Toggenburger Alphorn auf Dufourspitze
Dänu Wisler, auf der Dufourspitze waren Sie dem Himmel so nahe wie selten zuvor. Hat dieser Moment auch Ihren Glauben berührt?
In diesem konkreten Moment vielleicht nicht unmittelbar. Aber insgesamt bekam diese Tour für mich eine religiöse Dimension, vor allem durch die Kraft einer Entscheidung. Ich bin 60 Jahre alt und habe mir schon überlegt, ob ich eine solche Tour überhaupt noch schaffe. Ich hatte schon länger keine Tour mehr in dieser Liga gemacht, erst recht nicht mit dem Alphorn auf dem Rücken. Irgendwann habe ich mich aber entschieden: Ich ziehe das durch. Diese Entscheidung war fest und mit ihr kam eine Kraft. Man glaubt daran, dass man es schafft, und genau das setzt etwas frei. In diesem Sinn hat es für mich sehr wohl mit Glauben zu tun.
Als sich das Steigeisen Ihrer Seilpartnerin löste, wurde es lebensgefährlich. Haben Sie in diesem Moment gebetet?
Ich habe natürlich an Gott gedacht, aber nicht in Form eines Stossgebets nach dem Motto: «Hilf mir jetzt!» Schon vorher war mir bewusst, dass ich da etwas mache, das grösser ist als ich selbst. Auf dem Weg ins Wallis bin ich durch mein Heimatdorf im Emmental gefahren und da in die Kirche gegangen, in der ich konfirmiert wurde, wie schon mein Vater, mein Grossvater und mein Urgrossvater. Ich wollte mir bewusst machen, was ich vorhabe. Beim Zwischenfall am Grat war dann vor allem klar: Jetzt musst du ruhig bleiben. Und das ist gelungen. Vielleicht gerade deshalb, weil dieses Bewusstsein, nennen wir es Glaube, schon vorher da war. In den Bergen wird einem das einfach stärker bewusst als im Alltag.
Wislers und Guillets Aufstieg zur Dufourspitze
Sie haben gesagt, in den Bergen merke man schnell, wie klein der Mensch ist. Kann eine solche Erfahrung helfen, dem Glauben näherzukommen?
Ja, das würde ich schon sagen. In den Bergen wird vieles bewusster. Wenn ich mit dem Auto nach Bern fahre, mache ich mir kaum Gedanken darüber, was auf der Autobahn passieren könnte. In den Bergen ist das anders. Dort denkt man über Gefahr, Endlichkeit und den Tod viel bewusster nach. Und im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit lebt man intensiver. Für mich ist das ein reicheres Leben.
Ihr selbstkomponiertes Alphornstück, welches Sie auf dem Gipfel spielten, war eine Hommage an Henri Dufour. Welche Botschaft wollten Sie vom höchsten Punkt der Schweiz aussenden?
Es ist eine Friedenshymne. Der Krieg ist uns heute wieder sehr nahegekommen, und gleichzeitig nehme ich bei vielen Politikerinnen und Politikern eine grosse Naivität wahr, fast so, als könnten sie es kaum erwarten, bis es endlich knallt. In unserer Geschichte gibt es aber Persönlichkeiten wie Henri Dufour. Er kannte das Leid des Krieges aus eigener Erfahrung und er traf deshalb in einigen der spannungsvollsten Momente der Schweizergeschichte Entscheidungen, die den Frieden ermöglichten. Von solchen Menschen sollten wir wieder mehr lernen. Genau das ist die Botschaft meines Stücks. Ich wollte neugierig machen auf historische Vorbilder, die uns Wege zum Frieden zeigen können.
Sie organisieren im Neckertal Alphorn-, Jagdhorn- oder Blues-Gottesdienste. Was finden Menschen dort, was ihnen in klassischen Gottesdiensten vielleicht fehlt?
Ich glaube nicht, dass es primär die Form ist, die einen Gottesdienst attraktiv macht. Entscheidend ist der Inhalt. Das ist für mich der grösste Schwachpunkt der Kirche: Manchmal habe ich den Eindruck, sie weiss selbst nicht mehr genau, was sie eigentlich vermitteln will. Dann hängt man sich an den Zeitgeist oder an politische Strömungen. Dabei haben wir in der Bibel eine Fülle von Botschaften und Glaubensgrundsätzen, die heute hochaktuell sind. Wir versuchen, diese alten Inhalte in eine neue Form zu bringen. Die Form ist nur ein Transportmittel. Sie kann Menschen einen Zugang eröffnen, die sich sonst vielleicht gar nicht damit auseinandersetzen würden.
