News aus dem Kanton St. Gallen

Meditieren mit Schafen und Schweinen

von Reinhold Hönle, Journalist BR, Baden
min
26.08.2026
Inspiriert von Franz von Assisi, leitete Schwester Theresia zwanzig Jahre lang den Gnadenhof am Rigi Felsentor. Die Franziskanierin ermöglicht geschundenen Kreaturen einen friedvollen Lebensabend. Zum Beispiel Eber Anton, der dank ihr nicht als Spanferkel endete.

Schwester Theresia, wie kamen Sie als Franziskanerin vor über 25 Jahren aus Innsbruck auf die Rigi?
Schwester Theresia: Ich lernte Zen-Buddhismus-Priester Vanja Palmers, der in Sursee aufwuchs, in seinem ökumenischen Begegnungszentrum am Hochkönig kennen. Ich betreute damals noch jungen Menschen aus der offenen Drogenszene. Als ich innerhalb eines halben Jahrs zwei Herzinfarkte erlitt, erlaubte mir meine Mutter Oberin, einmal etwas anderes zu tun. Es ergab sich, dass Vanja in dieser Zeit zusammen mit dem Benediktiner-Bruder David Steindl-Rast am Felsentor ein Zentrum für interreligiösen Dialog gründete und durch einen Gnadenhof ergänzte, den ich über zwanzig Jahren führte.

Hatten Sie schon in Ihrer Kindheit einen besonderen Bezug zu Tieren?
Ich wuchs in den ersten acht Jahren bei meinen Grosseltern auf. Dann holten mich meine Mutter und ihr neuer Ehemann nach Deutschland. Ich musste jedoch weiterhin weitgehend allein zurechtkommen. Der Schäferhund, der seit meiner Geburt an meiner Seite war, blieb das Wesen, das mir am meisten Geborgenheit schenkte.

Wie und wann haben Sie zu Ihrem Glauben gefunden?
Meine Mutter schickte mich auf ein Internat, das von Schwestern eines jesuitisch inspirierten Ordens, der im Volksmund «Englische Fräuleins» hiess, geführt wurde. Dort stiess ich auf Schriften über die heilige Theresia von Lisieux, die mich dazu bewegten, mit 20 Jahren Franziskanerin zu werden. Ich arbeitete dann in einem Alters- und Pflegeheim sowie in Einrichtungen für Menschen mit einer körperlichen Behinderung und sozial benachteiligte Jugendliche.

Wie gross war die Umstellung, als am Felsentor Tiere statt Menschen im Vordergrund standen?
Das war ein recht fliessender Übergang, hatte ich doch auch für Hunde von Drogenkranken gesorgt, während sie Gefängnisstrafen verbüssten, oder Tiere eingesetzt, um Therapien zu untersützen.

Wie sieht das Konzept der Tierschutzstelle aus?
Es geht uns vor allem darum, im Sinne eines Gnadenhofs Tieren, die misshandelt oder in der Landwirtschaft stark genutzt wurden, ein Leben zu ermöglichen, in dem wir ihre Bedürfnisse berücksichtigen. Die Stiftung bietet aber auch einen Kurs an, der sich «MediTiere» nennt. Die Teilnehmenden suchen sich dabei auf dem 14 Hektar grossen Gelände einen Platz für eine stille Meditation und nehmen wahr, wie sich die Ziegen, Schweine, Schafe, Hühner, Hunde und Katzen ihnen gegenüber verhalten, sich oft sogar zu ihnen gesellen.

Zu welchen «Pensionären» hatten Sie eine besonders nahe Beziehung?
Zu ganz vielen. Sicher zu Nuria, meiner ersten Hündin in der Schweiz. Wir konnten auch ohne Worte kommunizieren. Wenn ich dachte, es wäre an der Zeit, die Enten in den Stall zu treiben, stand sie auf und tat es für mich.

Wie haben Sie dem Eber Anton das Leben gerettet?
Unser Anton entstammt einer ganz gewöhnlichen Schweinemast. Als Ferkel wurde er einem Hochzeitspaar geschenkt, das ihm jedoch nicht das Leben rauben wollte und per Inserat in der «Tierwelt» nach einem Platz für ihn suchte. Als es Woche um Woche erschien, erkundigten wir uns. Obwohl im Inserat ausdrücklich stand: «Weil ich nicht zum Metzger will, suche ich ein neues Zuhause», meldeten sich nur Leute, die den Eindruck erweckten, Anton würde bei ihnen trotzdem als Spanferkel enden. Also boten wir ihm Asyl, worauf Anton über 14 Jahre alt wurde, obwohl solche überzüchteten Schweine sonst nur selten älter als drei werden.

Mini-Pig Anjuli, das gerne grast und in der Sonne liegt, geniesst die Streicheleinheiten von Jessica Antusch. Foto: Reinhold Hönle

Mini-Pig Anjuli, das gerne grast und in der Sonne liegt, geniesst die Streicheleinheiten von Jessica Antusch. Foto: Reinhold Hönle

Vor vier Jahren haben Sie die Leitung der Tierschutzstelle an Jessica Antusch übergeben, arbeiten aber immer noch mit.
Wir unterstützen uns gegenseitig. Jessica war ursprünglich als Volontärin zu uns gekommen und hat schnell zu meiner Entlastung beigetragen. Mit dem Älterwerden wurde mir die körperlich anstrengende Arbeit jedoch zu schwer, weshalb ich froh bin, dass sie meine Nachfolge antreten konnte. Nun kümmere ich mich um das Futtermanagement und den Transport der Futterspenden vom Tal zum Felsentor, teile meine Erfahrungen, wenn ein Tier krank ist, und helfe mit meinen Kontakten.

Wie schaffen Sie es, sich zu Hause auch noch um sieben rumänische Strassenhunde zu kümmern?
Da sie alle alt und teilweise schwer krank sind, rennen sie mir nicht mehr so leicht davon! (Lacht) Wenn es so heiss ist wie diesen Sommer, muss ich aber immer wieder für Abkühlung sorgen. Ich reibe sie mit feuchten Tüchern ab und verwende Kühlmatten. Natürlich gibt es auf der Welt auch sehr viel menschliches Leid zu lindern, doch widmen wir uns hier im Geist des heiligen Franz von Assisi geschwisterlich den Kreaturen, die keine Stimme haben.

Jessica Antusch ist heutzutage verantwortlich für den Gnadenhof. Foto: Reinhold Hönle

Tierschutzstelle

Die Tierschutzstelle an der Rigi gehört zur Stiftung Felsentor. Sie beschert alten und traumatisierten Tieren einen friedlichen Lebensabend und informiert Menschen über die Bedürfnisse der verschiedenen Arten. Die 40-jährige Allgäuerin Jessica Antusch leitet die Tierschutzstelle seit vier Jahren. Die ausgebildete Ergotherapeutin, die seit ihrer Jugend einen engen Bezug zu Tieren hat, machte nach dem Abitur ein Praktikum auf einem therapeutischen Bauernhof. So idyllisch, wie sich das manche vorstellten, sei das Leben hier oben am Felsentor jedoch nicht, erklärt Antusch. Die Arbeitstage sind lang: Tiere versorgen, Morgenmeditation um 6.30 Uhr und Mithilfe beim Frühstück im Begegnungszentrum Felsentor. Feierabend ist erst bei Sonnenuntergang.

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