News aus dem Kanton St. Gallen

St. Galler Synode startet Verfassungsrevision und regelt Konf-Unterricht

von Stefan Degen
min
17.06.2024
Das St. Galler Kirchenparlament hält an Pflichtstunden auf dem Konfirmationsweg fest, startet eine Verfassungsrevision und drückt dem Kirchenrat eine «Stoppuhr» in die Hand. Ein Entscheid fiel äusserst knapp aus.

┬źWas lange w├Ąhrt, wird endlich gut.┬╗ Mit diesen Worten leitete Kirchenrat Urs Noser das meistdiskutierte Gesch├Ąft der Sommersynode vom 17. Juni ein: die Revision des Abschnitts ┬źLernende Gemeinde┬╗ der Kirchenordnung. Die Vorlage wurde seit ├╝ber drei Jahren breit beraten und erarbeitet. Nun kam das Gesch├Ąft ins Parlament der Evanglisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen.

Mindestanzahl von Pflichtstunden auf Konf-Weg

Zu diskutieren gab insbesondere, ob eine Mindestanzahl von Programmstunden auf dem Konfirmationsweg in der Kirchenordnung festgeschrieben werden soll, wie es der Vorschlag des Kirchenrates vorsah. Gegen ein Minimum an Pflichtstunden sprach sich Rita D├Ątwyler (Straubenzell St. Gallen West) aus. ┬źDie Konfirmation ist eine St├Ąrkung und Best├Ątigung des Glaubens┬╗, sagte sie. Der Glaube brauche keine Voraussetzung, f├╝gte sie an. ┬źWelches Bild von Kirche wollen wir unseren Jugendlichen damit vermitteln?┬╗

Sonst sagen die Jugendlichen schnell mal: «Was ist denn das für ein Saftladen?»

Thierry Thurnheer (Wil) pflichtete ihr bei: ┬źIch habe es bei meiner Konfirmation als extreme H├╝rde empfunden, mich ├╝berhaupt f├╝r den Unterricht anzumelden. Ich dachte schon damals: Mein Glaube h├Ąngt nicht an der Konfirmation.┬╗ Die Reglementierung mit 120 Pflichtstunden sei eng. ┬źEs bringt f├╝r kleinere Kirchgemeinden eine Herausforderung, ein attraktives Programm anzubieten.┬╗

Wenn der Konfirmationsunterricht gut ist, ist keine Stunde zu viel. Und wenn er schlecht ist, ist jede Minute zu viel. Ich wünsche mir, dass wir mehr über die Qualität als die Quantität sprechen.

Andere Synodale sprachen sich f├╝r die Mindestzahl an Pflichtstunden ein. ┬źIch bin der ├ťberzeugung┬╗, sagte etwa der Synodale Ueli B├Ąchtold (Tablat-St. Gallen), ┬źdass es junge Menschen eher abschreckt, wenn alles unverbindlich ist. Sonst sagen sie schnell mal: ÔÇśWas ist denn das f├╝r ein Saftladen?ÔÇÖ┬╗ Virginia M├╝ller pflichtete ihm bei. Eine Mindestzahl an Programmstunden st├Ąrke die Konfirmation. ┬źEs ist wie beim Fussball: Man kann nicht nur an den Match gehen, man muss auch das Training besuchen.┬╗

Derweil wurde Markus Anker (Tablat-St. Gallen) grunds├Ątzlich: ┬źWenn der Konfirmationsunterricht gut ist, ist keine Stunde zu viel. Und wenn er schlecht ist, ist jede Minute zu viel. Ich w├╝nsche mir, dass wir mehr ├╝ber die Qualit├Ąt als die Quantit├Ąt sprechen.┬╗

Wie viel Autonomie f├╝r die Kirchgemeinden?

Im Hintergrund der Diskussion stand die Frage, wie frei die einzelnen Kirchgemeinden sind, den Konfirmationsweg selbst festzulegen, und welche Leitplanken die Kantonalkirche vorgibt. So beantragte Jennifer Deuel-Zumstein (St. Gallen C), die 120 Programmstunden bloss als Empfehlung in die Kirchenordnung aufzunehmen.

