News aus dem Kanton St. Gallen

«Es muss etwas Grösseres als uns Menschen geben»

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29.04.2019
Bernhard Russi spricht über Herausforderungen, die er auch mit 70 noch sucht, wie er die vielen Schicksalsschläge in seinem Leben überwinden konnte und über das Geheimrezept einer langen Ehe.

Bernhard Russi steht am Strassenrand und diskutiert freundlich mit einem Autolenker, der ungebeten seinen Privatparkplatz besetzt. Der wird gebraucht, da er spontan den Interview-Ort gewechselt hatte, von einer Hotel Bar in Andermatt zu ihm nach Hause. Er habe Enkel-H├╝te-Dienst, sagt er, im Moment seien die zwei Jungs noch auf der Piste gegen├╝ber, beim Skifahren. Dann stapft er durch den Schnee einen steilen Hang hinunter zu seinem Holzhaus, das inmitten von zahlreichen anderen H├Ąusern steht und weder besonders gross, noch sonst auff├Ąllig ist. Auch im Inneren finden sich keinerlei Anzeichen von Luxus. Pokale und Medaillen fehlen. Die sind im Museum in Andermatt. Daheim will die Sportlegende Privatmann sein.

Herr Russi, warum grasen eigentlich keine Rinder vor Ihrem Haus?
Sie sprechen meine Aussage beim Abschied als Kommentator vom Schweizer Fernsehen an, vor zwei Jahren?

Genau. Sie hatten damals angeku╠łndigt, dass Sie Schottische Hochlandrinder zu╠łchten wollen.
Vermutlich realisiere ich das Projekt dieses Fr├╝hjahr. Ich weiss nur noch nicht, wo ich die Rinder platzieren soll. Gekauft sind sie ja schnell.

Hat sich f├╝r Sie mit 70 etwas ver├Ąndert?
Nein. Ich habe nach wie vor meine W├╝nsche und Tr├Ąume f├╝r die Zukunft. Die lasse ich mir von einer Zahl nicht nehmen.

Sie hatten fr├╝her sicher eine gewisse Vorstellung von 70-J├Ąhrigen.
70-J├Ąhrige konnte und wollte ich mir gar nicht vorstellen. Als mein Vater 50 wurde dachte ich mir oje, nun ist er ein alter Mann.

Verraten Sie uns Ihr Geheimrezept, um mit 70 so auszusehen?
Das w├╝rde ich so nicht unterschreiben. Ich sehe oft gr├Ąsslich aus, wenn ich in den Spiegel schaue.

Sie ├╝bertreiben ÔÇŽ
Man muss sich nicht so wichtig nehmen und das Gefu╠łhl haben, alles selbst geschaffen zu haben. Vermutlich habe ich gute Gene. Zudem bin ich in den Bergen aufgewachsen und habe zeitlebens viel Sport gemacht.

Was ist Ihre n├Ąchste Herausforderung?
Alle Sportarten die ich noch mache, klettern, biken oder skifahren, nehme ich als Herausforderung f├╝r mich an. Ich m├Âchte mich immer steigern. Das ist eine Krankheit von mir. Jedes Mal, wenn ich mich auf das Velo setze, will ich schneller sein. Ich steigere automatisch das Tempo bis ich am Limit bin und merke, dass ich das Tempo drosseln muss.

Sp├╝ren Sie die Abnutzung Ihres K├Ârpers nach so vielen Jahren Hochleistungssport?
Ich habe Probleme mit den Knien und hatte letztes Jahr eine Operation am R├╝cken als Sp├Ątfolge von einem Unfall bei einem Skirennen. Aber ich frage mich, welche Leiden ich h├Ątte, wenn ich nicht Hochleistungssport betrieben h├Ątte. Vermutlich w├Ąre es viel schlimmer.

Hatten Sie fr├╝her einfach mehr Mut oder weniger Angst als andere?
Als Aktiver redet man nicht von Angst, sondern von Respekt. Erst wenn man aufgeh├Ârt hat gibt man zu, dass es Angst war.

Wie konnten Sie diese Angst ├╝berwinden?
Ich habe mir immer wieder eingeredet, dass ich zu den Besten geh├Âre und mir deshalb nichts passieren kann.

