News aus dem Kanton St. Gallen

Von Maradona und Ordensfrauen

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19.08.2019
Der Goldene Leopard des Filmfestivals von Locarno ging an den portugiesischen Beitrag «Vitalina Varela». Für Filmexperte Charles Martig zeigte Locarno, dass die Filmschaffenden nach wie vor am Religiösen interessiert sind.

Das 72. Festival del Film Locarno ist am Samstag mit der Preisverleihung auf der Piazza zu Ende gegangen. Gewinner des diesj├Ąhrigen Goldenen Leoparden ist ┬źVitalina Varela┬╗ des Regisseurs Pedro Costa. Der portugiesische Film erz├Ąhlt von einer Frau, die nach Lissabon zur├╝ckkehrt, um ihren verstorbenen Mann zu betrauern. Lobende Erw├Ąhnung erhielt der Siegerstreifen auch von der ├ľkumenischen Jury. Er ├Âffne das ┬źBewusstsein der Zuschauer f├╝r transzendente Dimensionen des Lebens┬╗.

Geschichte ├╝ber die Mutterliebe
Der Preis der ├ľkumenischen Jury ging dieses Jahr an die italienisch-argentinische Produktion ┬źMaternal┬╗. Der Film der Regisseurin Maura Delpero erz├Ąhlt die Geschichte einer jungen Nonne, die in ein Kloster eintritt. Die Ordensfrauen k├╝mmern sich um Teenagerm├╝tter und ihre Kinder. Delpero erz├Ąhle ┬źeine intensive Geschichte von Frauen und ihren Erfahrungen mit Sexualit├Ąt, Schwangerschaft, Liebe sowie Kindererziehung┬╗, schreibt die Jury in ihrer Laudatio. ┬źDie Regisseurin wirft einen tiefen, liebevollen Blick in einen konfliktreichen Mikrokosmos, in dem verschiedene soziale, politische und spirituellen Aspekte zum Vorschein kommen.┬╗

Dieser ┬źliebevolle Blick┬╗ hat den Jury-Pr├Ąsidenten Thomas Kroll besonders angesprochen. Es sei der gleiche Blick, mit dem Wim Wenders seine Geschichten erz├Ąhlt. In ┬źMaternal┬╗ entdeckte Kroll diese besondere Perspektive in verschiedenen Szenen. Etwa als eine alte Nonne den Kleinen in der Religionsstunde von der Heiligen Familie erz├Ąhlt und mit ihnen dann den Mittagsschlaf h├Ąlt. Oder wenn einer der Jungen sp├Ąter zu seiner Mutter, die gerade ein Kind geboren hat, ins Bett schl├╝pft und sagt, jetzt seien sie drei auch eine Heilige Familie.

Maradona und die Heiligenverehrung
┬źMaternal┬╗ geh├Ârte auch zu den Favoriten von Charles Martig. ┬źEs ist ein eindr├╝cklicher Film ├╝ber die Mutterliebe.┬╗ Auch andere Filme, die in Locarno liefen, h├Ątten Religi├Âse und spirituelle Aspekte aufgegriffen, stellt der Filmexperte und Direktor des Katholischen Medienzentrums fest. ┬źDas zeigt, wie wichtig das Thema f├╝r das moderne Filmschaffen ist.┬╗ Auf der Piazza Grande etwa lief der Film ┬źDiego Maradona┬╗ ├╝ber den Aufstieg des argentinischen Superstars in Neapel. Der Film arbeitet stark mit religi├Âsen Symbolen. Der Fussballer wird vor dem Hintergrund der Heiligenverehrung zur Erl├Âserfigur.

Zwei andere Filme, in denen das Religi├Âse eine Rolle spielt, kommen aus Frankreich und der Schweiz. ┬źCamille┬╗ erz├Ąhlt die Geschichte der franz├Âsischen Fotografin Camille Lepage, die in der Zentralafrikanischen Republik arbeitete und den Menschen im Kriegsgebiet begegnete. Sie starb 2014 w├Ąhrend eines Einsatzes. Der Spielfilm, der das soziale Engagement der jungen Fotografin eindr├╝cklich zeigt, gewann den Publikumspreis des Filmfestivals und kommt bald in die Schweizer Kinos.

Suche nach religi├Âser Identit├Ąt
┬źShalom Allah┬╗ von David Vogel geht der Frage nach, warum Schweizer und Schweizerinnen zum Islam konvertieren. Der Dokumentarfilm portr├Ątiert einen jungen Mann, eine Studentin und ein Paar auf der Suche nach ihrer Identit├Ąt. Das Besondere an ┬źShalom Allah┬╗ sei, so Martig, wie der Regisseur seine eigene religi├Âse j├╝dische Biografie in den Film einbringt und das J├╝dische und Muslimische zusammenbringt. Der Film zeige, wie stark der Islam mit seinen Ritualen und Strukturen den Suchenden Heimat und Orientierung gibt, sagt Charles Martig. ┬źDas war einer der st├Ąrksten Filme am Festival.┬╗

Die Begegnung zwischen Film und Religion fand in Locarno nicht nur auf der Leinwand statt, sondern auch bei den Pressekonferenzen, am ├Âkumenischen Gottesdienst mit der Predigt von Pfarrerin Brigitte Affolter und beim ├ľkumenischen Empfang. Zu letzterem Anlass kamen etliche Kirchenleute und Filmschaffende, darunter der Z├╝rcher Regisseur Samir und der Dokumentarfilmer David Vogel. Samir berichtete ├╝ber seinen Film ┬źBaghdad in my Shadow┬╗. Das Interesse der Filmschaffenden am Austausch mit den Kirchen sei ungebrochen, stellt Charles Martig fest.

Tilmann Zuber, kirchenbote-online, 19. August 2019

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