Beten auf dem Platz: Football’s coming home
Sieben Tore, ein Elfmeter, ein Gebet. Als Felix Nmecha nach dem 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Curaçao in die Knie ging, sich eine imaginäre Krone vom Kopf nahm und sie demonstrativ auf den Rasen legte, war das die eigentliche Schlagzeile des Abends. Wenig später knieten Nmecha, sein Abwehrkollege Jonathan Tah und fünf Spieler des geschlagenen Gegners im Mittelkreis des Houstoner NRG-Stadiums – Arm in Arm, die Köpfe gesenkt. «Im Spiel waren wir Gegner, aber nach dem Spiel sind wir alle Christen und Brüder», erklärte Nmecha später. Das Bild ging um die Welt, und damit die Frage, die Fussballfunktionäre lange für erledigt hielten: Was hat der Glaube eigentlich auf dem Platz zu suchen?
Bis anhin galt auch in der Welt des Fussballs: Glaube ist privat und gehört in die Kabine, Fussball ist öffentlich. Wer dagegen verstiess, wie etwa muslimische Spieler, die den Ramadan einhielten, galten schnell als schwierig oder fanatisch.
Die neue Frömmigkeit, die Nmecha, Tah oder auch der Schweizer Rubén Vargas heute öffentlich zeigen, ist anders. Und sie lässt sich nicht länger verdrängen. Aus drei Gründen: Organisation, Generation und Bühne.
Organisiert ist sie, weil Netzwerke wie «Ballers in God» und das in der Schweiz aktive «Athletes in Action» eine Infrastruktur für gläubige Profis geschaffen haben, mit Armbändern, Auftritten und dem freikirchlichen Vokabular. Was früher individuelle Frömmigkeit war, ist heute eine Bewegung. Generationell, weil sich junge Erwachsene, die Soziologen als areligiös einstuften, Gott zuwenden. Nur tun sie das nicht im stillen Hauskreis, sondern im Mittelkreis nach Abpfiff. Und die Bühne, weil eine WM mit Milliarden Zuschauern die grösste Kanzel bietet, die die Konsumgesellschaft je geschaffen hat.
Wenn der Markt nicht alles ist
Der Profifussball ist durchkommerzialisiert und vom Marktwert der Spieler beherrscht. Menschen werden wie Ware gehandelt. Für Transzendenz und Gott hat es in diesem System eigentlich keinen Platz. Erfolg misst sich an den Luxusboliden, mit denen die jungen Spieler zum Training fahren oder ihren Schlagzeilen in der Presse – ob positiv oder negativ.
Gerade deshalb wirkt das gemeinsame Gebet von Sieger und Verlierer, fast subversiv: ein Moment, der sich der Logik des Marktes entzieht. Kein Wunder, dass der praktizierende Muslim Antonio Rüdiger das Gebet seiner Mitspieler verteidigte: «Es ist etwas Persönliches. Er hat das gemacht, und ich sehe nichts Falsches daran.» Respekt unter Gläubigen verschiedener Religionen: auch das gehört zu diesem Bild. Auch Tah sprach von «Liebe, Nächstenliebe, Frieden, Dankbarkeit». Worte, die im traditionellen Fussballjargon von «Gegnern, Kampf und Härte», nicht vorkommen.
Ein Fragezeichen bleibt
Die versöhnliche Friedensgeste aus Houston wäre leichter zu feiern, wenn Nmechas Frömmigkeit nicht mit einem Fragezeichen käme. Er setzte Pride mit dem Teufel gleich. Und das Netzwerk «Ballers in God», dessen Posterboy er ist, pflegt Verbindungen zu Freikirchen, die Abtreibung, Homosexualität und Transidentität grundsätzlich ablehnen. Diese Spannung lässt sich nicht wegdeuten. Wer Demut predigt, aber Menschen ausgrenzt, die nicht in sein Weltbild passen, stellt eine Frage, die auch die Kirchen nicht umgehen können: Welcher Glaube wird hier gezeigt – und wer hat darin keinen Platz?
Doch die eigentliche Geschichte liegt jenseits solcher Vorbehalte. Sie handelt von jungen Männern, die mitten in der Geldmaschinerie der Fifa einen Moment der Demut suchen. Und davon, dass eine Generation, der man den Abschied von der Religion prophezeit hatte, sich diesen Abschied offenbar nicht vorschreiben lässt. Das ist zunächst einmal eine gute Nachricht: für den Sport, der wieder Raum für mehr Menschlichkeit bietet – und für die Kirchen, die diese Sehnsucht nach Verbundenheit und Dankbarkeit seit Jahren zu wecken versuchen.
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Beten auf dem Platz: Football’s coming home