News aus dem Kanton St. Gallen

Eine Suppe besiegelt den Frieden

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31.07.2018
Katholische und reformierte Soldaten essen 1529 gemeinsam eine Suppe. Die «Kappeler Milchsuppe» wird im 19. Jahrhundert zum Symbol schweizerischer Identität. Bis heute wird die Milchsuppe als konfessionelles Versöhnungsmahl zelebriert.

Ein St├╝ck Brot in den gleichen Topf zu tunken, geh├Ârt zur Schweizer Tradition und gilt als Symbol f├╝r geselliges Zusammensein, gar als Bild f├╝r die f├Âderalistische Einheit der Schweiz schlechthin. Doch nicht das heute allseits beliebte K├Ąsefondue begr├╝ndete diesen Mythos, sondern die ┬źKappeler Milchsuppe┬╗.

Rekatholisierung bef├╝rchtet
Nach der Reformation kam es zwischen den alt- und neugl├Ąubigen Orten der Eidgenossenschaft zum Streit. Der Konflikt entz├╝ndete sich in den Gemeinen Herrschaften. Diese Untertanengebiete wurden abwechslungsweise von den eidgen├Âssischen Orten regiert. ┬źNachdem sie sich w├Ąhrend der Z├╝rcher Herrschaft der Reformation zugewandt hatten, f├╝rchteten sie mit Recht eine zwangsweise Rekatholisierung und baten Z├╝rich um Schutz┬╗, erkl├Ąrt Peter Opitz, Leiter des Instituts f├╝r Schweizerische Reformationsgeschichte an der Universit├Ąt Z├╝rich.

Prediger als Ketzer verbrannt
Die katholischen Orte duldeten auf ihrem Gebiet keine reformierten Prediger. Als die Schwyzer im Mai 1529 den Z├╝rcher Prediger Jakob Kaiser als Ketzer verbrannten, war dies ein Grund f├╝r die Z├╝rcher, mit ihren Truppen bei Kappel am Albis aufzumarschieren. Die Heere standen einander an der Grenze von Zug und Z├╝rich gegen├╝ber.

Ein politischer Kompromiss
Ein neutraler Vermittler, der Glarner Landamann Hans Aebli, verhinderte in Kappel in letzter Minute den konfessionellen Bruderkrieg. Die Parteien vereinbarten, dass jede Gemeinde durch Mehrheitsbeschluss den alten oder neuen Glauben annehmen durfte. W├Ąhrend ihre Anf├╝hrer verhandelten, setzte sich das Fussvolk um die Suppensch├╝ssel und stillte seinen Hunger. Der Legende nach l├Âffelten die M├Ąnner die Innerschweizer Milch mit Z├╝rcher Brot und verbr├╝derten sich.

Peter Opitz wertet diese Einigung als fr├╝hes Zeichen der politischen Schweizer Kultur, die Autonomie der Gemeinden anzuerkennen. ┬źIndividuelle Religionsfreiheit herrschte damit aber nicht┬╗, betont der Theologe. Hatte sich eine Gemeinde f├╝r eine Konfession entschieden, mussten sie alle ├╝bernehmen.

┬źFriss auf deinem Erdreich┬╗
Dass man wohl aus der gleichen Sch├╝ssel ass, dabei jedoch Katholiken und Reformierte auf ihrer Seite zu bleiben hatten, schildert der Z├╝rcher Reformator Heinrich Bullinger, Huldrych Zwinglis Nachfolger: ┬źÔÇŽ und lag yetweder Teyl uff sinem Erterich, und aassend die Milch mitt einanderen. Wenn denn einer ├╝ber die halb Mutten uss greyff, und aas, schlug inn der ander Teyl (in Schimpff) uff die H├Ąnd, und sagt fryss uff dinem Erterych.┬╗ Bullinger hielt die Geschichte um die ┬źKappeler Milchsuppe┬╗ in seiner 1564 abgeschlossenen Reformationsgeschichte fest.

