News aus dem Kanton St. Gallen

«Man muss grosszügig gegenüber sich selbst sein»

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03.08.2016
Am 10. August strahlt SRF 1 ein «Dok»-Porträt über Yvonne Waldboth aus. Die Pfarrerin und ehemalige Polizeiseelsorgerin konnte schon etliche Medienerfahrung sammeln und sagt: «Man muss damit leben, nicht immer von einer vorteilhaften Seite gezeigt zu werden.»

Yvonne Waldboth, Sie waren Sprecherin beim ┬źWort zum Sonntag┬╗, hatten als Polizeiseelsorgerin immer wieder mit den Medien zu tun, und jetzt hat Sie ein ┬źDok┬╗-Team des Schweizer Fernsehens einen Tag lang begleitet. Welche Erfahrungen mit den Medien haben Sie gemacht?
Mit den Leuten vom Schweizer Fernsehen habe ich gute Erfahrungen. Das sind Profis, dem Service Public verpflichtet. Sie wollen etwas Gutes machen. Sowohl beim ┬źWort zum Sonntag┬╗ wie auch jetzt mit dem ┬źDok┬╗-Team war es auch eine gute Teamarbeit. Es ist zwar manchmal anstrengend, macht aber auch Spass.

Wurde beim ┬źDok┬╗-Dreh spontan gedreht?
Ja. Man schaut aber, dass man einen Tag nimmt, an dem ich nicht nur im K├Ąmmerlein an einer Predigt schreibe. Und man muss die involvierten Personen um Erlaubnis fragen. Ich hatte zum Beispiel ein Taufgespr├Ąch mit einer Familie zu Hause. Da muss man schon vorher fragen. Am ┬źDok┬╗-Tag hatte ich auch mit Konfirmanden ein Erste-Hilfe-Programm mit Herzmassagen und ├Ąhnlichem. Eine Person wollte nicht vor die Kamera. Das muss man respektieren. Und man muss auch niemanden stressen.

Ein Unterschied zu anderen Medien?
Ich denke schon. Bei SRF platzt man nicht einfach unangemeldet in die Stube. Man federt das vorher ab.

Der Stil des Privatfernsehens behagt Ihnen weniger?
Ja. Ich bin auch nie an die Talkshows der privaten Stationen gegangen, als ich noch Polizeiseelsorgerin war. Wenn private Medien nach tragischen F├Ąllen angerufen haben, nahm ich auch nie Stellung. Die Privaten sind mir zu sensationsl├╝stern und auch unbedarft. Da ist mir die Zeit zu schade. Eine Stellungnahme oder auch ein Auftritt bedeuten ja immer Aufwand.

In diesem Fall lohnt er sich nicht?
Ich glaube nicht. Die kirchliche Arbeit soll sich pr├Ąsentieren, und zwar gut. Das ist bei einer ┬źDok┬╗-Sendung viel eher m├Âglich. Es ist immer auch ein Geben und Nehmen. Meine Partnerin und ich haben uns vorher gefragt, wie viel wir in ┬źDok┬╗ von uns zeigen wollen. Den Hund konnte ich nicht fragen (lacht).

Wenn man Sie googelt, st├Âsst man schnell auf Ihr ┬źWort zum Sonntag┬╗ von 1995, in dem Sie Bischof Peter Henrici wegen der Entlassung eines schwulen Mitarbeiters kritisierten. St├Ârt Sie das?
Nein. So funktioniert das Internet, und so funktionieren Medien. Die Journalisten schauen im Archiv und entdecken das immer Gleiche, und zwar meistens die reisserischen Dinge. Es war mein damals zweites ┬źWort zum Sonntag┬╗. Ich habe mich wahnsinnig aufgeregt und mir gesagt: ┬źJetzt hast du die M├Âglichkeit, darauf zu reagieren. Du w├╝rdest bereuen, es nicht zu tun.┬╗ Das gab dann eine Riesenaufregung, auch mit vielen positiven Reaktionen. Die Protestbriefe habe ich dann irgendwann verbrannt. Ich w├╝rde dieses ┬źWort zum Sonntag┬╗ aber jederzeit wieder machen und bereue nichts.

Kein bisschen?
Nein. Es ist ja klar: Wenn Sie den Kopf aus dem Fenster strecken, w├╝hlen Sie den Bodensatz von Phobien einer Gesellschaft auf. Damit muss man leben. ├ťbrigens: Peter Henrici und ich sind uns nicht gram deswegen. Ich sch├Ątze ihn sehr. Ein gescheiter Mensch.

Wie fest soll die Kirche in die Medien?
Die Kirche ist eine ├Âffentlich-rechtliche Institution und von daher auch verpflichtet, Red und Antwort zu stehen. Deshalb soll sie in die Medien und ├╝ber sich informieren.

Macht die Kirche das gut?
Die Z├╝rcher Landeskirche macht das eigentlich gut. Aber wir haben das alte Problem, dass die katholische Kirche mit ihren Bisch├Âfen und P├Ąpsten interessanter f├╝r die Medien ist. Wir haben halt nur einen Kirchenratspr├Ąsidenten (lacht).

Stellt die reformierte Kirche ihr Licht nicht zu fest unter den Scheffel?
Doch, aber das ist halt reformiert. Wir sind bescheiden, etwas grau und damit f├╝r die Medien weniger attraktiv. Man muss aber auch mal etwas mitmachen. Letzten Dezember brachte der ┬źZ├╝rcher Unterl├Ąnder┬╗ eine Adventsaktion, bei der lokale Pers├Ânlichkeiten mit einer Zahl in der Hand fotografiert wurden. Ich habe mitgemacht und mich auf dem Kirchturm ablichten lassen. Da darf man sich nicht zu schade sein. F├╝r mein n├Ąchstes Projekt ┬źKulturvesper┬╗, ein Bankett in der Kirche B├╝lach, betreibe ich nat├╝rlich ebenfalls Medienarbeit.

Haben Sie die ┬źDok┬╗-Sendung vom 10. August schon gesehen?
Nein. Die Sendung dauert eine Stunde, aber es sind vier Portr├Ąts. Mit dabei sind auch eine Ma├«tre de Cabine, ein Lehrer und ein Stauwerkarbeiter. Ich weiss ungef├Ąhr, was ├╝ber mich kommen wird. Ich bin gespannt und mache mir keine Sorgen.

Woran erinnern Sie sich in Ihrer ┬źMedienkarriere┬╗ besonders gern?
Einmal begleitete mich das Tessiner Fernsehen drei Tage lang als Polizeiseelsorgerin, darunter war auch ein Nachteinsatz. Das war intensiv, manchmal heikel, aber auch lustig, denn der Kameramann und der Tontechniker konnten nur Italienisch und meines ist limitiert (lacht). Aber auch die Polizisten haben es gerne gemacht. Das war nicht selbstverst├Ąndlich, weil jeder eine andere Optik und andere Ziele hat.

Und was ist das Schwierige, wenn man in den Medien kommt?
Man muss damit leben, nicht immer von einer vorteilhaften Seite gezeigt zu werden. Es gab Momente, wo ich mir sagen musste: Das h├Ątte ich jetzt besser sagen k├Ânnen. Oder: Das h├Ątte ich gescheiter nicht gesagt. Das muss man auch ein bisschen liebevoll betrachten und grossz├╝gig gegen├╝ber sich selbst sein.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ┬źreformiert.┬╗, ┬źInterkantonaler Kirchenbote┬╗ und ┬źref.ch┬╗.

Matthias B├Âhni / ref.ch / 3. August 2016

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