News aus dem Kanton St. Gallen
Kirchliche Publizistik

Keine Kanzel, aber gute Geschichten

von Frank Lorenz
min
05.06.2026
Tilmann Zuber hat den «Kirchenboten» über zwei Jahrzehnte als Chefredaktor geprägt. Am Ende seiner Karriere ist er überzeugt: Wer die Menschen heute erreichen will, muss mit ihnen über ihre Sehnsucht sprechen. Ein Gespräch zwischen Herausgeber und Chefredaktor.

An einem Dienstagmorgen vor rund dreissig Jahren stand ein grosser, aufgewühlter Mann in der kleinen Redaktion des Zürcher «Kirchenboten». Er war verwirrt. Wütend erklärte er, er sei gekommen, um an einem Mitarbeiter das göttliche Gericht zu vollstrecken. Tilmann Zuber, der damals Co-Leiter war, bot ihm Kaffee an. Dann lasen die beiden gemeinsam in der Bibel, und Zuber erklärte ihm, dass sie jetzt in der Zeit der Liebe lebten, die Zeit des Gerichts sei noch nicht angebrochen. Der Mann zog zufrieden ab. Zwei Wochen später rief er an und fragte, ob jetzt die Zeit des göttlichen Gerichts gekommen sei. Später entschuldigte sich seine Mutter, ihr Sohn werde nun wieder medizinisch betreut.

Diese Geschichte erzählt Zuber nicht als Kuriosum. Er erzählt sie, weil sie das Fundament seiner journalistischen und theologischen Überzeugung beschreibt: Kirchlicher Journalismus, auch wenn er kritisch ist, habe eine liebende Perspektive. Und die Würde steht für Zuber vor dem Urteil. Immer, auch wenn dies manchmal schwerfalle.

Ende Mai geht Zuber nach 25 Jahren in Pension. Nach seiner Zeit beim Zürcher «Kirchenboten» wechselte er 2001 zum Basler «Kirchenboten». Er hat aus einem kirchlichen Mitteilungsblatt eine interkantonale Zeitung gemacht, die heute 70 Prozent der reformierten Kirchenmitglieder aufschlagen oder gar lesen. So das Ergebnis von Umfragen. Das ist, im Zeitalter der abnehmenden Anzahl der Kirchenmitglieder und der schrumpfenden Zeitungsauflagen, keine Selbstverständlichkeit. Das sei nicht er gewesen, betont Zuber, sondern ein ganzes Team.

 

Frank Lorenz: Tilmann, als du 2001 die Chefredaktion übernahmst, was hast du vorgefunden?

Tilmann Zuber: Eine Publikation mit Potenzial und strukturellen Fesseln. Die kantonalen Ausgaben wurden in verschiedenen Druckereien produziert und waren dadurch teuer, unflexibel und etwas provinziell. Wir bündelten die Produktion und den Druck bei der Druckerei der «Neuen Luzerner Zeitung» und investierten das gesparte Geld in Kantonalredaktionen. Plötzlich hatte jeder Kanton seinen eigenen «Kirchenboten» mit Geschichten aus der Region. Der «Kirchenbote» wurde zu einem neuen Produkt.

Klingt vor allem nach einer technischen Erneuerung.

Ja, war es auch. Aber dahinter steckte eine inhaltliche Überzeugung: Journalismus, der das Evangelium mit dem Alltag der Menschen verbindet, braucht Nähe. Abstraktion ist sicher gut, reduziert aber auch die Relevanz. Man kann über Weltkirche schreiben – aber man muss auch wissen, was im Kirchgemeindehaus und in der Familie zwei Strassen weiter passiert.

Wenn Jesus die Apostel aussendet, schickt er keine theologischen Gelehrten mit Lehrplänen los – er schickt Erzählerinnen und Erzähler, die Jesus getroffen hatten und von der Begegnung berührt waren.

Die «NZZ», der «Tages-Anzeiger», der «Blick» – sie alle kämpfen um Aufmerksamkeit. Mit welchem Recht mischt eine Kirchenzeitung in diesem Markt mit?

