News aus dem Kanton St. Gallen

Während die Kreuzritter schossen, redete Franz mit dem Sultan

von Gregor Weber, Islamwissenschaftler, Pfarrer und Asylseelsorger
min
28.08.2026
Mitten im fünften Kreuzzug suchte Franz von Assisi das Gespräch mit dem Sultan. Der Dialogversuch misslang — vorerst. Auf lange Sicht hingegen prägte Franz von Assisi den muslimisch-christlichen Dialog.

1219 n. Chr., Ägypten. Das Heer des fünften Kreuzzugs belagert Damiette. Die Hafenstadt an der Nilmündung ist strategisch wichtig: Wer sie kontrolliert, kann die Nilschifffahrt blockieren. Verteidigt wird die Festung von den Truppen des Sultans Malik al-Kamil. Nach mehr als 100 Jahren «heiliger» Kriege gegen die «Ungläubigen» ist das Misstrauen zwischen Muslimen und Christen gross. Dennoch will al-Kamil, geschwächt von Thronfolgekämpfen, verhandeln. Doch Kreuzzugsführer Kardinal Pelagius von Albano zeigt ihm die kalte Schulter.

Mönch schleicht durch Schlacht
Während acht Steinschleudern «Tag und Nacht arbeiten», wie es in einer Chronik heisst, verlässt ein Bettelmönch das Heerlager der Kreuzfahrer und wendet sich an die muslimischen Soldaten: Franz von Assisi. Die muslimischen Wachen bringen ihn zum Sultan. Dieser hört ihm aufmerksam zu – und lässt ihn unbehelligt zurück ins Kreuzfahrerlager ziehen.

Selten hat ein Vertrag eine solche sofortige und einhellige Missbilligung ausgelöst.

Wie lange Franz von Assisi beim Sultan bleibt, ist unklar. Manche Überlieferungen berichten von Stunden, andere von Tagen und Wochen. Laut Berichten versuchte Franz, den Herrscher von seinem christlichen Glauben zu überzeugen und so für Frieden zu sorgen. Während die Kreuzritter den Muslimen mit dem Schwert begegneten, suchte Franziskus den Dialog mit dem Evangelium. Die Begegnung von 1219 scheint einen nachhaltigen Einfluss auf al-Kamil ausgeübt zu haben.

Kampflose übergabe Jerusalems
Zehn Jahre später standen die Truppen des Sultans nämlich erneut Kreuzfahrern gegenüber, diesmal unter Kaiser Friedrich II. Diesmal fanden al-Kamil und Friedrich II. einen Kompromiss und schlossen den Frieden von Jaffa. Die Muslime übergaben Jerusalem kampflos an den Kreuzfahrerstaat. Alle Religionen durften frei in Jerusalem Gottesdienst feiern. Zum ersten Mal bot ein muslimischer Herrscher – ohne sich in einer militärischen Zwangslage zu befinden – den Kreuzfahrern die Rückgabe von Gebieten an, einschliesslich der heiligen Stadt Jerusalem.

Die Reaktion auf muslimischer Seite auf den Kompromiss war heftig. Chronist Ibn Wasil schrieb: «Die Bevölkerung Jerusalems brach in Geschrei und Weinen aus, dies war qualvoll für die Muslime und wir trauerten wegen dem Auszug von Jerusalem. […] Sie missbilligt diese Tat al-Malik al-Kamils und schmäht ihn, denn die Eroberung dieser edlen Stadt und ihre Rettung von den Ungläubigen war eine der grössten rühmlichen Taten seines Onkels Saladin.» Rund 700 Jahre später analysierte der britische Historiker Steven Runciman: «Selten hat ein Vertrag eine solche sofortige und einhellige Missbilligung ausgelöst. Die muslimische Welt war entsetzt.»

Warum übergab Sultan Malik al-Kamil Jerusalem? Es gibt verschiedene politische und strategische Thesen. Doch diese erfassen nicht den massiven Prestigeverlust. Möglicherweise liegt der Grund im Brückenschlag des Franziskus, der zeigte, dass eine friedliche interreligiöse Begegnung möglich ist. Und diese Idee des Brückenbauens gewann später in den muslimisch-christlichen Beziehungen eine wichtige Rolle.

