News aus dem Kanton St. Gallen

Die dunkle Seite der Religionen

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01.11.2016
Voodoo, Okkultismus, schwarze Magie - alles Humbug? Nicht so für Andreas Klaiber. Der reformierte Pfarrer ist überzeugt, dass wir uns auch mit den unheimlichen und irrationalen Seiten des Religiösen beschäftigen müssen.

Einige der Holzskulpturen sehen schon ziemlich mitgenommen aus. «Termiten», sagt Andreas Klaiber. «Das afrikanische Klima setzte dem Holz zu». Klaiber, Pfarrer in der Basler Kirchgemeinde Riehen-Bettingen, sammelt seit einigen Jahren afrikanische Kunst- und KultgegenstĂ€nde. Die Objekte findet er im Kunsthandel oder auch mal auf dem Flohmarkt. Bei ihm im Pfarrhaus stehen sie im BĂŒro und im Wohnzimmer: Masken, halbmondförmige Symbole, hohe und schlanke Figuren aus dunklem, fast schwarzem Holz. «Mich hat diese Art von Kunst immer besonders ergriffen», sagt Klaiber. «AnfĂ€nglich wirken diese Figuren fremd, bis man entdeckt, dass sie uns viel ĂŒber uns erzĂ€hlen.»

FĂŒr einen reformierten Pfarrer hat Klaiber einige sonderbare Nebeninteressen, wie er es nennt. Über die Kunst fand er den Zugang zu afrikanischen Religionen, zum Beispiel zu Voodoo. «Ich war fasziniert von der afrikanischen Kunst und begann mich mit ihren UrsprĂŒngen zu beschĂ€ftigen. Immer sind diese Skulpturen ja auch KultgegenstĂ€nde und haben eine religiöse Bedeutung.»

Faszination fĂŒr das Unheimliche
Zum ursprĂŒnglichen animistischen Afrika gehört auch die Voodoo-Religion, wie sie in LĂ€ndern wie Benin noch existiert. Filme und populĂ€re Darstellungen prĂ€gten ein weitgehend negatives Bild, in dem Voodoo mit durchstochenen Puppen und schwarzer Magie in Verbindung gebracht wird. Zu Unrecht, findet Klaiber: «Voodoo bezeichnet zunĂ€chst einmal nichts anderes als das, was sich unserem Verstehen und BegrĂŒnden entzieht.»

In seinem BĂŒro greift Klaiber einen Band des evangelischen Theologen Rudolf Otto aus der BĂŒcherwand. Otto beschrieb schon vor hundert Jahren in seinem Buch «Das Heilige: Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein VerhĂ€ltnis zum Rationalen» die beiden Seiten des Religiösen. «Neben dem faszinierenden Aspekt gab es fĂŒr Otto immer auch die erschreckende, dunkle und unheimliche Seite von Religion. Er nannte dies das Mysterium tremendum.»

Das Alte Testament ist voller Blutopfer
Wer sich eine Weile mit Klaiber unterhĂ€lt, merkt rasch, dass es ihm nicht um eine Ästhetisierung des Mysteriösen geht. Seine BeschĂ€ftigung ist eher praktischer Natur. «In den afrikanischen Religionen ist dieses Mysteriöse noch viel lebendiger. Aber auch in der Bibel hat es einst eine Rolle gespielt, denken Sie an die ganzen Tier- und Blutopfer, die Orakel, Traumdeutungen und Totenbeschwörungen. Das Alte Testament ist voll davon. Und manche dieser Vorstellungen haben sich ĂŒber Jahrhunderte im Aberglauben und magischen Volksglauben erhalten.»

Vor 25 Jahren begann Klaiber sich auch mit Okkultismus zu befassen. Damals, als er in einer Baselbieter Gemeinde seine erste Pfarrstelle antrat, war unter den Jugendlichen gerade das GlĂ€serrĂŒcken in. Das war ein spiritistisches Spiel, bei dem durch das VerrĂŒcken von GlĂ€sern Kontakt zu Verstorbenen aufgenommen wurde. In einem Konfirmandenlager erlebte Klaiber, dass die Jugendlichen dieses Spiel ohne sein Wissen spielten. «Mir fiel auf, dass dieses Spiel bei den Jugendlichen auch Ängste auslöste. Im Konfirmandenunterricht versuchte ich dann, auf diese Gefahren aufmerksam zu machen.»

Geister in den BĂŒndner Bergen
Als Pfarrer ist es Klaiber ein Anliegen, das ganze Spektrum des Unheimlichen, Okkulten und Übersinnlichen nicht einfach als Humbug abzutun. «Ich glaube ich ja schliesslich auch daran, dass Jesus nach seinem Tod mehrmals erschienen ist.» Sogenannten Grenzerfahrungen versucht er deshalb mit der nötigen Offenheit entgegenzutreten. «Ich will die Menschen ernst nehmen, auch wenn sie mir von Erfahrungen berichten, die auf den ersten Blick unglaubhaft wirken.»

Unglaubhaft klingt auch die Geschichte, die Klaiber einst selbst erlebte. Es war vor ein paar Jahren in den Gemeindeferien in einem Hotel in den BĂŒnder Bergen, als ein MĂ€dchen plötzlich Geister zu sehen glaubte. «Das Erstaunliche war: Sie konnte uns genau die Kleider und Sprache von Personen beschreiben, die vor vielen Jahrzehnten einmal in diesem Hotel zu Gast waren.»

Im Okkultismus werden religiöse Fragen berĂŒhrt
Klaibers persönliche Haltung solchen PhĂ€nomenen gegenĂŒber ist ambivalent. Oft seien diese Erfahrungen stark angstbesetzt, sagt er. Trotzdem wĂŒrden gerade im Okkultismus auch religiöse Fragen berĂŒhrt, etwa die nach dem Leben im Jenseits. Aktiv den Kontakt zu einem Verstorbenen zu suchen, hĂ€lt er aber fĂŒr problematisch. «Eine andere Sache ist es, wenn man sich etwas schenken lĂ€sst, das vom Jenseits als Erfahrung zu uns kommt.»

Klaiber weiss, der Grat zwischen Glauben und Aberglauben ist oft schmal. Gerade in lĂ€ndlichen Gebieten und Bergregionen der Schweiz hĂ€tten die Menschen noch lĂ€nger eine Verbindung zum Magischen gehabt. Da habe man etwa an ZaubersprĂŒche geglaubt oder TierschĂ€del in den Stall gehĂ€ngt, um Unheil abzuwehren. «In afrikanischen LĂ€ndern gibt es dieses Nebeneinander noch stĂ€rker: Da gibt es Menschen, die einer christlichen Kirche angehören, aber dennoch Wunderheiler und MedizinmĂ€nner aufsuchen.»

Bewerten will Klaiber das nicht. Man hat den Eindruck, er findet dieses Nebeneinander nicht wirklich verwerflich. In seiner Pfarrwohnung jedenfalls scheinen sich afrikanische Kultobjekte und christliche Symbolik gut zu vertragen.

Heimito Nollé / ref.ch / 1. November 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

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