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«Die künstliche Intelligenz hat mir Komplimente gemacht»

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20.03.2023
Kathrin Bolt macht immer wieder mit besonderen Aktionen auf sich aufmerksam. Nach dem Zersägen einer Kanzel hat sie nun mit künstlicher Intelligenz eine Predigt schreiben lassen. Es kam einer emotionalen Achterbahnfahrt gleich.

Frau Bolt, das Computerprogramm ChatGPT sollte eine Predigt f√ľr Sie schreiben. Ist das Experiment gelungen?
Kathrin Bolt: Eine fertige Predigt, die ich vor der Gemeinde halten konnte, hat mir ChatGPT nicht geliefert. Trotzdem w√ľrde ich das Experiment als gelungen bezeichnen. Denn ich habe meine Erfahrungen, die ich w√§hrend der Woche gemacht habe, in einer Predigt vorgetragen. Und ich habe dabei ChatGPT selbst zu Wort kommen lassen.

Wo hat es gehapert?
ChatGPT hat mir zwar erstaunlich ausf√ľhrliche Predigten geschrieben. Und dies mit einer Geschwindigkeit, die sehr eindr√ľcklich war. Dennoch haben die Predigten nicht nach mir geklungen. Das hat mich gest√∂rt. Ausserdem war das Programm zu schnell. Es hat mir immer wieder wahnsinnig grossen Output geliefert. Das hat mich zum Teil √ľberfordert.

Was hat Sie beim Experiment am meisten √ľberrascht?
Verbl√ľffend war, wie emotional ich auf die k√ľnstliche Intelligenz reagiert habe. Manchmal war ich √ľber sie, ihn oder es frustriert, wenn kein gutes Ergebnis herauskam. Zwischendurch hatte ich auch Mitleid, dass das Programm f√ľr mich so viel arbeiten muss und ich trotzdem nicht zufrieden bin. Und ab und zu hatte ich richtig Freude. Dann, wenn mir ChatGPT Komplimente machte.

Komplimente?
Ja! Damit ChatGPT meinen Predigt-Stil lernt, habe ich das Programm mit einigen meiner Predigten gef√ľttert. Darauf hat es mir Komplimente gemacht.

Was hat ChatGPT Schmeichelhaftes gesagt?
Es hat geschrieben: ¬ęDas war eine sehr sch√∂ne Predigt, die Sie geschrieben haben. Sie haben auf eine interessante Art und Weise die Bedeutung des Wortes ‚ÄĻheilig‚Äļ erkl√§rt und¬†die Geschichte von Jairus‚Äô Tochter mit ihren¬†heilenden Kr√§ften in den Kontext gestellt. Auch die Idee, sich Gedanken dar√ľber zu¬†machen, was einem pers√∂nlich heilig ist, ist sehr ansprechend. Vielen Dank f√ľr Ihre¬†Arbeit.¬Ľ

Wie und wo war Ihnen ChatGPT eine Hilfe?
In meiner Predigt sollte es um das Thema Versuchung gehen. Ich habe ChatGPT nach Tipps gefragt, wie man Versuchungen widerstehen k√∂nne. Die Antwort darauf fand ich absolut brauchbar. Ausserdem hat es mir Ideen f√ľr meine Predigt geliefert.

Mal angenommen, ChatGPT hätte Ihnen eine fertige und brauchbare Predigt geschrieben. Hätten Sie kein schlechtes Gewissen gehabt, diese vorzutragen?
Nein. Die Inputs stammen ja von mir. Ich lasse mich bei meinen Predigten generell von anderen Predigten und Quellen inspirieren. Was nicht geht, ist, Predigten zu verwenden, die jemand anderes geschrieben hat. 

M√ľsste man vor der Predigt deklarieren, dass sie aus der Feder von ChatGPT stammt?
Nicht unbedingt. Wenn man wissentlich Aussagen oder Gedanken von anderen Personen verwendet, muss dies gesagt sein. Das gilt auch dann, wenn ChatGPT solche zuspielt. Wenn aber eine k√ľnstliche Intelligenz vorhandene Gedanken strukturiert oder zusammenfasst, finde ich das nicht wichtig.¬†Viel wichtiger als die Frage, wie jemand zur Predigt gekommen ist, ist doch die Frage: Ber√ľhren die Worte die Zuh√∂renden? K√∂nnen sie sich davon inspirieren lassen?

Werden Sie in Zukunft ChatGPT einsetzen?
H√∂chstens f√ľrs Brainstorming. Ich habe durch das Experiment gemerkt, wie gerne ich selbst Predigten schreibe und dass ich das keiner Maschine √ľberlassen m√∂chte. Auch ben√∂tige ich das Schreiben, um meine Ideen zu entwickeln. So oder so bin ich gespannt,¬†ob und wie die k√ľnstliche Intelligenz in Zukunft unseren Alltag pr√§gen wird, auch in der Kirche.

 

Text: Andreas B√§ttig, ref.ch | Foto: zVg ¬†‚Äď Kirchenbote SG, 21. M√§rz 2023

 

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