Mit dem Recht, dass Religion und Kirchen nach wie vor ein relevanter Faktor in der Gesellschaft sind. Und mit dem Recht, dass wir eine andere Perspektive einbringen. Ein Beispiel: Als Aktivisten beim WEF in Davos den Schriftzug «No Kings» mit Fackeln in den Schnee schrieben, berichteten alle Medien über die politische Aktion. Wir zeigten, dass diese Forderung auf das Alte Testament zurückgeht und dass die biblische Skepsis gegenüber dem Königtum das Fundament unserer Demokratien bildet. Diese Perspektive brachte sonst kaum jemand.

Kirchliche Publizistik als Bildungsauftrag also.

Und als Verkündigungsauftrag. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Wenn Jesus die Apostel aussendet, schickt er keine theologischen Gelehrten mit Lehrplänen los – er schickt Erzählerinnen und Erzähler, die Jesus getroffen hatten und von der Begegnung berührt waren.

Was braucht es für eine gute Zeitung?

Gute Geschichten, gute Geschichten, nochmals gute Geschichten: Dies gilt für den «Kirchenboten» genauso wie für die «NZZ» und andere.

Tilmann, die Antworten kannst du doch selbst schreiben, du kennst mich doch.

Du hast im Laufe der Jahre etliche Prominente interviewt, etwa Christoph Blocher, Ernst Sieber, Dorothee Sölle. Was lernt man dabei?

Dass Menschen einmalig sind, humorvoll, emphatisch und kreativ, auch wenn wir alle unsere Schatten haben. Blocher zeigte mir beispielsweise seine Anker-Sammlung und sprach über sein unerschütterliches Vertrauen auf die Gnade Gottes. Dorothee Sölle erzählte mir kurz vor ihrem Tod, wie Martin Buber laut aufgelacht habe, als sie ihm gesagt habe, sie sei Theologin. «Über Gott kann man keine Logie erstellen», habe Buber gesagt. «Gott kann man begegnen oder erfahren.» Solche Begegnungen trägt man lange mit sich.

Und Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber?

Ernst Sieber war eine eigene Kategorie. Von ihm lernte man, Menschen als Geschöpfe Gottes zu sehen – ohne Vorbehalt. Die Begegnungen mit ihm waren etwas Besonderes, vor allem, wenn man in seinem Auto sass, während er durch Zürich raste. Wenn ich ihn interviewte, sagte er manchmal: «Tilmann, die Antworten kannst du doch selbst schreiben, du kennst mich doch.» Das war kein Desinteresse. Das war echtes Vertrauen.

Darf eine Kirchenzeitung politisch Stellung beziehen?

Sie soll – politisch ja, parteipolitisch nein. Das ist ein entscheidender Unterschied. Eine kirchliche Zeitung sollte sich auch anderen Meinungen nicht verschliessen. Das heisst nicht, dass man sie für gut befindet. Im «Kirchenboten» kamen über die Jahre neben vielen linken Repräsentanten auch Alfred Rösti, Christoph Blocher und Toni Brunner zu Wort. Die «Kirche im Briefkasten» schliesst niemanden aus. Das ist nicht nur ein publizistisches Prinzip – es ist ein theologisches.

Konkret, wie berichtete der «Kirchenbote» über die Konzernverantwortungsinitiative? Sagte er dazu Ja?

Ja, aber wir setzten auf Dialog: mit dem Unternehmer Dietrich Pestalozzi auf der Ja-Seite und Nationalrat Ruedi Noser auf der Gegenseite. Dazu ein Kommentar auf der Grundlage von Zwinglis Wirtschaftsethik. Noser lag damals mit gebrochener Schulter im Spital – er hatte es ausdrücklich geschätzt, dass die Kirche ihn interviewte. Man kann Haltung zeigen, wenn man fair bleibt.

Wir sollten vermehrt jene Menschen ansprechen und begeistern, die sich nach einer Welt oder Gegenwelt sehnen, die mehr ist als Arbeit, Konsum, Geld und Internet. Die nach Hoffnung suchen. Die Kirche könnte da viel bieten.

Die Kirchenmitgliederzahlen sinken. Warum soll reformierte Publizistik trotzdem eine Zukunft haben?

