News aus dem Kanton St. Gallen

Deutsche mögens politisch, Schweizer ökumenisch

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22.06.2016
In Deutschland ist Kirchentag, und alle gehen hin. In der Schweiz ist das Interesse verhaltener und Glaube Privatsache. Entsprechend fehlen die Massen. Für einen gesamtschweizerischen ökumenischen Kirchentag sieht Christina Aus der Au, Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, aber Potenzial.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag DEKT ist ein Event der Superlative. Zur 35. Ausgabe in Stuttgart kamen letztes Jahr hunderttausende Besucher, 95 000 wohnten allein dem Schlussgottesdienst bei. Der Anlass wartete mit 2500 Veranstaltungen auf. Am Kirchentag zeigen sich auch immer hochrangige Politiker. Ministerpräsident Winfried Kretschmann eröffnete das Fest. Bundespräsident Joachim Gauck und Bundesminister Thomas de Maizière diskutierten auf den Podien. Letzterer sitzt zusammen mit weiteren Prominenten aus Wirtschaft und Kultur im Präsidium des Kirchentags. Neben dem DEKT feierte der Katholikentag 2016 mit 40 000 Teilnehmern seine hundertste Ausgabe.

In der Deutschschweiz sind Kirchentage bescheidenere Veranstaltungen. Der traditionsreichste ist der Bodenseekirchentag BKT, der am kommenden Wochenende zum 17. Mal stattfindet. Mit rund 150 Veranstaltungen l√§dt er dieses Jahr nach Konstanz-Kreuzlingen. 8000 Besucher erwartet der Kreuzlinger Pfarrer Gunnar Brendler, Mitglied der Gesch√§ftsf√ľhrung des Bodensee-Kirchentages 2016.

Der BKT, der alle zwei Jahre, und der Tag der Kirchen am Rheinknie Kirk, der alle drei bis vier Jahre stattfindet, sind die gr√∂ssten und bekanntesten Kirchentage der Deutschschweiz. Ein besonderes Merkmal ist ihre √∂kumenische und grenz√ľberschreitende Ausrichtung: Der BKT wird alternierend von Deutschland, der Schweiz und √Ėsterreich aus organisiert, der Kirk von Deutschland, der Schweiz und Frankreich aus. Als der Kirk 2011 in Basel √ľber die B√ľhne ging, lockte er 6500 Besucher an.

Selbstverständlich ökumenisch
Der Kirchentag zeige ¬ędass es f√ľr Christen keine un√ľberwindlichen Grenzen gibt ‚Äď weder geografische noch sprachliche oder politische¬Ľ, schrieb im Jahresbericht 2014 der reformierten Kirche Baselland Pfarrer Markus Wagner, Mitglied der Kirk-Steuerungsgruppe. Dass diese Kirchentage mit Schweizer Beteiligung ¬ęso selbstverst√§ndlich √∂kumenisch¬Ľ sind, sch√§tzt auch Christina Aus der Au. Die Leiterin des Zentrums f√ľr Kirchenentwicklung an der Theologischen Fakult√§t in Z√ľrich pr√§sidiert als Schweizer Reformierte den Deutschen Kirchentag, der im Jahr des Reformationsjubil√§ums 2017 in Berlin und Wittenberg stattfindet. Mit √∂kumenischen Kirchentagen tue man sich in Deutschland etwas schwerer. Bisher gab es zwei, in den Jahren 2003 und 2010.

Doch die Zukunft des trinationalen Kirk ist unsicher. Die reformierte Kirche Basel-Stadt hat angek√ľndigt, sich nicht mehr zu beteiligen. Zu gross sei der Aufwand f√ľr eine Veranstaltung, die vor allem von Insidern besucht werde und deren Wirkung begrenzt sei. Christine Aus der Au weist darauf hin, dass auch beim Deutschen Kirchentag √ľber 80 Prozent der Teilnehmenden zu Hause am Gemeindeleben teiln√§hmen. Dies zeige die Auswertung der entsprechenden Statistiken.

Schweizer weniger politisch
Der Kirchentag in Deutschland habe von Anfang an eine politische Dimension gehabt, so Aus der Au. ¬ęNach dem Zweiten Weltkrieg hatten viele Christinnen und Christen das Gef√ľhl, versagt zu haben, weil sie nicht wachsam genug waren. Sie wollten verhindern, dass dies wieder passiert. Die Schweizer Reformierten sind politisch zur√ľckhaltender, bei uns ist Religion eher Privatsache.¬Ľ Im Gegensatz zur Schweiz nutzen darum deutsche Politiker den Kirchentag gerne f√ľr Auftritte. Sie erhalten die Gelegenheit, vor 150 000 bis 200 000 Leuten √ľber den Auslandeinsatz von bewaffneten Soldaten oder √ľber Wirtschaft und Wachstum zu diskutieren.

Ein Drittel des Geldes f√ľr den Kirchentag komme in Deutschland vom Bund, den Bundesl√§ndern und den St√§dten, also von politischer Seite, sagt Christina Aus der Au. Das w√§re in der Schweiz kaum denkbar und ist auch in Deutschland nicht mehr unumstritten. So hat etwa der Rat der Stadt M√ľnster beschlossen, den Katholikentag 2018 finanziell nur noch mit ¬ęSachleistungen¬Ľ zu unterst√ľtzen.

Kirchentage sind Laientreffen
In der Schweiz stehe die f√∂deralistische Struktur der Gemeinschaftlichkeit etwas im Weg. Trotzdem glaubt Christine Aus der Au, dass es m√∂glich w√§re, einen gesamtschweizerischen √∂kumenischen Kirchentag durchzuf√ľhren. Ein Kirchentag k√∂nne jedoch nicht von oben angeordnet werden. Das w√ľrde auch in Deutschland nicht funktionieren. Der DEKT lebe vom lustvollen Engagement Ehrenamtlicher und Freiwilliger. Nur die Mitarbeitenden der Gesch√§ftsstelle seien von der Kirche angestellt, erkl√§rt Aus der Au.

¬ęEin √∂kumenischer Schweizer Kirchentag k√∂nnte dazu beitragen, die Identit√§t der Schweizer Christinnen und Christen zu festigen¬Ľ, meint Christina Aus der Au. Er biete zudem die Chance, √ľber die Rolle der Schweiz in Europa und der Welt nachzudenken. Vorerst ist die Pr√§sidentin des DEKT aber mit dem Aufbau eines europ√§ischen √∂kumenischen Kirchentages besch√§ftigt. ¬ęGerade jetzt, wo Europa auseinanderf√§llt, wollen wir mit den Menschen dar√ľber reden, was wir zu einer europ√§ischen Zivilgesellschaft beitragen k√∂nnen. Wie k√∂nnen wir uns √ľber Grenzen hinweg f√ľr ein Europa einsetzen, in dem man gut lebt?¬Ľ Dem Verein f√ľr einen europ√§ischen Kirchentag geh√∂rt aus der Schweiz auch die reformierte Z√ľrcher Landeskirche an, die f√ľr die Planung eine Sekretariatsstelle von 15 Prozent finanziert.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ¬ęreformiert.¬Ľ, ¬ęInterkantonaler Kirchenbote¬Ľ und ¬ęref.ch¬Ľ.

Karin M√ľller / Kirchenbote / 22. Juni 2016

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