News aus dem Kanton St. Gallen

Die Kirche besinnt sich auf ihre gesellschaftliche Verantwortung

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03.01.2022
Die neue Kirchenverfassung ist seit dem 1. Januar in Kraft. Kirchenratspräsident Christoph Herrmann ist überzeugt, dass mit den neuen flexiblen Gesetzeswerken die reformierte Kirche Baselland gesellschaftlich relevant bleibt und den heutigen Bedürfnissen der Menschen entgegenkommt.

Seit dem 1. Januar ist die neue Verfassung der reformierten Kirche Baselland in Kraft, f├╝r Kirchenratspr├Ąsident Christoph Herrmann ein Meilenstein in der noch jungen Geschichte der Baselbieter Kirche. Diese gab sich 1952 ihre erste Verfassung. Siebzig Jahre sp├Ąter wird sie nun ersetzt. Neben der Verfassung gelten ab diesem Jahr auch die neue Kirchen- und Finanzordnung.

┬źZehn Jahre lang haben wir diese Regelwerke vorbereitet┬╗, erkl├Ąrt Christoph Herrmann. ┬źDass die Kirche flexibler werden muss, wird seit 25 Jahren diskutiert. Da kann man es schon als epochal bezeichnen, dass wir uns jetzt ├╝ber grunds├Ątzliche Fragen, ├╝ber unseren Auftrag und unser Kirchesein, einig geworden sind┬╗, sagt Herrmann. Die reformierte Kirche Baselland versteht sich weiterhin als Volkskirche, obwohl die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner, die konfessionell gebunden sind, seit kurzem unter 50 Prozent liegt. ┬źWenn die finanziellen und personellen M├Âglichkeiten abnehmen, kann sich die Kirche auf sich selber zur├╝ckziehen oder ÔÇô wie wir ÔÇô sich wieder darauf besinnen, dass wir f├╝r alle Menschen in diesem Kanton da sein wollen. Wir fragen niemanden nach der Konfession, wenn er oder sie seelsorgliche Begleitung braucht┬╗, sagt der Kirchenratspr├Ąsident.

Wertediskussion wachhalten
┬źJe weniger Leute kirchlich gebunden sind, umso wichtiger ist unsere Kirche┬╗, ist Christoph Herrmann ├╝berzeugt. Es sei die Aufgabe der Kirche, die Wertediskussion wachzuhalten, integrierend zu wirken und f├╝r Vers├Âhnung einzustehen. ┬źWir wollen unsere gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen, uns einbringen und verlauten lassen.┬╗ Es gehe nicht darum, andere als schlechte Christen anzuprangern, wie es viele w├Ąhrend des Abstimmungskampfs zur Konzernverantwortungsinitiative kritisiert haben. ┬źWir reden nicht f├╝r alle Reformierten, jedes Mitglied hat seine eigene Haltung. Wir wollen eine Auseinandersetzung anstossen und miteinander um Positionen ringen. Dies ist in den neuen Regelwerken angelegt.┬╗

Zu den Bereichen, zu denen die Kirche sich ├Ąussern muss, z├Ąhlt der Kirchenratspr├Ąsident Themen, die den Anfang und das Ende des Lebens betreffen, sowie Fragen der Menschenw├╝rde, etwa bei der Organspende. Die Baselbieter Landeskirchen haben sich an der Vernehmlassung zum Sozialhilfe- und j├╝ngst zum Behindertenrechtegesetz beteiligt. Immer wieder betone auch Regierungsrat Anton Lauber, Vorsteher der Finanz- und Kirchendirektion, dass die Kirche dem Staat ein kritisches Gegen├╝ber sei, so Christoph Herrmann: ┬źDie politisch Verantwortlichen nehmen uns ernst.┬╗

Paradigmenwechsel bei den Finanzfl├╝ssen
Mit der Finanzordnung leitet die Kirche einen Paradigmenwechsel bei den Finanzfl├╝ssen ein. Bisher wurde der Kantonsbeitrag gem├Ąss der Mitgliederzahl an die Kirchgemeinden verteilt, neu sollen alle einen Sockelbeitrag erhalten plus einen proportionalen Anteil pro Mitglied. Eine weitere wichtige Neuerung betrifft die Kirchenordnung. Den Kirchgemeinden steht ab 1500 Mitgliedern eine pfarramtliche Vollzeitstelle zu. 30 Prozent dieser ersten Pfarrstelle k├Ânnen sie gem├Ąss ihren Bed├╝rfnissen an Sozialdiakone oder Katechetinnen abtreten. Den Kirchgemeinden ist es freigestellt, ob sie dar├╝ber hinaus weitere Pfarrpersonen und Personal einstellen wollen.

