News aus dem Kanton St. Gallen

Die Bibel mit den Füssen verstehen

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30.08.2016
Vor kurzem ist der Theologe Walter Hollenweger gestorben. Er prägte eine ganze Theologengeneration mit seinen Kirchenspielen und -theatern. Der Berner Pfarrer Simon Jenny führt seine Arbeit weiter. Im Interview würdigt er das Schaffen Hollenwegers.

Herr Jenny, in welcher Beziehung standen Sie zu Walter Hollenweger?
Ich war Student, als er 1989 nach seiner Pensionierung als Professor in Birmingham f├╝r ein Gastsemester an die Theologische Fakult├Ąt in Bern kam. Ich besuchte bei ihm wichtige Seminare, zum Beispiel zur ┬źnarrativen Exegese┬╗ und zu den Salbungsgottesdiensten.

Und sp├Ąter?
Als ich in meiner Zeit als Pfarrer in Huttwil Hollenwegers Kirchenspiele aufzuf├╝hren begann, reiste ich zu ihm nach Krattigen, um mich n├Ąher einf├╝hren zu lassen. Dann war ich mit ihm auch an deutschen regionalen Kirchentagen, holte ihn zu Vortr├Ągen und blieb in Verbindung mit ihm, auch als er krank wurde.

Was zeichnete ihn aus?
Ein lebenslanges, unvoreingenommenes Verstehenwollen, ein weltweites Netzwerk, das er sich durch seine Arbeit beim ├ľkumenischen Rat der Kirchen und in Birmingham schuf. Eine Hingabe an die Theologie, den Glauben, die Vermittlung von Ergebnissen historisch-kritischer Exegese, so dass es jeder verstehen konnte. Er war ein Forscher, der die religi├Âsen Formen, die er in Afrika, Asien, Lateinamerika kennen lernte, immer ernst nahm, ein Charismatiker, der aber ganz einfach und klar blieb.

Er gilt als Begr├╝nder der ┬źnarrativen Exegese┬╗. Was genau ist das?
Die Geschichten der Bibel wurden zuerst m├╝ndlich weitergegeben. So beginnt eines von Hollenwegers Spielen mit einem Geschichtenerz├Ąhler: ┬źIch bin Geschichtenerz├Ąhler aus Arabien. Ich erz├Ąhle Ihnen die Geschichte von Hiob. Es war einmal...┬╗ Bei der narrativen Exegese erz├Ąhlen, singen, tanzen, spielen Menschen aus einer Kirchgemeinde diese Geschichten und eignen sich dadurch selber die Inhalte an. Im Vorwort der Begleithefte beschrieb Hollenweger die historisch-kritischen Erkenntnisse und baute sie in die St├╝cke ein. Im St├╝ck ┬źKonflikt in Korinth┬╗ werden beispielsweise zwei Kapitel aus dem 1. Korintherbrief mit Erkenntnissen aus der Forschung in eine Geschichte gefasst, die mit verschiedenen Rollen aufgef├╝hrt wird.

Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung k├Ânnte man ja auch in einer Predigt erz├Ąhlen?
Das ist aber nicht dasselbe. Wenn Sie selbst diese Ergebnisse auff├╝hren, eignen Sie sich dieses Wissen ganz anders an.

Was ist das Faszinierende daran?
Die Faszination des Kirchenspiels liegt im Mitmachen m├Âglichst vieler Menschen. Es ist eine dialogische Erwachsenenbildung, bei der auch viele Kirchenferne einbezogen werden. Geschichten erz├Ąhlt zu bekommen fasziniert immer noch, nicht nur Kinder. Narrative Exegese verlangt aber ein hohes Mass an Umsetzungsverm├Âgen der historischen, exegetischen Erkenntnisse. Biblische Spiele gibt es viele. Aber meist ohne die wichtigen Erkenntnisse, die wir an der Universit├Ąt gelernt haben.

Wie kam Hollenweger auf die narrative Exegese?
Seine schwarzen Studierenden in Birmingham hatten ihn dazu angestossen. Sie sagten ihm: Wir verstehen nur, was wir gespielt, getanzt und gesungen haben. So entstand mit ihnen das erste St├╝ck.

Sie f├╝hren 2017 das Kirchenspiel ┬źRequiem f├╝r Bonhoeffer┬╗ auf, das von Hollenweger stammt.
Zum Reformationsjubil├Ąum will die Kirchgemeinde Herzogenbuchsee dieses St├╝ck auff├╝hren, das die Person Bonhoeffers in Leben, Worten und Sterben zeigt. Ich schreibe im Moment auch an einem Theater zu Niklaus von Fl├╝e f├╝r das Kloster Kappel, das 2017 das 600-Jahr-Jubil├Ąum von Bruder Klaus begeht. Mit Dialogen, Musik, Gesang und Licht soll er, der weder lesen noch schreiben konnte, den Menschen nahe gebracht werden. Ich bin gerne einer, der das, was Hollenweger mit Erfolg an vielen Orten initiiert hat, weitergeben m├Âchte.

Welche Zukunft sehen Sie f├╝r die narrative Exegese?
Hollenweger hat ├╝ber 30 k├╝rzere und gr├Âssere narrative Exegesen als Spiel und Theater geschrieben. Vielleicht finden sich schreibbegabte Theologen mit Theaterwissen, die neue St├╝cke verfassen. Und vielleicht finden sie dann Pfarrer, Pfarrerinnen oder Kirchgemeinden, die so etwas an die Hand nehmen. Regisseure, Tanzchoreografinnen und Musiker gibt es genug, die das anleiten k├Ânnen.

Gibt es so etwas wie ein Verm├Ąchtnis von Hollenweger?
In all denen, die ein Kirchenspiel miterlebt haben, gehen Inhalte und Dinge weiter, die Hollenweger wichtig waren. Der Komponist Hans-J├╝rgen Hufeisen, der mit Hollenweger an den deutschen Kirchentagen narrative Exegesen aufgef├╝hrt hat, lebt es weiter. Er hat zum Reformationsjahr 2017 mit dem Grossm├╝nsterpfarrer Christoph Sigrist ein St├╝ck zu Zwingli geschrieben. In Freiburg f├╝hrt Estella Korthaus, die als Theaterp├Ądagogin mit Hollenweger gearbeitet hat, die Arbeit fort. Dann sind aber auch die Segnungs- und Salbungsgottesdienste zu nennen, die Hollenweger aus England in die Schweiz gebracht hat. Sie sind in vielen Gemeinden zu einem wichtigen Angebot geworden. Und auch seine Kenntnisse ├╝ber die Pfingstkirchen, seine ├╝ber zwanzig B├╝cher, seine Studien zu ┬źGeist und Materie┬╗ und die interkulturelle Theologie werden bleiben.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ┬źreformiert.┬╗, ┬źInterkantonaler Kirchenbote┬╗ und ┬źref.ch┬╗.

Matthias B├Âhni / ref.ch / 29. August 2016

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