News aus dem Kanton St. Gallen

Die heilige Sau der Ostschweiz

von Stefan Degen
min
26.03.2026
Sie verbindet Stadt und Land und definiert ihre eigene Zeitrechnung. Die Olma ist mehr als eine Institution. Sie ist Kult. Eine nicht ganz ernst gemeinte Annäherung an die heilige Sau der Ostschweiz.

«St. Galle, diä Provinz am Arsch vo dä Schwiz, hät ä ganz eigeni Zit-Rechnig. Äs git vor dä Olma und noch dä Olma. Und natürlich während dä Olma.» So beginnt der berühmte Olma-Text des St. Galler Poetry-Slammers und Journalisten Ralph Weibel.


Weihnachten, Hidschra, Olma

So gewöhnungsbedürftig Weibels Wortwahl auch ist – er hat recht: Die heiligen elf Olma-Tage gelten in der Ostschweiz als fünfte Jahreszeit. Das verleiht der grössten Publikumsmesse der Schweiz einen quasi-religiösen Status. Denn auch Weltreligionen machen die Zeit daran fest, was ihnen heilig ist. Das Christentum etwa an der Geburt des Messias, der Islam an der Hidschra, der Flucht des Propheten nach Medina.

Die Olma definiert zwar eine eigene Jahreszeit, ist aber selbst etwas aus der Zeit gefallen: Landauf, landab verschwinden Messen. 2018 erwischte es die Comptoir Suisse in Lausanne und die Zürcher Züspa. 2019 segnete die Basler Muba das Zeitliche, kurz nach ihrem hundertsten Geburtstag. Und 2024 würgte auch noch der Genfer Autosalon den Motor ab.

Die Olma aber muht, grunzt und blökt fröhlich weiter. Geboren wurde sie im Jahr 1943, wobei es schon vorher Wegbereiter gab. Ihr Name stand ursprünglich für «Ostschweizerische Land- und Milchwirtschaftliche Ausstellung». Der Name wechselte, das Kürzel blieb. Heute heisst sie Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung. Ziel war damals, die Landwirtschaft zu stärken und die Versorgung im Inland zu sichern. Es war die Zeit der Anbauschlacht: der Bemühung, während des 2. Weltkriegs die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen.

Magistraten pilgern gen Osten

In den Sechziger- und Siebzigerjahren wandelte sich die Olma von einer reinen Landwirtschaftsmesse zu einer Publikums- und Konsumgütermesse. Ab 1992 wurde die Landmaschinenausstellung ausgelagert. Dafür rückten andere landwirtschaftliche Themen in den Vordergrund: 1993 fand die erste Braunvieh-Eliteschau statt, 1997 war die Geburtsstunde des legendären Säulirennens.

Die Säuli. Sie sind die Stars der Messe. Jahr für Jahr pilgern die höchsten Schweizer Magistraten in den Osten des Landes, um diesen Würdenträgern die Aufwartung zu machen. Und sich mit ihnen ablichten zu lassen.

Hoffnung auf den neuen Tempel

Derweil kämpft auch die Olma mit stagnierenden Besucherzahlen. Und hofft auf einen neuen Tempel – pardon! – einen Neubau der Halle 9. Ob dieser realisiert wird, hängt allerdings von höheren Mächten ab. Etwa vom Bundesamt für Strassen (Astra), das über die dritte Röhre des Rosenbergtunnels zu befinden hat.

Drei Fragen an Olma-Geschäftsleitungsmitglied Katrin Meyerhans

Frau Meyerhans, welcher Moment an der Olma ist Ihnen heilig?

Katrin Meyerhans: Nach einem turbulenten Olma-Tag abends durch den Stall zu gehen: Draussen klingt der Trubel langsam aus, während die Kühe ganz ruhig fressen und wiederkäuen – ein überraschend sinnlicher Moment mitten im Olma-Geschehen.

Messen wirken aus der Zeit gefallen; viele haben ihren Betrieb eingestellt. Kirchen geht es ähnlich. Wer ist moderner: die Olma oder die Kirche?

Die Kirche und die Olma haben mehr gemeinsam, als man denkt: Beide bringen Menschen zusammen und haben eine lange Geschichte. Der Unterschied ist vielleicht: Die Olma erfindet sich jedes Jahr neu – mit aktuellen Themen, neuen Erlebnissen und frischen Ideen, ohne ihren Charakter zu verlieren.

Was ist das grössere Sakrileg: Eine rohe Olma-Bratwurst auf einem Plakat oder Senf zur Olma-Bratwurst?

Ich bin da ziemlich entspannt. Der Senf-Streit ist ja ein Running Gag, den vor allem Nicht-St. Galler über uns machen. Hauptsache, die Menschen haben Freude an der Olma-Bratwurst.

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