Gerade deshalb. Für viele ist der «Kirchenbote» die einzige verbliebene Verbindung zu ihrer Kirche. Sie besuchen kaum noch Gottesdienste und selten kirchliche Veranstaltungen. Aber einmal im Monat holen sie den «Kirchenboten», «reformiert.» oder «magnet» aus dem Briefkasten. Und 70 Prozent lesen oder blättern darin. In den letzten Jahren haben die kirchlichen Medien einen grossen Schritt nach vorne gemacht, haben die Qualität ihrer Printprodukte und ihrer Bildsprache verbessert und sind gut im Internet und in den sozialen Medien unterwegs.

Die Gesellschaft wird immer säkularer, es scheint, dass der Glaube schwindet – lässt sich das durch guten Journalismus aufhalten?

Nicht aufhalten. Vielleicht haben wir ein falsches Verständnis von Glauben, wenn wir ihn nur auf die Institution Kirche reduzieren. Pater Anselm Grün sagte mir kürzlich im Interview zu Ostern: «Gerade in einer resignierten gesellschaftlichen Situation sehnen sich viele nach Hoffnung. Die Menschen haben eine Sehnsucht nach dem Leben.» Für Anselm Grün ist diese Sehnsucht schon Glaube. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

Wie soll die Kirche mit dieser Sehnsucht umgehen?

Antoine de Saint-Exupéry hat dies besser formuliert, als ich es könnte: «Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.» Vielleicht haben wir es in der Kirche etwas verlernt, von dieser Sehnsucht zu sprechen. Von Hoffnung. Von Freundschaft. Die Kirche leistet Enormes gerade im Sozialen und in der Bildung. Aber wir sollten vermehrt jene Menschen ansprechen und begeistern, die sich nach einer Welt oder Gegenwelt sehnen, die mehr ist als Arbeit, Konsum, Geld und Internet. Die nach Hoffnung suchen. Die Kirche könnte da viel bieten, denn das Evangelium ist die Ökonomie der Hoffnung, die einen riesigen Wert – gemäss Bibel einen Schatz – hat. Und wir sollten in der Kirche wieder vermehrt gemeinsam staunen, ungläubig staunen über die Schöpfung und das Göttliche. Aber im Staunen hört alles Schreiben und Sprechen auf.

Du warst 25 Jahre lang Chefredaktor. Gibt es etwas, was du bereust?

Ja sicher. Leid tut mir, dass ich nicht allen zurückschreiben konnte, die uns Briefe schickten. Der Austausch wäre es wert gewesen. Mehr Zeit dafür – das hätte ich mir gewünscht.

 

Tilmann Zuber, Theologe, Pfarrer und Journalist, war von 2001 bis Ende Mai 2026 Chefredaktor des «Kirchenboten». Das Gespräch fand auf der Redaktion in Basel statt. Als freier Journalist bleibt er dem «Kirchenboten» verbunden.

Mit Zubers Pensionierung geht die Chefredaktion des «Kirchenboten» in eine Teamleitung über: Astrid Baldinger hat die Produktionsleitung inne, Nicole Noelle die Leitung der digitalen Medien und Stefan Degen wird Leiter des «Kirchenboten» Print.

Unsere Empfehlungen

Kirchenratswahl: Folgt Hegelbach auf Ziegler?

Kirchenratswahl: Folgt Hegelbach auf Ziegler?

Wenn sich an der Ausgangslage nichts mehr ändert, wird die Synode Christina Hegelbach als Nachfolgerin von Antje Ziegler in den Kirchenrat wählen und die bisherigen Kirchenräte bestätigen. Überraschungen sind aber immer noch möglich.
Jugendliche reden in Kirchenleitung mit

Jugendliche reden in Kirchenleitung mit

In der Kirchenvorsteherschaft (Kivo) der Kirchgemeinde Rorschach gestalten junge Erwachsene die Zukunft mit. Wie sie zwischen Budgetfragen und Projektplanungen Gehör finden und dabei entdecken, dass Kirche weit mehr ist als der sonntägliche Gottesdienst.
«Gott, was hast du mit mir vor?»

«Gott, was hast du mit mir vor?»

Klare Regeln, strenges Regime: Diese Maximen prägten früher die Vorbereitung auf die Konfirmation, die derzeit landauf, landab gefeiert wird. Und heute? Theologe Michael Matter aus der Kirchgemeinde Grabs-Gams gibt Einblick.