News aus dem Kanton St. Gallen

«Gottfried Locher hat die Debatte dynamisiert»

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23.08.2019
Ratsmitglied Sabine Brändlin ist im Kirchenbund SEK für das Thema «Ehe für alle» zuständig. Im Kirchenboten äussert sie sich zum Vorpreschen Gottfried Lochers und zum Zögern des SEK.

Frau Br├Ąndlin, vor den Sommerferien gab sich der Kirchenbund SEK in Bezug auf die ┬źEhe f├╝r alle┬╗ sehr zur├╝ckhaltend. Jetzt pl├Âtzlich der Gesinnungswandel. In einem Interview begr├╝sst Gottfried Locher ausdr├╝cklich die Initiative. Was ist passiert?
Von einem ┬źGesinnungswandel┬╗ kann nicht die Rede sein. Fakt ist, dass Gottfried Locher in diesem Interview einen sehr pers├Ânlichen Diskussionsbeitrag geleistet hat. Damit hat er sicherlich eine Debatte, die seit geraumer Zeit am Laufen ist und Zeit braucht, dynamisiert, ohne aber die Entscheidungsfindung im Rat und im Kirchenparlament vorwegzunehmen. Der Rat wird Ende August seine Position beschliessen und der Abgeordnetenversammlung im November eine Vorlage zur ┬źEhe f├╝r alle┬╗ unterbreiten.

Gottfried Locher sagt, die Homosexualit├Ąt entspreche Gottes Sch├Âpfungswillen. Weicht die pers├Ânliche Meinung Lochers von der Grundhaltung der Abgeordnetenversammlung ab?
In der Grundhaltung gibt es keine Diskrepanz: Die Abgeordneten haben bereits an ihrer letzten Versammlung klar festgehalten, dass sie die sexuelle Orientierung als Ausdruck von Gottes Sch├Âpfungswille betrachten. Darin zeigt sich eine Haltung zur Homosexualit├Ąt, die einbezieht und nicht ausgrenzt. Die Aussagen von Gottfried Locher bekr├Ąftigen die Positionierung der Abgeordneten.

Gottfried Locher betont, dass die Frage der Homosexualit├Ąt keine Glaubensfrage sei.
Richtig. Gottfried Locher hat mit seiner Aussage zudem eine wichtige Kl├Ąrung vorgenommen: Im Zentrum der Kirche steht das Bekenntnis zu Jesus Christus. Die kirchlichen Bekenntnisse machen keine Aussagen zur Ehe. Es ist unser Glaube an Jesus Christus, der uns verbindet und uns zu Br├╝dern und Schwestern in Christus macht. Das ist die Basis der Kirche ÔÇô eine starke Basis, die unterschiedliche Meinungen und Ehebilder zul├Ąsst.

Was sagt die christliche Ethik zum Thema Homosexualit├Ąt?
Heutzutage ├Ąussert sich christliche Ethik genauso wenig zu Homosexualit├Ąt, wie sie sich nicht zur Heterosexualit├Ąt ├Ąussert. Christliche Ethik geht von einer grundlegenden Gleichwertigkeit der verschiedenen sexuellen Orientierungen aus. Deshalb stellen sich f├╝r uns alle dieselben Fragen: Wie leben wir in unseren Ehen Respekt, Verbindlichkeit, Treue und gegenseitige Unterst├╝tzung? Wie f├╝hren wir eine Ehe, die dem Evangelium entspricht?

Warum tut sich der SEK dennoch so schwer, die Ja-Parole zur Nationalratsvorlage zu beschliessen?
Es ist richtig, dass eine Kirche zuerst eine theologische Aussage macht. Aufgrund dieser Aussage kann sich die Kirche zur staatlichen Angelegenheit ├Ąussern. In der Nationalratsvorlage geht es um eine rechtliche Regelung der Ehe. Als reformierte Kirchen stellen sich uns aber Fragen dar├╝ber hinaus, die das kirchliche Leben direkt betreffen. Es geht um die Frage der ┬źkirchlichen Trauung f├╝r alle┬╗. Diese Entscheide sollen sorgf├Ąltig getroffen werden.