Kirchenrat Martin Schmidt erinnerte daran, dass die Mindestanzahl auch aufgrund von R├╝ckmeldungen aus den Kirchgemeinden in der Vernehmlassungsphase wieder aufgenommen worden sei: ┬źIrgendwann m├╝ssen wir uns entscheiden.┬╗

Nach ausf├╝hrlicher Diskussion lehnte die Synode die Antr├Ąge von D├Ątwyler und Deuel-Zumstein deutlich ab und bef├╝rwortete ein Obligatorium von mindestens 120 Programmstunden. Der Rest der Revision des Abschnitts ┬źLernende Gemeinde┬╗ der Kirchenordnung war kaum umstritten und wurde mit kleinen Korrekturen mit ├╝berwiegender Mehrheit angenommen. Im Dezember 2024 kommt die Vorlage in die zweite Lesung.

Startschuss zur Verfassungsrevision

Bei fortgeschrittener Stunde lancierte die Synode mit 141 Ja-Stimmen und einer Gegenstimme den Startschuss zu einer Revision der 50-j├Ąhrigen Kirchenverfassung. Themen der Revision sind M├Âglichkeiten der Mitgliedschaft, die Leitung von Kirchgemeinden oder neue Formen der Zusammenarbeit.

Revision des Finanzausgleichs verabschiedet

Am Vormittag hatten die Synodalen bereits die Revision des Finanzausgleichs in zweiter Lesung verabschiedet. Neben kleineren Anpassungen werden nun neu die Beitragsarten ┬źLeistungen an den Erhalt der Kirchgemeindestruktur┬╗ und ┬źBeitr├Ąge an neue Formen von Kirche┬╗ geschaffen. Dabei gab es zwei inhaltlich bedeutsame Antr├Ąge.

┬źStoppuhr┬╗ f├╝r den Kirchenrat

Der eine betraf eine Ausnahmefrist. Grunds├Ątzlich werden nur Kirchgemeinden durch den Finanzausgleich unterst├╝tzt, die mehr als 1000 Mitglieder haben. F├Ąllt eine Kirchgemeinde unter die Tausendergrenze, kann der Kirchenrat in begr├╝ndeten F├Ąllen eine Frist von f├╝nf Jahren gew├Ąhren.

Wenn die Synode dem Kirchenrat die Kompetenz gibt, zu entscheiden, wann die Mindestgrösse zu einem Fall aus dem Finanzausgleich führt, können wir sie gleich fallenlassen.

Diese von Rita D├Ątwyler (Straubenzell St. Gallen West) in der ersten Lesung eingebrachte Frist wollte Urs Meier Zwingli (Degersheim) in der zweiten Lesung nun wieder streichen. ┬źDer Kirchenrat soll die Kompetenz zu zugeschnittenen L├Âsungen haben statt eine Stoppuhr┬╗, begr├╝ndete er. Zudem schaffe das mehr Spielraum im Hinblick auf die geplante Revision der Kirchenverfassung.

D├Ątwyler verteidigte die F├╝nfjahresfrist: ┬źWenn die Synode dem Kirchenrat die Kompetenz gibt, zu entscheiden, wann die Mindestgr├Âsse zu einem Fall aus dem Finanzausgleich f├╝hrt, k├Ânnen wir sie gleich fallenlassen.┬╗ Die Synode folgte ihr mit einer hauchd├╝nnen Mehrheit und lehnte den Antrag von Meier Zwingli mit 68 gegen 67 Stimmen bei 13 Enthaltungen ab.

Ausbildung unterst├╝tzen

Den zweiten Antrag hatte der Kirchenrat lediglich vier Tage vor der Synode eingebracht und den Synodalen per E-Mail zugestellt. Er erm├Âglicht es, Kirchgemeinden, die Ausbildungspl├Ątze f├╝r kirchliche Berufe bereitstellen, durch den Finanzausgleich finanziell zu unterst├╝tzen. Auf Anregung von Christina Hegelbach (Tablat-St. Gallen) wurde der Antrag dahingehend ge├Ąndert, dass dies unter Auflagen auch f├╝r die Ausbildung an staatlichen Ausbildungsst├Ątten gilt. Der ge├Ąnderte Antrag stiess auf breite Zustimmung. Das neue Reglement ├╝ber den Finanzausgleich tritt am 1. Juli 2024 in Kraft.

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