News aus dem Kanton St. Gallen

Die Wüste blüht auf

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20.10.2021
Krisenerfahrungen tragen auch einen Aspekt der Fülle und des Aufblühens in sich. Das beweisen sogenannte Wüstenväter und -mütter besonders gut.

Das Ph├Ąnomen der W├╝stenv├Ąter und -m├╝tter beschreibt eine Bewegung im ausgehenden 3. Jahrhundert. Zu dieser Zeit sei die Anfangsbegeisterung des christlichen Lebensstils allm├Ąhlich abgeflacht, sagt Theologin Michaela Lomb. Als Gegenbewegung z├Âgen sich immer mehr Menschen in die Einsamkeit zur├╝ck. Diese w├╝rden als Eremiten (griechisch eremia/eremos ÔÇô Einsamkeit, ├ľde, W├╝ste) bezeichnet und g├Ąlten als erste christliche ┬źM├Ânche┬╗ (griechisch Monachos ÔÇô Alleinlebender).

Was den R├╝ckzugsgedanken betreffe, k├Ânnten W├╝stenv├Ąter und -m├╝tter mit den heutigen Eremiten verglichen werden. ┬źDer religi├Âs motivierte Eremit geht allerdings bewusst in die Stille und Einsamkeit, um Gott zu suchen. Nicht in erster Linie sich selbst┬╗, betont Lomb. Indem er seine Gottesbeziehung pflegt, wolle er auch f├╝r seine Mitmenschen vor Gott stehen: ┬źEs geht um das ÔÇ╣f├╝r etwasÔÇ║ leben. Dabei spielt das stellvertretende Gebet eine grosse Rolle.┬╗

Oberfl├Ąchlichkeit zur├╝cklassen
Der Ausl├Âser f├╝r die gew├Ąhlte Einsamkeit sei meist ein Erlebnis gewesen, das seine intensiven Spuren beim Einzelnen hinterlassen hat. In manchen Biografien von W├╝stenv├Ątern und -m├╝ttern lese man von einem ausschweifenden Lebensstil, einer reichen Herkunft oder einem sehr oberfl├Ąchlich gef├╝hrten Leben. ┬źDies veranlasste den Betroffenen, sich fluchtartig f├╝r eine gewisse Zeit von seinem Umfeld, der Welt zu distanzieren, um frei f├╝r etwas Anderes, Neues zu werden┬╗, sagt Michaela Lomb.

Denn das Hineinh├Âren in die Stille verlange eine Abgrenzung vom turbulenten Alltag. Das ├Ągyptische M├Ânchtum ÔÇô auf das die westliche Kirche und damit unser heutiges M├Ânchtum in Europa zur├╝ckgeht ÔÇô sehe in der W├╝ste nicht nur die Kargheit der Natur und die ├ľde. Auch der Aspekt der F├╝lle und des Aufbl├╝hens komme zum Vorschein: ┬źDer Ort der Abgeschiedenheit als gegebene M├Âglichkeit, die F├╝lle in Gott zu erlangen.┬╗

Krise bew├Ąltigen
Besonders in der heutigen Zeit, in der Krise durch die Pandemie allgegenw├Ąrtig ist, k├Ânne einiges vom fr├╝heren Eremiten gelernt werden: ┬źDiese Bereitschaft, trotz des vielleicht zunehmenden Bewusstseins ├╝ber eigenes Versagen und eigene Schw├Ąchen, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen, macht Mut.┬╗ Im Mittelpunkt st├╝nde die Auffassung, dass das Leben verg├Ąnglich und dass mit dem Tod ein ├ťbergang in die ewige Erl├Âsung gegeben ist. ┬źAus dieser Perspektive heraus kann Mut gefasst werden und Krisenbew├Ąltigung gelingen.┬╗

Am Ittinger Impulstag vom Samstag, 27. November, 9 bis 16.30 Uhr, finden in der Kartause Ittingen Referate und Workshops zum Thema ┬źW├╝stenv├Ąter und W├╝stenm├╝tter ÔÇô und was wir in Krisenzeiten von ihnen lernen k├Ânnen ┬╗ statt. Infos und Anmeldung: www.tecum.ch

 

(Jana Gr├╝tter)

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