Zwingli wollte mehr
Zwingli ging der Kompromiss von Kappel zu wenig weit. Er wollte, dass es reformierten Pfarrern gestattet war, in katholischen Gebieten zu predigen. Auch die Innerschweizer waren nicht recht zufrieden. ┬źSie h├Ątten am liebsten die Reformation in der ganzen Eidgenossenschaft unterdr├╝ckt┬╗, so Peter Opitz.

Der Friede hielt denn auch nicht lange. Bereits 1531 brach der Konflikt mit dem Zweiten Kappeler Krieg erneut aus. In dieser Schlacht kam Zwingli ums Leben. Sein Leichnam wurde gevierteilt und verbrannt.

Nicht die Suppe sei damals in Kappel zentral gewesen, meint Opitz. ┬źBedeutsam war das politische Abkommen, auf das sich die Konfliktparteien einigten. Man kann dies als pionierhaften Versuch in Europa betrachten, eine politische Gemeinschaft mit unterschiedlichen Religionen zu bilden┬╗, sagt der Kirchenhistoriker.

Integration: Schweiz als Vorreiterin
Durch die Jahrhunderte wuchs die symbolische Bedeutung der Legende um die ┬źKappeler Milchsuppe┬╗. Die Szene des gemeinsamen Mahls hielten etliche K├╝nstler bildlich fest. Die bekannteste Darstellung stammt von Nationalmaler Albert Anker aus dem Jahr 1869. Im 19. Jahrhundert ┬źdient das Bild der gemeinsam gel├Âffelten Suppe der Identifikation einer jungen Nation┬╗, schreibt der Z├╝rcher Lehrmittelverlag.

Als die Eidgenossenschaft 1848 zum modernen Schweizer Bundesstaat wurde, war das Land konfessionell und politisch gespalten. Die liberalen Kr├Ąfte hinter der Bundesverfassung seien mehrheitlich reformiert gewesen, erkl├Ąrt Opitz. ┬źSie hatten starken katholischen Widerstand zu ├╝berwinden, was zum letzten Schweizer Bruderkrieg, dem Sonderbundskrieg, f├╝hrte. Danach ging es darum, die Katholiken zu integrieren.┬╗ Das Bild der eintr├Ąchtig um den Topf sitzenden Kriegsknechte beim gemeinsamen Mahl kam da gerade recht. Die mythische Verkl├Ąrung der ┬źKappeler Milchsuppe┬╗ nahm ihren Lauf.

Bundesrat serviert Milchsuppe
Bis heute ist die Symbolkraft des Milchsuppeessens ungebrochen. 2006 servierte Bundesrat Pascal Couchepin eine ┬źKappeler Milchsuppe┬╗. Die Mahlzeit legte einen Kulturg├╝terstreit zwischen St. Gallen und Z├╝rich bei. Der Konflikt ging auf das Jahr 1712 zur├╝ck. Damals, im Zweiten Villmergerkrieg, erbeuteten die Z├╝rcher Truppen im Kloster St. Gallen wertvolle Handschriften und einen Globus. Der St. Galler Regierungsrat bat den Kanton Z├╝rich 1996 um die R├╝ckgabe der Kostbarkeiten. Doch die Verhandlungen scheiterten und St. Gallen schaltete den Bund als neutralen Vermittler ein. Die L├Âsung: Z├╝rich schenkte St. Gallen die ┬źVita sancti Galli vetustissima┬╗, die ├Ąlteste Lebensbeschreibung des Heiligen Gallus, die 2006 in die Stiftsbibliothek ├╝berf├╝hrt wurde. Die Z├╝rcher liessen zudem eine Replik des GlobusÔÇÖ anfertigen, die sie den St. Gallern ebenfalls schenkten und die heute im Barocksaal der Stiftsbibliothek steht.

Am 1. April 2017 tischten die Veranstalter zum nationalen ├Âkumenischen Gedenk- und Feiertag ┬źGemeinsam zur Mitte. 500 Jahre Reformation ÔÇô 600 Jahre Niklaus von Fl├╝e┬╗ in Zug ebenfalls eine ┬źKappeler Milchsuppe┬╗ auf.

Karin M├╝ller, kirchenbote-online, 31. August 2018

Radio Life Channel: Vom Petrusfisch zur Kappeler Milchsuppe

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