Die neue Kirchenordnung erm├Âglicht mehr Freiheiten. So gilt der Gottesdienst weiterhin als die Mitte des Gemeindelebens, er muss aber nicht mehr jeden Sonntag stattfinden. Einige Neuerungen haben viele Pfarrpersonen bereits praktiziert, jetzt sind sie legitimiert. Beispielsweise dass Trauungen und Taufen nicht in einer Kirche stattfinden m├╝ssen und nicht mehr an einen Gottesdienst gebunden sind. Dies sei einer der Gr├╝nde gewesen, dass Eltern ihre Kinder nicht taufen liessen und lieber ein Begr├╝ssungsritual w├Ąhlten, meint Christoph Herrmann. ┬źTheologisch betrachtet ist der Anschluss an eine Gemeinde wichtig, gleichzeitig haben die Menschen verschiedene Bed├╝rfnisse und denen wollen wir entgegenkommen.┬╗ Auch dem Bed├╝rfnis nach der freien Wahl der Kirchgemeinde, obwohl dies eher selten beansprucht werde. Es seien vor allem aktive Mitglieder, die in eine andere Gemeinde ziehen, aber ihre kirchliche Heimat behalten m├Âchten, so Herrmann.

Virtuelle Gemeinde unerwartet aktuell
Andere Bestimmungen habe man vorausschauend aufgenommen, sagt Herrmann. Doch nun werden sie von der Wirklichkeit eingeholt. Gem├Ąss der Kirchenordnung besteht die M├Âglichkeit, nicht territorial verfasste Kirchgemeinden zu gr├╝nden. Darunter habe man sich wenig Konkretes vorgestellt, vielleicht eine Gemeinde f├╝r Motorradfahrende oder andere Gruppen. Man habe sicher nicht damit gerechnet, dass mit der Corona-Pandemie die virtuelle Gemeinde eine unerwartete Aktualit├Ąt erh├Ąlt. ┬źDie Kirchenordnung ist flexibel, sie sagt nicht einfach, was nicht geht, sondern dass wir bereit sind, neue Bed├╝rfnisse zu pr├╝fen. Dieses Vorausschauende war uns wichtig┬╗, erkl├Ąrt Christoph Hermann. F├╝r allf├Ąllige virtuelle Gemeinden etwa m├╝sse man sich ├╝berlegen, wie man das Abendmahl oder eine Taufe feiern kann.

Freiwillige immer wichtiger
Von immer gr├Âsserer Bedeutung sind in den Kirchen die Freiwilligen. ┬źInsbesondere kleine Gemeinden k├Ânnen sich nicht mehr alles leisten, also m├╝ssen andere die Aufgaben ├╝bernehmen┬╗, sagt Christoph Herrmann. Die Kirche m├Âchte darum Gottesdienstformen f├Ârdern, die mehrere Beteiligte zusammen gestalten. Oder die Kirchen unterst├╝tzen oder beteiligen sich an privaten Initiativen, etwa einem Mittagstisch, wenn ihnen selber die Mittel oder das Personal dazu fehlt. Dies f├╝hre auch zu einem lebendigeren Gemeindeleben, glaubt Herrmann.

Viele Mitglieder bezahlen ihre Kirchensteuer, nehmen jedoch nicht aktiv am Gemeindeleben teil. Wie m├Âchte die Kirche diese erreichen? Christoph Herrmann: ┬źWir m├╝ssen die Angebote, die diesen Mitgliedern wichtig sind, pflegen und bei Abdankungen, Trauungen und Taufen eine gute Begleitung gew├Ąhrleisten. Zudem m├╝ssen die kirchlichen Mitarbeitenden, die f├╝r die Sozialarbeit zust├Ąndig sind, die Hotspots in den Gemeinden kennen und wissen, wo es sie braucht. Und der Religionsunterricht sollte so spannend sein, dass die Kinder ihren Eltern erz├Ąhlen, wie gerne sie ihn besuchen.┬╗

Seit zwei Jahren sei das Leben wegen der Corona-Pandemie sehr anstrengend, so Christoph Herrmann: ┬źViele sind mit angezogener Handbremse unterwegs. Dem k├Ânnen wir den ├ťberschuss von Hoffnung und Gemeinschaftssinn entgegensetzen, aus dem wir unseren Glauben leben.┬╗ Er hofft, dass mit der neuen Freiheit und Flexibilit├Ąt viele Lust versp├╝ren, das kirchliche Leben mitzugestalten.

Karin M├╝ller

 

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