News aus dem Kanton St. Gallen

Durch den Boden unserer Welt

von Niklaus Peter
min
03.01.2023
Niklaus Peter, ehemaliger Pfarrer am Fraumünster Zürich, Autor und Kolumnist, erklärt, warum die Bibel die Menschen fasziniert, tröstet, herausfordert und anspricht.

Wer ĂŒber die «Kraft und Ausstrahlung der biblischen Worte» schreiben soll, wird zuerst zögern, innehalten und dann sagen: Aber das sind nicht nur einzelne Worte und zitierfĂ€hige SĂ€tze, es handelt sich doch um eine grosse, weltumspannende Geschichte, um GesprĂ€che zwischen Gott und einzelnen Menschen. Diese beginnen in den ganz frĂŒhen Zeiten Abrahams und entfalten sich bis in die spĂ€ten «Gesichte» der Johannesoffenbarung – hier geht es um Schöpfung, Verfehlung, Versöhnung und Erneuerung. Man könnte sagen: ein grosser Dialog, der verschriftlicht wird und in einer Bibliothek von 39 Schriften der HebrĂ€ischen Bibel (AT) und 27 Schriften der Griechischen Bibel (NT) sortiert und gesammelt wurde.

Und dann setzt eine zweite Welle der kraftvollen und oft auch strahlenden Wirkung dieser Worte, SĂ€tze und BĂŒcher ein, eine Geschichte der LektĂŒre und Interpretation, der Übersetzung und Auslegung, der kĂŒnstlerischen, literarischen und musikalischen Aneignungen und Gestaltungen – die Theologie- und Kulturgeschichte des Christentums. Worte, SĂ€tze, Lieder, Gedichte, Geschichten und Gleichnisse, von Generation zu Generation ĂŒberliefert – es ist eine Tradition, die lebt und noch nicht zu Ende erzĂ€hlt ist.

 

«Jede Generation muss das Überlieferte, die biblischen Worte und Geschichten von neuem verstehen»

 

Weil alles, was Menschen in ihre Köpfe und HĂ€nde bekommen, auch falsch verstanden und fĂŒr eigene Zwecke uminterpretiert werden kann, so ist diese Geschichte auch eine Story von Diskussionen und Debatten, des Streits und des Ringens um Wahrheit und Verstehen – das macht diese Wirkungs- und Traditionsgeschichte der Bibel so spannend, vielschichtig und interessant.

«Tradition ist der lebendige Glaube der Toten, Traditionalismus hingegen der tote Glaube der Lebendigen», hat der grosse Kirchenhistoriker Jaroslav Pelikan einmal einprĂ€gsam formuliert. Das heisst: Jede Generation muss das Überlieferte, die biblischen Worte und Geschichten von neuem verstehen und den Glauben der verstorbenen VĂ€ter und MĂŒtter weitertragen – sonst wird aus einer lebendigen Religion ein toter Traditionalismus.

 

«Keine Religion hat solche Anstrengungen unternommen, ihre Heilige Schrift in die kleinsten Zweiglein des weltweiten Sprachbaumes zu ĂŒbersetzen»

 

Das zeigt sich auch an den vielzĂ€hligen Bibel-Übersetzungen. Die Bibel ist im Moment in 2524 Sprachen ĂŒbersetzt – und weitere werden hinzukommen. Denn keine Religion hat solche Anstrengungen ĂŒbernommen, ihre Heilige Schrift in die kleinsten Zweiglein des weltweiten Sprachbaumes zu ĂŒbersetzen, fĂŒr Sprachminderheiten, bei denen manchmal nur ganz wenige Menschen diese Sprache sprechen.

Und das unterscheidet das Christentum vom Islam, wie der amerikanische Theologieprofessor Lamin Sanneh, der ursprĂŒnglich selber Muslim war, betont hat: WĂ€hrend im Islam Theologie nur in Hocharabisch, der Sprache des Korans, getrieben werden dĂŒrfe, so sei das Christentum eine Religion, die sich in alle möglichen Sprachen hinein ĂŒbersetzen – sich inkulturieren mĂŒsse. Und deshalb habe das Christentum die ursprĂŒnglichen Kulturen nicht einfach weggewischt und ausgelöscht, wie manchmal behauptet wird, sondern ein StĂŒck weit auch bewahrt. Wenn man die biblische Botschaft ĂŒbersetzen wolle, mĂŒsse man die religiösen Kernworte jener Kultur aufnehmen und verwenden – und bewahre so etwas von jenen ursprĂŒnglichen Kulturen und Religionen.

 

«Die Bibel muss sprachlich in ganz spezifischen Kulturen landen und sich ‘inkarnieren’»

 

Dieser Prozess ist kein Makel, sondern eine schöne und wichtige Sache – es ist das, was die «Kraft und Ausstrahlung der biblischen Worte» ausmacht. Die Bibel muss sprachlich in ganz spezifischen Kulturen landen und sich «inkarnieren». Und jetzt mĂŒsste man den Begriff vom «Wort Gottes», und also eines Gottes, der zu Menschen in vielfĂ€ltigen Sprachen spricht, genauer anschauen. Man mĂŒsste erzĂ€hlen, wie dieses hebrĂ€ische «Sprechen» zu einem griechischen «Logos» wird, wie es so Anschlussstellen fĂŒr griechische Philosophie findet, wie es sich mit römischem Rechtsdenken verschwistert, aber auch in grossen dogmatischen Kathedralen versteinert. Und man könnte fasziniert berichten, wie die lebendigen Worte der Psalmen, der SprĂŒche und Gleichnisse Jesu durch jene versteinerten Konstrukte der Theologie hindurchbrechen und Menschen neu begeistern.

Der grosse Basler Bibelwissenschaftler Eduard Schweizer hat dafĂŒr folgendes Gleichnis gefunden. Man lerne beim Bergsteigen: «Schmelzwasser, das aus einem Schneefeld fliesst, löscht den Durst schlecht.» DafĂŒr mĂŒsse es nĂ€mlich erst durch den Boden fliessen und von dessen Mineralien etwas in sich aufnehmen. Man könnte es auch destillieren und so reinigen, dann lösche es jedoch den Durst kaum mehr. Ein hundertprozentig reines Wort Gottes, ohne alle kulturellen und historisch bedingten Beimischungen, wĂŒrde demnach den Lebensdurst nicht stillen. Auch das biblische Gotteswort mĂŒsse erst «durch den Boden unserer Welt fliessen, muss Menschliches und Allzumenschliches aufnehmen, damit es uns dort finden kann, wo wir leben.»

Pfarrer Niklaus Peter, kirchenbote-online

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