Dialog wirkt bis heute
Franz von Assisi lebte in einer Zeit starker Polarisierung zwischen Kulturen und Religionen. Die damalige Epoche erinnert in manchem an die heutige Zeit, die ebenfalls von Konflikten geprägt ist. Doch Begegnungen im Geiste von Franziskus geschehen immer wieder: im Dialog, in der Zusammenarbeit zwischen Religionen. Ich erfahre dies im Rahmen der Zusammenarbeit mit muslimischen Seelsorge-Kolleginnen und -Kollegen im Bundesasylzentrum, wo wir Geflüchteten unabhängig von Religion und Kultur begegnen. Es sind kleine Anfänge, doch diese Brücken können künftig einen Unterschied machen.

Die damalige Epoche erinnert in manchem an die heutige Zeit

Manche Überlieferungen berichten von Stunden, andere von Tagen und Wochen. Laut Berichten versuchte Franz, den Herrscher von seinem christlichen Glauben zu überzeugen und so für Frieden zu sorgen. Während die Kreuzritter den Muslimen mit dem Schwert begegneten, suchte Franziskus den Dialog mit dem Evangelium. Die Begegnung von 1219 scheint einen nachhaltigen Einfluss auf al-Kamil ausgeübt zu haben.

Kampflose Übergabe Jerusalems
Zehn Jahre später standen die Truppen des Sultans nämlich erneut Kreuzfahrern gegenüber, diesmal unter Kaiser Friedrich II. Diesmal fanden al-Kamil und Friedrich II. einen Kompromiss und schlossen den Frieden von Jaffa. Die Muslime übergaben Jerusalem kampflos an den Kreuzfahrerstaat. Alle Religionen durften frei in Jerusalem Gottesdienst feiern. Zum ersten Mal bot ein muslimischer Herrscher – ohne sich in einer militärischen Zwangslage zu befinden – den Kreuzfahrern die Rückgabe von Gebieten an, einschliesslich der heiligen Stadt Jerusalem.

Die Reaktion auf muslimischer Seite auf den Kompromiss war heftig. Chronist Ibn Wasil schrieb: «Die Bevölkerung Jerusalems brach in Geschrei und Weinen aus, dies war qualvoll für die Muslime und wir trauerten wegen dem Auszug von Jerusalem. […] Sie missbilligt diese Tat al-Malik al-Kamils und schmäht ihn, denn die Eroberung dieser edlen Stadt und ihre Rettung von den Ungläubigen war eine der grössten rühmlichen Taten seines Onkels Saladin.» Rund 700 Jahre später analysierte der britische Historiker Steven Runciman: «Selten hat ein Vertrag eine solche sofortige und einhellige Missbilligung ausgelöst. Die muslimische Welt war entsetzt.»

Warum übergab Sultan Malik al-Kamil Jerusalem? Es gibt verschiedene politische und strategische Thesen. Doch diese erfassen nicht den massiven Prestigeverlust. Möglicherweise liegt der Grund im Brückenschlag des Franziskus, der zeigte, dass eine friedliche interreligiöse Begegnung möglich ist. Und diese Idee des Brückenbauens gewann später in den muslimisch-christlichen Beziehungen eine wichtige Rolle.

Dialog wirkt bis heute
Franz von Assisi lebte in einer Zeit starker Polarisierung zwischen Kulturen und Religionen. Die damalige Epoche erinnert in manchem an die heutige Zeit, die ebenfalls von Konflikten geprägt ist. Doch Begegnungen im Geiste von Franziskus geschehen immer wieder: im Dialog, in der Zusammenarbeit zwischen Religionen. Ich erfahre dies im Rahmen der Zusammenarbeit mit muslimischen Seelsorge-Kolleginnen und -Kollegen im Bundesasylzentrum, wo wir Geflüchteten unabhängig von Religion und Kultur begegnen. Es sind kleine Anfänge, doch diese Brücken können künftig einen Unterschied machen.

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