefinierbaren «Gesöffs» und dann die Erlösung, das Wegnehmen der Augenbinde. Livias Erinnerungen sind sofort wieder da. Gar keine Angst scheint Alina gehabt zu haben, als sie das erste Mal Nachtskifahren ging. «Ich hab’s probiert. Ich konnte es blitzschnell.» 

Sich ĂĽberwinden
Und wie steht’s mit dem Mut? Gabriel zögert mit der Antwort auf die Frage, ob er seiner Mutter einmal etwas eingestehen, «beichten» musste, als er einen Blödsinn gemacht hatte. «Nein», meint er lakonisch, «ich sag es einfach nicht.» Cheyenne ihrerseits erzählt, wie sie im Turnen allen Mut zusammennehmen musste, um sich an der Sprossenwand einzuhängen und kopfüber in die Welt zu blicken. Sie wagte es und ist zu Recht stolz darauf. 

Die Mädchen und Buben reden unerwartet offen, frisch von der Leber weg, ohne Hemmungen und keck drauflos. Leiterin Sonja Britt: «Die ‹Chinderchile› ist ein Ort, wo kein Druck da ist, jeder und jede den andern respektiert, niemand etwas beweisen muss und so sein kann, wie er oder sie ist. Dies funktioniert wunderbar, wenn man bedenkt, dass wir erst seit zwei Jahren so zusammengewürfelt sind und die Kinder aus verschiedenen Dörfern sowie Schulstufen kommen.» 

Die Rollen fürs Krippenspiel indes gibt Britt noch nicht bekannt, Vorfreude hin oder her. Ob sich dann nicht doch noch etwas Nervosität, gar Angst breit machen wird?

Die Angst ist nützlich

So widersprüchlich es klingt: Die Angst ist nützlich. Sie ist ein Alarmzeichen für drohende Gefahr. Sie ist vergleichbar mit dem Schmerz. Wie der Schmerz ein Alarmzeichen dafür ist, dass etwas im Körper nicht stimmt, ist die Angst ein Zeichen dafür, dass etwas von aussen droht. So hat die Angst wie der Schmerz eine Bedeutung fürs Überleben. Keine Angst zu kennen ist gefährlich. Und weil sie eine lebenswichtige Funktion ist, gehört sie auch zur gesunden, normalen Entwicklung eines Kindes. So sind Kinderängste weitverbreitet. Viele dieser Ängste sind entwicklungstypisch, gehören zu einem bestimmten Alter und verschwinden mit dem weiteren Heranwachsen wieder. 

Bedingungslose Liebe
Laut Schulpsychologischem Dienst des Kantons St. Gallen ist es in den ersten zehn Lebensjahren eine der bedeutendsten Entwicklungsaufgaben, mit der Angst umgehen zu können, sie mit eigenen Methoden bewältigen zu lernen und so zu einem guten Selbstvertrauen zu kommen. Dazu brauchen Kinder die Hilfe der Eltern, damit sie sich geborgen fühlen. Dieses «Urvertrauen», die Gewissheit, dass ihnen die Eltern wohlgesinnt und in bedingungsloser Liebe verbunden sind, ermöglicht es den Kindern, allmählich selbstständig zu werden, sich als eigene Persönlichkeit zu entwickeln.  

Was macht Angst?
Auf die Frage, was Angst verursacht, kann laut Merkblatt des kantonalen schulpsychologischen Dienstes niemand eine abschliessende Antwort geben. Die Forschung hat gezeigt, dass die Ursachen von Ängsten sehr vielfältig sind. Unter anderem scheint es eine Frage der Temperamentseigenschaften zu sein, wie Kinder mit unvertrauten Situationen umgehen. Einen grossen Einfluss auf die Ausprägung von Ängsten haben Lernerfahrungen, das Umfeld des Kindes und das Verhalten der Bezugspersonen (z.B. Eltern oder Menschen, die viel Zeit mit dem Kind verbringen). Wenn Eltern aus Sorge heraus, ihre Kinder schützen zu wollen, überbehütend reagieren und dem Kinde schwierige, herausfordernde Situationen ersparen möchten, lernt das Kind möglicherweise: «Die Welt ist gefährlich» oder «Ich schaffe das nicht.»

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