News aus dem Kanton St. Gallen

Die Bibel als Glücksbuch

min
08.03.2022
Es gibt zahlreiche Ratgeber und Seminare, wie man sein Glück findet. Daniel Maier kommt in seiner Dissertation zum Ergebnis, die Bibel ist ein Glücksbuch.

Daniel Maier, Sie behaupten, die Bibel soll auch ein Gl├╝cksbuch sein.
Klar, auf jeden Fall. Auch in der Antike setzten sich die Philosophen, die Gelehrten und die Schulen mit der Frage auseinander, welcher Weg zum Gl├╝ck f├╝hrt. Auch das antike Judentum wie auch Jesus und das fr├╝he Christentum stellten sich diese Frage.

Wir reden von einer Zeit, die 2000 Jahre zur├╝ckliegt. Lassen sich die damaligen Umst├Ąnde mit den heutigen vergleichen?
Sicher, das Erleben der Menschen war damals nicht viel anders als heute. Beim Tod trauerte man. Und wenn man zum ersten Mal sein Kind im Arm hielt, f├╝hlte man das gleiche Gl├╝ck wie heute. Die Emotionen sind die gleichen.

Wie wird man gem├Ąss dem Neuen Testament gl├╝cklich?
Da gibt es verschiedene Wege: Evangelium heisst auf Deutsch ┬źFrohe Botschaft┬╗, und diese Botschaft gibt Hoffnung, dass Gott in dieser Welt f├╝r das Bessere wirkt. Die empirische Forschung zeigt, dass Hoffnung gl├╝cklich macht. Hoffnungsvolle Menschen erkennen in einer Situation eher das Gute. Als Zweites betont die Bibel die Gemeinschaft. Das Johannesevangelium erkl├Ąrt, dass die Freude Jesu in den J├╝ngern sein wird, wenn sie Liebe praktizieren und in Gemeinschaft leben. Auch dies sind gem├Ąss aktueller Studienlage Aspekte, die zum Gl├╝ck f├╝hren.

Gibt es einen weiteren Aspekt?
Ja, die Dankbarkeit. Jesus wie auch die J├╝nger dr├╝cken im Gebet ihren Dank aus f├╝r das, was ihnen der Sch├Âpfer gibt. Der erste Tipp der positiven Psychologie lautet: F├╝hre ein Tagebuch der Dankbarkeit! Am Ende des Tages sollte man sich hinsetzen und drei bis f├╝nf Dinge aufschreiben, f├╝r die man heute dankbar ist. Das macht gl├╝cklich. Etwas ├ähnliches geschieht im Gebet, wenn man dem Sch├Âpfer dankt.

Jesus bezeichnet in der Bergpredigt die Armen, die Friedfertigen und die Trauernden als selig und gl├╝cklich, nicht die Erfolgreichen, die M├Ąchtigen und die Reichen. Verkennt da der Nazarener die Realit├Ąt?
Nein, im Gegenteil. Auch in der Antike wurden vor allem die Herrscher und die Wohlhabenden als gl├╝cklich (makarios) gelobt. Jesus kehrt diese Werte um und nennt die Schwachen, die Ausgestossenen und diejenigen, die sich nach Gerechtigkeit und Frieden sehnen, gl├╝cklich. Er fordert die Menschen auf, sich nicht damit abzufinden und zu resignieren, sondern sich f├╝r das Reich Gottes einzusetzen. Die Gl├╝cksforschung best├Ątigt, dass Leute, die sich f├╝r ein h├Âheres Ziel einsetzen, aufbl├╝hen und gl├╝cklicher sind. Auch weil sie mit anderen Menschen und der Umwelt besser vernetzt sind.

Gelten die Seligpreisungen auch f├╝r das Leben nach dem Tod?
Die Bergpredigt beschreibt das Gl├╝ck im Jetzt und die Vorfreude auf das K├╝nftige.

Die Bergpredigt ├╝berfordert die heutigen Menschen, wenn es da zum Beispiel heisst, man solle sich die Hand abhacken, die einen verf├╝hrt.
Die Forderungen waren auch f├╝r ihre damaligen H├Ârer haneb├╝chen. Die Bergpredigt zeigt einen Weg zur sittlichen Lebensf├╝hrung und zum Gl├╝ck.

Inwiefern?
Sie warnt vor Situationen, die zum Ungl├╝ck f├╝hren. Etwa indem man stiehlt oder untreu ist.

Geld und Macht sind in der Bibel keine Faktoren zum Gl├╝ck. Spielten diese in der Antike keine Rolle?
Nat├╝rlich. Auch in der Antike diskutierte man, ob Geld gl├╝cklich macht. F├╝r die ersten Christen war klar, dass ├äusserlichkeiten nichts zum Gl├╝ck beitragen. Stattdessen vertrauten sie auf Gott. Jesus selbst hat ja gesagt: ┬źSchaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in all seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie diese.┬╗ Die christliche Botschaft besagt: Lebt im Gottvertrauen im Hier und Jetzt, statt Sch├Ątze anzuh├Ąufen! Heute nennt dies die Psychologie ┬źSimplify your life┬╗.

