News aus dem Kanton St. Gallen

«Die Kirche muss sich verschenken»

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29.11.2019
Die Theologische Fakultät Basel verleiht Pfarrer Martin Stingelin, Präsident des Kirchenrats der reformierten Kirche Baselland, den Ehrendoktortitel. Stingelin habe die Kirche mit grosser Umsicht geleitet und sich für Chancengleichheit, Armutsbekämpfung und Integration eingesetzt.

Seit 2009 amtet Martin Stingelin als reformierter KirchenratsprĂ€sident Baselland. Auf Ende Jahr tritt er nun zurĂŒck. Am heutigen Dies academicus verlieh ihm die UniversitĂ€t Basel die WĂŒrde eines Doktors der Theologie ehrenhalber: «An der Schnittstelle von Kirche und Wirtschaft setzte sich Pfarrer Martin Stingelin fĂŒr die Zusammenarbeit der Kirchen auf nationaler und internationaler Ebene ein, förderte interreligiöse Beziehungen und engagierte sich fĂŒr Menschen am Rande der Gesellschaft. Dabei stehen immer wieder Themen wie Bildung, soziale Verantwortung, Chancengleichheit, ArmutsbekĂ€mpfung und Integration im Vordergrund», schreibt die UniversitĂ€t. FĂŒr Martin Stingelin solle «die Kirche als Akteurin in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft Verantwortung ĂŒbernehmen und dem Wohl der ganzen Bevölkerung dienen. Dabei geht es Stingelin immer auch um die Relevanz des Glaubens im Alltag», heisst es weiter.

«Die Kirche zukunftsfÀhig gemacht»
Am Vorabend des Dies academicus hielt Martin Stingelin an der Theologischen FakultĂ€t einen Vortrag ĂŒber die Entwicklung der reformierten Kirche Baselland und die Herausforderungen fĂŒr die Kirchenleitung. Der Baselbieter KirchenratsprĂ€sident «hat die Kirche zukunftsfĂ€hig gemacht», sagte Professor Reinhold Bernhardt, Dekan der theologischen FakultĂ€t. Unter dem PrĂ€sidium von Martin Stingelin geschah die Totalrevision der ĂŒber 65 Jahre alten Kirchenverfassung, die Mitte November von der Synode verabschiedet wurde und nĂ€chstes Jahr den Kirchenmitgliedern zur Abstimmung vorgelegt wird.

Die Anforderungen an das Leiten einer Kirche seien gestiegen, sagte Martin Stingelin, und entwickelte im Folgenden am Beispiel Baselland AnsĂ€tze fĂŒr eine zeitgemĂ€sse Kirchenleitung. Lange Zeit habe man nicht ĂŒber die Leitung einer Kirche diskutieren mĂŒssen, so Stingelin. Bis 1952 waren die politischen zugleich auch die kirchlichen Behörden. Die reformierte Kirche Baselland war eine Pfarrkirche und ihre Organisation war der Pfarrkonvent, der wichtige kirchliche Fragen erörterte und Ansprechpartner des Regierungsrats war. Erst mit der Verfassung und Kirchenordnung erhielt die Kirche in den FĂŒnfzigerjahren eigene Strukturen. In erster Linie sei es dabei um die Gestaltung des kirchlichen Lebens gegangen, erklĂ€rte Martin Stingelin. Heute hingegen verstehe man unter Kirchenleitung Aufgaben wie die Entwicklung von Perspektiven, Profilbildung, strategische Steuerung und MitarbeiterfĂŒhrung.

Was bedeutet «geistliche Leitung»?
Dazu komme die Forderung nach einer geistlichen Leitung. Ein entsprechender Paragraf, der diese Aufgabe den Kirchenpflegen ĂŒbertrĂ€gt, wurde erst im Jahr 2013 in die Kirchenverfassung aufgenommen. «Geistliche Leitung» könne man jedoch nicht in Worte fassen, meinte Stingelin. Denn es sei Gottes Wort, das leitet und der Leitung eine Bestimmung gebe.

Die Zahlen, die Stingelin prĂ€sentierte, werfen ein Schlaglicht auf die grossen VerĂ€nderungen in den letzten Jahrzehnten. Zwar ist die reformierte Kirche heute mit ĂŒber 85‘000 Mitgliedern grösser als 1950 mit rund 78‘800 Mitgliedern. Gehörten 1980 im Baselbiet jedoch noch 99 Prozent der Einwohner einer Landeskirche an, waren es im letzten Jahr nur noch 55 Prozent. Der RĂŒckgang um durchschnittlich 1‘500 Mitglieder pro Jahr seit 2010 ist aber weniger den Austritten als vielmehr der Altersstruktur geschuldet. So ist der Anteil der ĂŒber 70-JĂ€hrigen von 2012 bis 2016 um drei Prozent gewachsen. Taufen und Konfirmationen finden immer seltener statt, die Abdankungen nehmen zu. Die Mitglieder sterben den Kirchen weg.