Haben nicht alle Menschen das Recht auf Gleichbehandlung?
Die Menschenrechte halten die Gleichheit aller Menschen ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer Religion oder sexuellen Orientierung fest. Dem entspricht theologisch die Vorstellung, dass Gottes Segen allen Menschen in gleicher Weise zukommt. Der Kirchenbund setzt sich in seinen Stellungnahmen seit langem f├╝r die Rechtsgleichheit ein.

Ist nicht jede kirchliche Trauung nach reformierten Verst├Ąndnis eine Segnung?
Ja, im Traugottesdienst bittet man um den Segen f├╝r das Brautpaar. Bisher ist die reformierte Kirche der staatlichen Unterscheidung von Ehe und eingetragener Partnerschaft gefolgt. Kirchlich getraut wird nur, wer zivilrechtlich verheiratet ist. Bei eingetragenen Partnerschaften bieten die Kirchen eine Segnung an. F├╝r die Kantonalkirchen stellt sich die Frage, ob sie nach einer allf├Ąlligen Einf├╝hrung der Ehe f├╝r gleichgeschlechtliche Paare auf zivilrechtlicher Ebene die kirchliche Trauung f├╝r alle einf├╝hren wollen. Die Zust├Ąndigkeit daf├╝r liegt klar bei den Kantonalkirchen.

Ist eine einheitliche Praxis der Kantonalkirchen notwendig?
Die Abgeordneten werden entscheiden, zu wie viel Einheitlichkeit sie sich in dieser Frage verpflichten m├Âchten. Grunds├Ątzlich liegt die Entscheidung f├╝r oder gegen ┬źdie Trauung f├╝r alle┬╗ in der Kompetenz der Kantonalkirchen.

Wird die Debatte um die ┬źEhe f├╝r alle┬╗ die Kirche durch den R├Âstigraben spalten?
Nein, die Abgeordnetenversammlung im Juni hat ein anderes Bild gezeigt. Dort haben sich auch Delegierte aus der Romandie positiv zur Ehe f├╝r alle ge├Ąussert. Wichtiger als die Frage der geographischen Herkunft scheint die kirchliche Beheimatung und die theologische Verwurzelung zu sein.

Werden sich die Konservativen innerhalb der reformierten Kirche mit einem Ja zur ┬źEhe f├╝r alle┬╗ abfinden?
Bei der Frage der Ehe f├╝r alle treten Differenzen zutage, die nicht durch Beschl├╝sse ├╝berwunden werden k├Ânnen. F├╝r den Rat des Kirchenbundes ist wichtig, auch nach dem demokratischen Entscheid der Abgeordnetenversammlung gemeinsam Kirche zu sein. Wir brauchen die verschiedenen theologischen Str├Âmungen in unserer Kirche, um das Evangelium ├╝berzeugend verk├╝ndigen zu k├Ânnen.

In der Bibel wird die homosexuelle Liebe an wenigen Stellen angesprochen. Das Thema ist marginal. Warum hat es trotzdem diese Sprengkraft?
Es stellen sich viele theologische Fragen. Es geht um das Bibelverst├Ąndnis, um den Umgang mit der kirchlichen Tradition, um das, was f├╝r uns dem Evangelium und Gottes Sch├Âpfung entspricht. Es geht um die Frage, ob unser heutiger Umgang mit Homosexualit├Ąt den biblischen Zeugnissen entspricht oder nicht. Das sind alles wichtige und grosse Themen, die stark bewegen.

Und da sagt der SEK-Pr├Ąsident klar, Homosexualit├Ąt entspreche Gottes Sch├Âpfungswille?
Gottfried Locher hat damit die Position der Abgeordnetenversammlung bekr├Ąftigt, die besagt, dass wir so von Gott gewollt sind, wie wir geschaffen sind, und dass wir uns unsere sexuelle Orientierung nicht aussuchen k├Ânnen.

Adriana Schneider, kirchenbote-online, 23. August 2019

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