News aus dem Kanton St. Gallen

Konfessionslose: Schmarotzer beim kirchlichen Unterricht?

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25.08.2016
Sollen Eltern für den Religionsunterricht bezahlen müssen, wenn sie nicht Mitglied der Kirche sind? Eine Umfrage bei den reformierten Kirchen zeigt: Jede regelt es anders. Dahinter stecken ganz unterschiedliche Philosophien.

Die Sommerferien sind vorbei, das neue Schuljahr hat begonnen. In vielen Kantonen hat damit auch der konfessionelle Religionsunterricht wieder angefangen (jener Unterricht also, der von den Landeskirchen verantwortet wird und der je nach Kanton in R├Ąumen der Schule oder der Kirche stattfindet). Da und dort nimmt auch ein Kind daran teil, dessen Eltern keiner Landeskirche angeh├Âren. Diese bezahlen keine Kirchensteuern und beteiligen sich somit auch nicht an den Kosten des Unterrichts. Soll man sie nun zur Kasse bitten?

In den Kantonen Bern, Uri, Ob- und Nidwalden verzichtet man grunds├Ątzlich darauf. Auch die Aargauer Reformierten sind da grossz├╝gig: Der Kirchenrat empfiehlt den Kirchgemeinden, keine Kosten zu erheben. ┬źUns ist wichtiger, diesen Kindern den christlichen Glauben und soziale Kompetenzen vermitteln zu k├Ânnen┬╗, sagt Frank Worbs, Sprecher der Aargauer Landeskirche.

Ein Signal an die Steuerzahler
Stefan Kormann, Kirchenpr├Ąsident im thurgauischen Aadorf, hingegen findet es unfair, wenn die einen ├╝ber die Kirchensteuern daf├╝r bezahlen m├╝ssen und andere nicht. ┬źDann k├Ânnen wir die Steuern gleich abschaffen.┬╗ Seine Gemeinde verschickt ┬źseit etlichen Jahren┬╗ eine Rechnung in der H├Âhe von 300 Franken pro Schuljahr an Eltern, die keiner Landeskirche angeh├Âren, etwa sechs Rechnungen pro Jahr. ┬źF├╝r uns ist das auch ein Signal an die Steuerzahler.┬╗

Die Thurgauer haben seit der neuen Kirchenordnung von 2014 explizit die M├Âglichkeit, den Religionsunterricht zu verrechnen. Jede Kirchgemeinde entscheidet aber selbst, ob sie es auch macht. ┬źDie Kirchenpr├Ąsidenten haben sich f├╝r einen solchen Paragraphen eingesetzt┬╗, sagt Kormann. Das Einfordern des Betrages f├╝hre zu ganz unterschiedlichen Reaktionen, berichtet er aus der Praxis: ┬źF├╝r einige Eltern ist die Rechnung Anlass, wieder in die Kirche einzutreten. Andere nehmen ihre Kinder aus dem Unterricht.┬╗

Nicht auf Kosten anderer
Viele Eltern seien zuerst mal erstaunt, wenn die Rechnung ins Haus flattere, ┬źdenn sie lassen ihre Kinder einfach mit den Gsp├Ąnli mitlaufen.┬╗ Auch w├╝ssten einige nicht, dass die Kirche den Unterricht bezahlen. Weil er oft in Schulr├Ąumen stattfindet, schreiben sie ihn auch der Schule zu. ┬źDie meisten zahlen deshalb anstandslos┬╗, sagt Kormann.

┬źSolchen Eltern kann ein gewisses Schmarotzertum nachgesagt werden┬╗, meint auch der St. Galler Kirchenschreiber, Markus Bernet. ┬źSie treten aus und lassen ihre Kinder auf Kosten der Kirchensteuerzahlenden Religionsunterricht besuchen.┬╗ Die St. Galler Kirchgemeinden schreiben in der Regel einen Brief, sagt er. ┬źIhr Kind soll auf jeden Fall den Religionsunterricht weiter besuchen k├Ânnen┬╗, heisst es darin, ┬źaber damit es nicht auf Kosten von anderen geht, bitten wir Sie, einen Anteil zu ├╝bernehmen┬╗. Weiter wird auch begr├╝ndet, warum nicht einfach eine Rechnung versandt wird: ┬źWir k├Ânnten es uns einfach machen und Ihnen eine Rechnung schicken. Ein solches Vorgehen entspricht aber ├╝berhaupt nicht den Grundideen von Kirche┬╗.

Aufwand und Ertrag in keinem Verh├Ąltnis
Die B├╝ndner Kirche empfiehlt ihren Kirchgemeinden, von Nichtmitgliedern 100 Franken zu verlangen, die Solothurner 200 Franken, und die Zuger Kirche legt den Eltern seit 2010 nahe, ┬źje nach finanziellen M├Âglichkeiten┬╗ einen ┬źSolidarit├Ątsbeitrag┬╗ zwischen 100 und 400 Franken an eine von drei vorgeschlagenen Institutionen zu zahlen, was 65 Prozent im letzten Jahr auch taten. Knapp 120 konfessionslose Kinder von insgesamt gut 1500 Sch├╝lern besuchten dort den reformierten Religionsunterricht. Im Kanton Z├╝rich schliesslich schaut man von Fall zu Fall: ┬źWir wollen immer zuerst herausfinden, welches die Hintergr├╝nde sind┬╗, sagt Katja Lehnert, Bereichsleiterin Katechetik und Bildung.

In der reformierten Kirche Baselland schliesslich sind viele Kirchgemeinden wieder davon abgekommen, den Besuch von konfessionslosen Kindern im Religionsunterricht in Rechnung zu stellen. ┬źDiese Empfehlung ist l├Ąngst ├╝berholt┬╗, sagt Kirchenrat Matthias Plattner. Das Eintreiben einer Geb├╝hr sei ┬źh├Âchst schwierig┬╗ gewesen, Aufwand und Ertrag in keinem Verh├Ąltnis gestanden und die Kommunikation mit konfessionslosen Eltern m├╝hsam. Die neue Haltung der Baselbieter Kirche ist deshalb, den Religionsunterricht ┬źwieder vermehrt als diakonischen Bildungsauftrag an allen Schulkindern zu verstehen┬╗.

Anmerkung: Von den reformierten Kirchen beider Appenzell, Basel-Stadt, Luzern, Schaffhausen, Schwyz, Freiburg, Waadt, Genf und Wallis lag bis Redaktionsschluss keine Antwort vor.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ┬źreformiert.┬╗, ┬źInterkantonaler Kirchenbote┬╗ und ┬źref.ch┬╗

Raphael Kummer / ref.ch / 25. August 2016

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