News aus dem Kanton St. Gallen

Lieber Thesenanschlag oder Reformationswurst?

min
06.01.2020
Das Reformationsjahr und die Feierlichkeiten zu Zwingli gehen zu Ende. Ulrich Wilhelm, Pfarrer in Schönenwerd und Zwingli-Kenner, zieht Bilanz aus der Sicht der Solothurner Diaspora. Trotz Zwingli-Film bleibt der Zürcher Reformator für viele ein Unbekannter.

Ulrich Wilhelm, beginnen wir mit einem Spiel. Was behagt Ihnen mehr? Die Luther- oder die Zwinglibibel.
Ich gebrauche beide: Die Z├╝rcher Bibel ist genauer, die Lutherbibel dagegen poetischer, vor allem bei den Psalmen. Als Kirchenmusiker hat man viele lutherische Bibeltexte im Ohr, sei es bei Bachkantaten oder beim Brahmsrequiem. Da habe ich M├╝he, auf die Z├╝rcher Bibel zur├╝ckzugreifen.

Wittenberg oder Z├╝rich?
Wittenberg gibt touristisch viel her, seit man die Stadt restauriert hat. Aber die DDR hat es geschafft, das ganze Umland in eine konfessionsfreie, atheistische Zone zu verwandeln, insofern ist das Erlebnis von Wittenberg sehr zwiesp├Ąltig. Man hat das Gef├╝hl, man sei im Herzen der Reformation, ringsum jedoch k├Ânnen die Leute mit Luther wenig anfangen. Von daher ist mir Z├╝rich lieber.

Lutherisches oder reformiertes Abendmahl?
Reformiertes.

Luthers Thesenanschlag oder Zwinglis Reformationswurst?
Der Thesenanschlag hatte Auswirkungen auf ganz Europa, vom Fastenbrechen mit der Wurst hat man ausserhalb von Z├╝rich nicht viel geh├Ârt. Die reformierte Theologie und das reformierte Kirchenverst├Ąndnis sind ja erst mit Calvin international wirksam geworden. Insofern ist der Thesenanschlag wichtiger.

Das Zwinglijahr geht zu Ende. Wie fanden Sie die Feierlichkeiten?
Als Pfarrer einer Solothurner Kirchgemeinde konnte ich keine der Anl├Ąsse besuchen. Ich selbst habe einige Veranstaltungen zu Zwingli hier in der Gemeinde durchgef├╝hrt und das ganze Jahr hindurch nahm ich in der Predigt Bezug auf den Reformator.

Wie kamen die Veranstaltungen an?
Sehr gut. Die Leute interessieren sich f├╝r Zwingli und diesen Teil ihrer Geschichte. Aus meiner Sicht ist 2019 nicht das Ende der Jubil├Ąen. In der Schweiz f├╝hrten die St├Ądte die Reformation nach und nach ein. Und der Startschuss zur Reformation geschah genau genommen nicht 1519 mit dem Stellenantritt Zwinglis am Grossm├╝nster. Zwingli wollte die katholische Kirche am Anfang reformieren. Erst das Fastenbrechen mit der Wurst f├╝hrte zum Bruch. Auch Luther trat als praktischer Reformator erst mit seinen Invokavit-Predigten nach der Zeit auf der Wartburg in Erscheinung. Beides, die erste Invokavit-Predigt in Wittenberg und das Fastenbrechen in Z├╝rich, geschah 1522 am gleichen Tag, am 9. M├Ąrz.

Einer der H├Âhepunkte bildete der Zwingli-Film in den Kinos.
Als ich den Film zum ersten Mal gesehen hatte, war ich entt├Ąuscht. Ich hatte ihn mir anders vorgestellt. Doch nachdem ich ihn noch zweimal gesehen hatte, gefiel er mir gut.

Warum?
Der Film setzt zu viel Wissen voraus, das er szenisch andeutet, etwa Zwinglis Liebschaft in Einsiedeln, die Reisl├Ąuferei oder die Begegnung mit Luther. Die Zuschauer, die diesen geschichtlichen und theologischen Hintergrund nicht haben, verstehen dies nicht. F├╝r Konfirmanden ist der Film deshalb nicht geeignet. Sie f├╝hlen sich ├╝berfordert und gelangweilt. Schade.