Auch wenn Sie schwere Unf├Ąlle miterlebten?
Bis zu einem gewissen Grad war ich ein Fatalist, ich musste es sein. Ein Fatalist in dem Sinne, dass ich wusste, gewisse Dinge im Leben kann ich nicht kontrollieren.

Sie sprechen von Schicksal?
Manche Dinge in meinem Leben k├Ânnten sicher Schicksal oder Vorsehung gewesen sein.

Woran glauben Sie noch?
Als ich klein war, wurde mir der katholische Glauben eingetrichtert. Dann als Jugendlicher machte ich mir Gedanken zur Bibel und lehnte vieles ab. Ich bin jedoch auch relativ fr├╝h zu der Erkenntnis gekommen, dass der Mensch und die Natur so unglaublich sind, dass es etwas Gr├Âsseres geben muss, als uns Menschen, wie auch immer man es nennen will.

Machen Sie sich heute mehr Gedanken ├╝ber den Tod?
Nein. Da dru╠łckt mein Fatalismus durch. Ich sage mir, das wird schon gut kommen. So ein schlechter Mensch bin ich ja nicht.

Sind Sie ein guter Mensch?
Es ist mein Ziel seit jeher, ein guter Mensch zu sein. Nat├╝rlich gelingt mir das nicht immer. Dann muss ich mich korrigieren.

Sie wollten urspr├╝nglich mal Pfarrer werden. Richtig?
Ich war Messdiener und Chors├Ąnger. Das Suscipiat kann ich bis heute auswendig. Da mir alles andere auf Latein zu einfach war, habe ich nur das Suscipiat ge├╝bt. Als ich dann realisierte, dass ich meine Freundin aufgeben m├╝sste, begrub ich meinen Karrierewunsch.

Was w├╝rden Sie heute an der Kirche ├Ąndern?

Das Marketing der Kirche ist nicht gut. Zudem m├╝sste sie viel mehr mit der Zeit gehen.

Sie haben schwere Schicksalsschl├Ąge erlebt. Wie haben Sie diese ├╝berwunden?
Die schlimmsten Momente in meinem Leben habe ich mit mir selber ausgemacht.

Nach dem Motto, Leid muss man allein ├╝berwinden?
Im ersten Moment ja. Danach ist es natu╠łrlich wichtig, dass man auch die richtigen Menschen um sich hat, in meinem Fall meine Frau und meine Kinder. Man muss das Leid verteilen k├Ânnen. Aber man darf es nicht ├╝berall verstreuen. Es soll nicht jeder mitleiden d├╝rfen.

Sie sind seit 25 Jahren verheiratet. Was ist das Geheimrezept einer langen Ehe?
Viele Gemeinsamkeiten! Die Verbindung zwischen Mari und mir ist unsere Liebe zur Natur, zu den Bergen. Mari f├Ąhrt Ski und klettert seit vielen Jahren zusammen mit mir. Sie ist ein riesen Talent. Wir kletterten schon ├╝ber Steilh├Ąnge, die so schwierig waren, dass ich meine Frau vorausgeschickt habe.

Helfen Sie im Haushalt mit?
Ich kann Risotto und Spiegeleier kochen. Sollte Not am Mann sein, mache ich alles.

Sie hatten sich 2010 getrennt und sind wieder zusammengekommen. Mit welcher Erkenntnis?
Eine Ehe l├Ąuft nicht von selbst. Man muss sich immer wieder hinterfragen, ob man mehr machen k├Ânnte f├╝r den anderen.

Machen Sie heute mehr?
Ich versuche es. So richtig geschafft habe ich es aber noch nicht.

Als Medienstar hatten Sie sicher viele weibliche Verehrerinnen?
Ja, zum Glu╠łck. Verehrerinnen zu haben, ist doch sch├Ân. Doch so viele waren es nicht, im Vergleich zu Schauspielern oder S├Ąngern.

Konnte Ihnen Ihre Frau immer vertrauen?
Ja. Aber ich sehe gerne sch├Âne Frauen. Ich bin kein Kostver├Ąchter.

Carmen Schirm-Gasser, Kirchenbote-online, 29. April 2019

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