Also geht es nicht um Modernisierung um der Modernisierung willen?
Genau. Ich glaube nicht an die Form, ich glaube an den Inhalt, an das Evangelium. Als Künstler interessiert mich, ein Thema von einer anderen Seite her zu beleuchten. Menschen bewegen sich oft in vertrauten Kanälen, mit ihren Vorurteilen und gewohnten Bildern. Wenn man einen anderen Zugang zum gleichen Thema öffnet, kann plötzlich etwas passieren: Man sieht etwas neu und merkt, dass darin Wahrheit steckt. Das versuche ich mit solchen Gottesdiensten zu erreichen.
Viele Kirchen fragen sich, wie sie wieder näher zu den Menschen kommen können. Müssen sie sich stärker aus Konventionen lösen?
Ich würde nicht sagen: Schafft die Traditionen ab. Gerade in der katholischen Kirche gibt es mit den Sakramenten etwas sehr Wertvolles. In der reformierten Theologie spricht man von Gnadenmitteln. Gemeint ist: Etwas Abstraktes wird greifbar und sinnlich erfahrbar. Das ist wichtig. Aber Glaube darf sich nicht auf Erfahrungen im Kirchengebäude beschränken, auf das, was dort geschieht, wo es ein bisschen raucht und riecht. Entscheidend wird der Glaube erst, wenn man ihn lebt. Für mich gibt es einen Satz Jesu, der mich immer wieder anstachelt: «Wenn ihr wissen wollt, ob meine Lehre von Gott ist, dann befolgt sie und ihr werdet es merken.»
Jesus predigte am See, auf Bergen und mitten unter den Menschen. Ist Kirche manchmal zu sehr ans Gebäude gebunden?
Aus meiner Sicht, ja. Kirche sind nicht zuerst Mauern, sondern Menschen. Kirche ist Gemeinschaft. Im besten Fall eine Gemeinschaft, in der Menschen einander ergänzen und unterstützen. Früher hat man das in Dorfgemeinschaften vielleicht noch stärker erlebt: Die einen waren in der Feuerwehr, andere im Samariterverein, jemand im Gemeinderat, und alle haben mit ihren Fähigkeiten zum Zusammenleben beigetragen. So verstehe ich auch Kirche. Sie muss sich im Alltag zeigen, nicht nur innerhalb eines Gebäudes.
General und Friedensstifter
Guillaume Henri Dufour (1787–1875) gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten der Schweizer Geschichte. Der in Konstanz geborene Genfer war Ingenieur, Kartograf, Politiker, Humanist und der erste General des modernen Schweizer Bundesstaates. Berühmt wurde er vor allem als Oberbefehlshaber im Sonderbundskrieg von 1847. Obwohl er militärisch siegte, setzte er konsequent auf Mässigung und Menschlichkeit. Sein Grundsatz lautete, aus dem besiegten Feind einen zukünftigen Freund zu machen. Dadurch trug er wesentlich dazu bei, dass der kurze Bürgerkrieg nicht zu einer dauerhaften Spaltung der Schweiz führte.
Neben seinem militärischen Wirken prägte Dufour die Schweiz als Ingenieur und Kartograf. Unter seiner Leitung entstand die erste präzise Landeskarte der Schweiz, die berühmte «Dufourkarte», die international Massstäbe setzte. Zudem gründete er das Eidgenössische Topografische Büro, aus dem das heutige Bundesamt für Landestopografie swisstopo hervorging. Als Genfer Kantonsingenieur plante er Brücken, Strassen, Hochwasserschutzanlagen und wichtige Infrastrukturprojekte.
Dufour war auch Mitbegründer des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und dessen erster Präsident. Sein Einsatz für Neutralität, Humanität und Versöhnung machte ihn weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Als Zeichen der Anerkennung trägt seit 1863 der höchste Berg der Schweiz seinen Namen: die Dufourspitze im Monte-Rosa-Massiv (4634 Meter). Bis heute gilt Guillaume Henri Dufour als Vorbild für verantwortungsvolle Führung, Menschlichkeit und Friedenspolitik.
Toggenburger Alphorn auf Dufourspitze