Im Korintherbrief nennt der Apostel Paulus die Gl├╝cksformel ┬źGlaube, Hoffnung und Liebe┬╗.
Paulus hat sich oft der Sprache der Philosophen bedient. Bei Aristoteles streben alle Handlungen auf einen h├Âchsten Punkt zu, das Gl├╝ck. F├╝r Paulus hingegen ist dieser Punkt die Christus-Nachfolge. Auch das Gl├╝ck f├╝hrt f├╝r den Apostel zu Christus hin. Im Leben verleiht dieser Glaube eine Gelassenheit, selbst in der Gefahr. Im Philipperbrief, den Paulus in Haft vor seiner Hinrichtung geschrieben hat, ruft er seine Leserschaft zur Freude auf und dazu, Gott zu vertrauen. Das ist eine starke Form der Hoffnung.

Herr Maier, Sie sind Vater von Zwillingen. In der j├╝dischen Welt galten Kinder als Weg zum Gl├╝ck. Machen Kinder gl├╝cklich?
Gem├Ąss Forschung nicht unbedingt. Bis die Kinder das Haus verlassen, sind Eltern im Vergleich zu Kinderlosen tendenziell ungl├╝cklicher. Die Situation ├Ąndert sich danach. Die Kinder zahlen emotionale Dividende, wenn sie die Eltern mit den Enkeln besuchen und sich sp├Ąter um sie k├╝mmern. Studien zeigen ausserdem: Das Gl├╝ck in der Familie h├Ąngt von den finanziellen Verh├Ąltnissen ab. Wer reich ist, kann sich seine W├╝nsche auch mit Kindern erf├╝llen.

Im Zusammenhang mit Gl├╝ck spricht die Bibel von Gnade und Dankbarkeit. Gilt dies auch heute?
Ja. Gl├╝cklich ist, wer dankbar und zufrieden ist mit dem, was er hat. Man kann st├Ąndig danach streben, mehr zu haben. Und sich dar├╝ber gr├Ąmen, dass andere ein gr├Âsseres Haus, ein teureres Auto und intelligentere Kinder haben. Das macht nicht gl├╝cklich. Aber man kann sagen: ┬źDanke, Gott, dass ich diese Partnerin, diese tollen Kinder und diese sichere Unterkunft habe.┬╗ Die Bibel ist da klar: Wir sollen nicht nach dem Mammon streben, sondern uns dar├╝ber bewusst werden, was wir haben. Im Buch Kohelet beschreibt Salomo, wie er ├╝ber verschiedene Stationen zu seinem Gl├╝ck gefunden hat. Salomo wird in ein gutes Haus geboren und strebt nach Weisheit. Sp├Ąter f├╝hrt er ein ausschweifendes Leben mit Festen und verschiedenen Frauen ÔÇô all dies macht ihn nicht gl├╝cklich. Genauso wenig wie seine Macht als K├Ânig. Schliesslich kommt Salomo zur Einsicht, dass er gl├╝cklich ist, wenn er mit Freunden zusammensitzt und den Moment bewusst geniesst. Alles andere ist wie ein Hauch des Windes, der vergeht und fl├╝chtig ist.

┬źGeniesse den Moment und sei dankbar! Und das Wesentliche im Leben erh├Ąlt man geschenkt.┬╗ Jetzt klingen Sie wie der Referent in einem Gl├╝cksseminar.
Ja, f├╝r diese Erkenntnisse zahlen die Leute dort Tausende Franken.

In der Bibel erhalten Sie diese Lektionen gratis.
Sie m├╝ssten nur die Bergpredigt bei Matth├Ąus 6,34 aufschlagen: ┬źSorgt euch nicht um morgen; denn der morgige Tag wird f├╝r sich selbst sorgen.┬╗ Man muss also nur auf Gott vertrauen. In den Seminaren fehlt jedoch oftmals der Hinweis auf das G├Âttliche. Nur auf sich selber vertrauen ist anstrengend, und gerade in schweren Zeiten ist die Hilfe von oben, die gl├Ąubige Menschen in ihrem Leben erkennen d├╝rfen, ungemein gl├╝ckstiftend.

Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online

Unsere Empfehlungen

Wenn der Glaube einem die Schuhe auszieht

Wenn der Glaube einem die Schuhe auszieht

Die Passionszeit ist traditionell die Zeit des Fastens und der Meditation. Der Journalist Stefan Degen hat «ein Sitzen in der Stille» in einer Kirche besucht und festgestellt, wie frei die Gedanken schweifen. Bericht eines Selbstversuchs.
Der Goldschmied Gottes

Der Goldschmied Gottes

Josua Boesch wirkt mit seinen Metallikonen und seinen Gedichten zum Glauben über seinen Tod hinaus. Sein Leben schwankte zwischen Kunst, Pfarramt, Kloster und dem Rückzug in der Stille und der Einsamkeit.