News aus dem Kanton St. Gallen

Von der Welt vergessen

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09.05.2016
Eine Zukunft für Christen im Nahen Osten sehe er nicht. Dies ist das pessimistische Fazit von Daniel Williams. Der US-Amerikaner kennt die Region seit rund 20 Jahren. Er arbeitete als Korrespondent für die Washington Post und als Beobachter für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

In Z├╝rich stellte der Journalist und Autor Daniel Williams sein neues Buch ┬źForsaken. The Persecution of Christians in TodayÔÇÖs Middle East┬╗ ├╝ber die Verfolgung von Christen im heutigen Nahen Osten vor. Darin kommt er zum Schluss, dass die Welt die dort ans├Ąssigen Christen vergessen habe und ihrem Schicksal ├╝berlasse.

Die Haltung seines Heimatlandes zeige dies symptomatisch, so Williams. Das Aussenministerium der USA habe k├╝rzlich entschieden, die Verfolgung der Christen im Irak durch die Terrorgruppe Islamischer Staat IS als V├Âlkermord einzustufen. Fast im selben Atemzug jedoch h├Ątten die Regierung bekanntgegeben, den bedrohten Christen nicht zu helfen.

Weder Macht, Einfluss noch F├╝rsprecher
Williams legte dar, wie sich die aktuelle Situation der Christen im Nahen Osten pr├Ąsentiert. Im Irak habe die christliche Bev├Âlkerung weder Macht noch Einfluss und keine F├╝rsprecher. In Syrien sei es nicht viel anders. Das Wohlwollen, welches die Regierung vielleicht noch f├╝r die Christen hege, gehe im grausamen B├╝rgerkrieg unter. Ob die Christen in Syrien eine Zukunft haben, sei fraglich, egal wie der Krieg ausgehe. Aber auch in L├Ąndern, wo kein Krieg herrscht, litten Christen unter schwierigen Lebensbedingungen. Etwa in ├ägypten, wo sie nicht die gleichen Rechte wie Muslime haben.

Williams illustrierte dies mit Beispielen aus der t├Ąglichen Realit├Ąt von Christen in den betroffenen Gebieten. Er erz├Ąhlte von einer Regel, als Christ mit gesenktem Kopf gehen zu m├╝ssen, um die Unterw├╝rfigkeit dem Islam gegen├╝ber zu zeigen; von falschen Rechtfertigungen daf├╝r, den christlichen Glauben zu verfolgen, wie die angebliche Zugeh├Ârigkeit zu Kopten, die in den Kreuzz├╝gen involviert gewesen seien; von Polizeien, die wegschauen, und Regierungen, welche die Situation verharmlosen; von niedergebrannten Kirchen und zerst├Ârten christlichen Symbolen; vom Zwang als Christ zum Islam konvertieren zu m├╝ssen, oder von Massenk├Âpfungen.

Die Ideologe hinter der Verfolgung
Es gebe zwei vorherrschende Meinungen zur Christenverfolgung im Nahen Osten, die aber beide die Realit├Ąt nicht komplett wiederspiegelten, betonte Daniel Williams. Die eine Seite bildeten die Islamkritiker mit dem Standpunkt, der Islam selbst sei in seinen Grundz├╝gen gegen die Existenz des Christentums. Auf der anderen st├╝nden die Islamverteidiger mit der Meinung, der Islam habe ├╝berhaupt nichts mit der Christenverfolgung zu tun. ┬źBeide haben Unrecht. Nat├╝rlich hat der Islam sehr wohl etwas damit zu tun, allerdings kann man deswegen nicht alle Moslems in einen Topf werfen┬╗, meinte Williams.

Der Hass des IS richte sich nicht nur gegen das Christentum, sondern gegen jede Art von Religion, die nicht der eigenen, sehr streng ausgelebten Version des Islams entspricht. Auch Juden und liberale Moslems litten unter Unterdr├╝ckung und Verfolgung. Dies widerspreche der alten Tradition des Islams, die anderen Buchreligionen ÔÇô das Judentum und das Christentum ÔÇô zu tolerieren. In ├ägypten zum Beispiel, erinnerte sich Williams, h├Ątten die Christen bis vor einigen Jahrzehnten wichtige Positionen innegehabt und seien ein fester Bestandteil der Gesellschaft gewesen.

Davon sei heute nichts mehr ├╝brig: ┬źEin w├╝rdiges Leben mit christlichem Glauben ist im Nahen Osten nicht mehr m├Âglich. Es tut mir leid, dass ich so schlechte Nachrichten bringe┬╗, lautet das pessimistische Fazit von Daniel Williams.

Die Organisation Christian Solidarity International CSI habe bereits 2011 eine Genozidwarnung f├╝r Christen ver├Âffentlicht, wie John Eibner, Projektleiter Naher Osten bei CSI, sagte. Das Referat von Daniel Williams war Teil der CSI-Vortragsreihe zur Zukunft der religi├Âsen Minderheiten im Nahen Osten und der letzte von drei Anl├Ąssen zum f├╝nften Jahrestag des ┬źArabischen Fr├╝hlings┬╗.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ┬źreformiert.┬╗, ┬źInterkantonaler Kirchenbote┬╗ und ┬źref.ch┬╗.

Val├ęrie Jost / Kirchenbote / 9. Mai 2016

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