Reformierte Tradition kennen
Die Kirche habe in der Gesellschaft an Relevanz verloren, «Glaube ist Privatsache», sagte Martin Stingelin. Zudem geschehe ein Traditionsabbruch. Weil viele Pfarrpersonen nicht mehr aus der Landeskirche kommen, seien auch sie keine Garanten fĂŒr die Weitergabe von reformierten Traditionen, erklĂ€rte der Baselbieter KirchenratsprĂ€sident. «Es reicht nicht, ĂŒber ‚fresh expressions‘ informiert zu sein. Man muss auch wissen, woher wir Reformierten kommen.» Hier mĂŒsse die Leitung auch den Auftrag fĂŒr die Gestaltung der Kirche erfĂŒllen.

Die Suche nach Ehrenamtlichen fĂŒr die Kirche sei heute schwierig, sagte Martin Stingelin, «der Arbeitsaufwand wĂ€chst». Die in der Kirchenordnung geforderte «echte Beteiligung am kirchlichen Leben» sei nicht mehr selbstverstĂ€ndlich. «Heute muss man erklĂ€ren, dass zu einem Amt in der Kirchenpflege der Besuch der Gottesdienste dazugehört und viele Ehrenamtliche sieht man nach ihrem RĂŒcktritt kaum mehr.»

Und nicht zuletzt geht es ums Geld. Bisher steige der Steuerertrag trotz abnehmenden Mitgliederzahlen, so Martin Stingelin. Im Gegensatz zum Beitrag, den der Kanton der Kirche pro Mitglied ĂŒberweist. Weniger Mitglieder bedeutet weniger Einnahmen. Noch gehe es vielen Kirchgemeinden finanziell gut, doch «irgendwann kommt der Einbruch. Wann? Das weiss man nicht», erklĂ€rte Stingelin. Aber auch unter verĂ€nderten finanziellen Bedingungen mĂŒssten die kirchlichen Strukturen funktionieren.

Grosse Erwartungen an die Kirchenleitung
Als weitere Herausforderungen an die Kirchenleitung zĂ€hlte Stingelin die Zunahme von Konflikten innerhalb der Kirche durch unklare Kompetenzregelungen auf, das Fehlen von qualifizierten Sozialdiakoninnen und -diakonen sowie ein sich abzeichnender Pfarrmangel auf. Eine Kirchenleitung sei heute mit den unterschiedlichsten Erwartungen konfrontiert, die nicht einfach zu vereinbaren seien: «Probleme lösen, aber nicht dreinreden», «innovativ sein, aber auch Traditionen bewahren», «visionĂ€r und prophetisch sein», «Sachverstand in den Bereichen Finanzen, Theologie, Diakonie und Kommunikation haben», «MitgliederrĂŒckgang stoppen» und «motivieren».

Als sinnvoll erachtet der KirchenratsprĂ€sident eine «gabenorientierte» Leitung. Die Verantwortung konzentriert sich nicht auf eine Person, sie liegt bei mehreren, die verschiedene Kompetenzen einbringen. FĂŒr Stingelin muss die Kirchenleitung vor allem glaubwĂŒrdig sein, er fĂ€nde es schlimm, wenn von einer Kirchenleitung gar nichts mehr erwartet wird.

Die Kirche existiert weiter
Er habe keine Angst um die Zukunft der Kirche, meinte Martin Stingelin: «Die Kirche lebt, wenn sie versucht, ihren Auftrag zu erfĂŒllen.» GĂ€be es eines Tages die Landeskirche in dieser Form nicht mehr, wĂŒrde ihn dies zwar traurig machen, doch er ist ĂŒberzeugt: «Die Kirche wird in anderer Form weiterexistieren.» Die kirchliche Arbeit mĂŒsse den Menschen dienen: «Die Kirche soll sich fĂŒr die Menschen einsetzen und sich verschenken», forderte Stingelin. «Auch wenn man nicht weiss, wie das herauskommt, muss man Vertrauen haben.»

Karin MĂŒller, kirchenbote-online, 29. November 2019

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