News aus dem Kanton St. Gallen

Spiritueller Dreiklang am Schwendisee

von Philpp Kamm, Kirchenmusiker, Ebnat-Kappel
min
25.03.2026
Architektur, Natur und Klang verbinden sich im Klanghaus in Wildhaus zu einem Ort ganzheitlicher Erfahrung.

Ende November 2025: Die Teilnehmenden des Kurses «Gregorianik und Weltlieder» betreten ein erstes Mal den hohen Zentralraum des Klanghauses. Ihr Schritt verlangsamt sich, der Blick hebt sich bewundernd. Hinter zwei mächtigen Torflügeln liegt der Schwendisee in verschneiter Wintermärchenlandschaft. Grosse, aber filigrane Rosettenornamente durchbrechen die hellen Holzwände. Sie erinnern an die Schalllöcher des im Toggenburg heimischen Hackbrettes. Oder an Glasfenster eines gotischen Münsters.

Neuer Musentempel?

Von einer «Kathedrale des Klangs» mit «beinahe sakralem Charakter» ist zu lesen, seit im vergangenen Mai das Klanghaus eröffnet wurde. Der krönende Schlussstein der Klangwelt Toggenburg, für den ihr visionärer Initiator Peter Roth viele Jahre unermüdlich weibelte. Das Bauvorhaben schied die Geister in Tal und Kanton, die Umsetzung erlebte Krisen und Umwege. Doch selbst skeptische Stimmen sind nach einer ersten Begehung vom Klanghaus angetan. Und jetzt pilgern Architekturbegeisterte, Musikliebhaberinnen und Neugierige von überall her hoch zur Schwendi am Fuss des Chäserruggs. 

Wenn Ort, Musik oder Botschaft unser Innerstes nicht anrühren und uralte Saiten in nicht Schwingung versetzen – dann bleiben vermeintliche Kraftplätze oder Glaube ohne spirituelle Resonanz.

«Domine, labia mea aperies» – Herr, öffne mir die Lippen! Im kleineren Schafbergraum sitzt die Kursgruppe am ersten Abend im Kreis und übt intensiv. Man tut sich noch schwer mit gregorianischen Melodien und lateinischen Texten. Ein Aufkeuchen lässt die Konzentration verfliegen, Köpfe wenden sich zur Fensterfront, viele erheben sich: Auf der anderen Talseite glüht der Alpstein mit dem majestätischen Schafberg im Licht der untergehenden Sonne auf. Spontan stimmt jemand «Lueget vo Berg und Tal» an, alle setzen andächtig ein. Für einen Moment ist das Klanghaus zur Aussichtsplattform degradiert für ein grandioses Naturschauspiel, das Grösseres erahnen lässt. «I luege ue i d’Berge, (…) jo, vo det chunnt Hilf und Rot», schrieb Peter Roth, inspiriert von solcher Landschaft, in seiner Vertonung von Psalm 121.

Das dreifaltige Instrument

Verhält es sich mit der Heiligkeit wie mit der Schönheit? Beides liegt im Auge der Betrachterin, im Ohr des Zuhörers. Das Heilige wird erahnt, tief empfunden, nicht verordnet und begriffen. Wenn Ort, Musik oder Botschaft unser Innerstes nicht anrühren und uralte Saiten in nicht Schwingung versetzen – dann bleiben vermeintliche Kraftplätze oder Glaube ohne spirituelle Resonanz.

Und dann, mitten in die andächtige Stimmung hinein – ein allzu menschliches, unüberhörbares Malheur.

So unterschiedlich, wie unsere menschliche Spiritualität «gestimmt» ist, wird das Klanghaus nicht all seine Besucherinnen und Besuchern aus dem profanen Alltag herausreissen. Und wer vergisst, zu lauschen und durchlässig zu bleiben, macht es dem Heiligen überall schwer. Doch das Klanghaus ist eine Einladung, hinzuhören und selbst ins Tönen zu kommen. Seinem harmonischen Dreiklang aus Natur, Architektur und Klang entzieht man sich nicht so leicht. Kein abgehobener Musentempel, sondern ein dreifaltiges Instrument, das bespielt und erfahren werden will.

Da pacem

Der letzte Kursabend: Die Gruppe versammelt sich nochmals im Zentralraum, seewärts, die Saallichter bleiben ausgeschaltet. Die Tannenwipfel auf der anderen Seite des Schwendisees sind kaum mehr zu erkennen. Ein «Hallelujah», ein «Da Pacem» in die Dunkelheit hinaus. Gänsehaut. Und schliesslich – wiederum spontan, weil es einfach passt: «O du stille Zeit, kommst, eh wir’s gedacht; in der Einsamkeit rauscht es nun sacht, über die Berge weit. Gute Nacht.» Darauf klingt längeres Schweigen, ein friedvoller Nachhall. Und dann, mitten in die andächtige Stimmung hinein – ein allzu menschliches, unüberhörbares Malheur.  Schallendes gemeinsame Gelächter im Anschluss. Heilige Heiterkeit. Beglückt und genährt verlässt die Gruppe das Klanghaus, das hinter ihr in der Finsternis verschwindet.

Zu Klanghaus

Anreise per Ă–V

Mit dem Postauto ab Wattwil, Nesslau oder Buchs bis zur Haltestelle Unterwasser, «Chäserrugg Bahn», oder Wildhaus, «Lisighaus», gefolgt von einer Wanderung oder einem Shuttleservice oder mit mybuxi.

Mit dem Auto

Es hat kaum Parkplätze am Schwendisee. Darum: die kostenpflichtigen Parkplätze der Bergbahnen, entweder bei der Talstation «Chäserrugg Bahn» oder in Wildhaus bei der Talstation «Oberdorfbahn» nutzen. Umsteigen auf die Bergbahnen: von der Bergstation Oberdorf oder Iltios führt ein Spaziergang von 25 Minuten zum Klanghaus.

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