Man kann dieses Wissen heute kaum noch voraussetzen.
Ja, das breite Publikum hat der Film vermutlich nicht erreicht. Ein Verdienst des Films ist es, dass er einen sehr sympathischen Zwingli zeigt. Das strenge Zwinglibild stimmt historisch nicht, der Reformator war lebensfreudig, umg├Ąnglich, witzig und musikalisch. Ich besuchte eine Stadtf├╝hrung ├╝ber Zwingli. Die Historikerin beschrieb Zwingli als strengen, lieblosen und lustfeindlichen Reformator und als moralischen Tugendw├Ąchter. Das stimmt nicht. Selbst die Bordelle in Z├╝rich schloss Zwingli nicht. Die moralische Enge kam mit seinen Nachfolgern.

Was ist der wichtigste Aspekt in der Theologie von Zwingli?
Die Bundestheologie, die Zwingli entwickelte und die pr├Ągend f├╝r seine Theologie wird. Und der Reformator nahm das Alte Testament absolut ernst, im Gegensatz zu Luther. Dieser ganz eigene Akzent in der reformierten Theologie verbindet die reformierte Kirche mit dem Judentum.

Bundestheologie heisst?
Dass Gott mit den Menschen immer wieder neu einen Bund schliesst, auch wenn der Mensch diesen bricht. Diese Auffassung ist zentral bei Zwingli und pr├Ągt sp├Ąter die reformierte Theologie.

Was bedeutet Zwingli f├╝r den Kanton Solothurn?
Ich hatte mein erstes Pfarramt in Appenzell Ausserrhoden. In der Ostschweiz war Zwingli viel pr├Ąsenter als hier in Solothurn. Man feierte das sitzende Abendmahl, das der Reformator eingef├╝hrt hatte. In Appenzell nahm man Zwingli auch nicht als Z├╝rcher wahr, sondern als Toggenburger und Bergler. In einer Diaspora wie im Kanton Solothurn steht die ├ľkumene st├Ąrker im Vordergrund, die Reformation ist kaum ein Thema.

Was ist das Erbe von Zwingli im Kanton Solothurn?
Dass die reformierte Kirche hier wie in der ganzen Schweiz demokratische Strukturen besitzt und das Milizsystem kennt. So k├Ânnen auch Laien ihr Know-how basisdemokratisch einbringen. So tat es auch Zwingli. Er suchte immer den Konsens. Er kannte das von den Alpgenossenschaften und b├Ąuerlichen Strukturen im Toggenburg, wo sein Vater Ammann war. Seine Reformen geschahen immer in Absprache mit dem Rat. Der Rat hat letztlich die Reformation in Z├╝rich eingef├╝hrt.

In der Schweiz arbeiten viele Pfarrerinnen und Pfarrer aus Deutschland. Ist es kein Problem, dass diese Zwingli und seine Theologie kaum kennen?
Doch, das ist eine Schwierigkeit. Man sollte den deutschen Kolleginnen und Kollegen einen ausf├╝hrlichen Einf├╝hrungskurs anbieten, in dem sie sich mit reformierter Theologie und Gepflogenheiten bekannt machen. Und dies, bevor sie ihren ersten Gottesdienst feiern. In Deutschland haben Pfarrpersonen eine viel st├Ąrkere Stellung. Pfarrerinnen und Pfarrer sind dort die Chefs. Da m├╝ssen sich die deutschen Kolleginnen und Kollegen in der Schweiz umstellen.

Was w├╝rde Zwingli sagen, wenn er heute durch Sch├Ânenwerd oder Olten spazieren w├╝rde?
Er w├╝rde sich ├╝ber die vielen Menschen mit v├Âllig anderen Religionen wundern.

Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online, 6. Januar 2020

Unsere Empfehlungen

Das Ende des Abendmahlstreits

Das Ende des Abendmahlstreits

1973 schrieben die protestantischen Kirchen Europas im Kanton Baselland Kirchengeschichte. Sie beschlossen Kirchengemeinschaft. Dies vereinfacht seither vieles zwischen den Reformierten, Lutheranern und Unierten. Manche Themen sind nach wie vor umstritten.