News aus dem Kanton St. Gallen

Warum Japaner Zwingli schätzen

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08.05.2019
Auf den Spuren Zwinglis besuchten japanische Protestanten Reformationsstätten in Zürich, Basel und Bern. Der Schweizer Reformator bestärkt sie in ihrem Einsatz für die Betroffenen der Reaktorkatastrophe in Fukushima.

Die beiden LĂ€nder trennen 10 000 Kilometer, die vollkommen andere Schrift, Sprache und Kultur. Und trotzdem haben die Schweiz und Japan wĂ€hrend einer Woche einen gemeinsamen Fixpunkt: Huldrych Zwingli. Eine Delegation von sieben Protestantinnen und Protestanten reiste von Japan in die Schweiz, um sich vor Ort ĂŒber die helvetische Reformation zu informieren.

Im Rahmen des ReformationsjubilĂ€ums hatten der Schweizerische Evangelische Kirchenbund und die Reformierte Kirche Aargau Anfang Mai die Vertreterinnen und Vertreter der japanischen Schwesterkirchen in die Schweiz eingeladen. Hier besuchten sie ReformationsstĂ€tten in ZĂŒrich, Basel, und Bern, um mehr ĂŒber die Wurzeln und das Wirken der Schweizer Reformation zu erfahren, von Erasmus von Rotterdam ĂŒber Zwingli bis zur Mission 21.

250 Jahre lang verboten
Nicht einmal ein Prozent der Japaner bekennt sich heute zum Christentum. Gerade einmal 0,4 Prozent der Bevölkerung, gut 500 000 Menschen, sind Protestanten. WÀhrend die ersten katholischen Missionare im 16. Jahrhundert nach Japan kamen, erreichte das protestantische Christentum die Insel erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts von Amerika her, es waren vor allem Methodisten, Baptisten und Calvinisten. Dazwischen war der christliche Glaube in Japan 250 Jahre lang verboten. Nach den presbyterianisch geprÀgten Missionaren aus den USA folgten spÀter weitere, unter anderem aus Deutschland. Heute gibt es rund 7 000 Gemeinden mit unterschiedlichen protestantischen Konfessionen. Sie kennen Luther und Calvin. Zwingli hingegen ist in Japan ein weisser Fleck.

Einsatz im verstrahlten Fukushima
Mit rund 196 000 Mitgliedern ist der KYODAN, die Vereinigte Kirche Christi, die grösste protestantische Kirche in Japan. Ihr gehört Pfarrer Yoshinobu Akashi aus Fukushima an. Nach der Reaktorkatastrophe und der anschliessenden Flutwelle vor acht Jahren habe die Kirche vor einer gewaltigen Herausforderung gestanden, so Pfarrer Yoshinobu. Sie schickte Helfer-Teams in die am stĂ€rksten betroffenen Gebiete, um die Menschen seelsorgerlich zu begleiten und die Gemeinden vor Ort zu stĂ€rken. Bis heute kĂŒmmert sich der KYODAN um die Bewohner in Fukushima. Mit Messungen informiert die Kirche etwa ĂŒber die aktuelle Strahlenbelastung. Die Menschen trauten der Regierung nicht, sie verharmlose die Gefahr, erklĂ€rte Akashi gegenĂŒber den Medien. Im Labor der Kirche können sie testen lassen, ob ihre Lebensmittel verstrahlt sind. Zwingli beeindruckt den Pfarrer, weil er die Reformation zusammen mit der Bevölkerung entwickelt habe. Dies bestĂ€rkt ihn in seiner eigenen Arbeit. Die Kirche solle zu den Menschen stehen, sagt Yoshinobu.

Neues ĂŒber Zwingli erfahren
Junko Kikuchi engagiert sich zusammen mit ihrem Mann, der Pfarrer ist, in der Gemeindearbeit. Sie ist zudem Delegierte im Ausschuss fĂŒr deutschsprachige Kirchen des japanischen Rats der Kirchen und pflegt Kontakte zur Evangelischen Kirche in Deutschland und zum Kirchenbund. Sie ist nicht zum ersten Mal in ZĂŒrich. «Ich weiss, wie Zwingli die Bibel ausgelegt und gepredigt hat», sagt sie. Doch nun erfuhr sie Neues ĂŒber den ZĂŒrcher Reformator. Er sei dem Leben verbunden geblieben und habe die Nöte der Menschen gesehen. So habe er etwa wĂ€hrend der Pest in ZĂŒrich ausgehalten und die Kranken besucht. Und er habe die ReislĂ€uferei kritisiert, weil sie schlecht fĂŒr die Menschen gewesen sei.

Junko Kikuchi sieht darin das Engagement ihrer Kirche fĂŒr die Menschen in Fukushima und die kritische Haltung gegenĂŒber der Atomkraft bestĂ€tigt. Der Reaktorunfall und seine Folgen seien nach wie vor sehr prĂ€sent. «Ich bin ĂŒberzeugt, dass wir mit der Haltung Zwinglis hier weiterhin aktiv sein mĂŒssen», sagt sie. «Wir mĂŒssen zu den Menschen gehen und ihnen zuhören, damit wir wissen, was sie beschĂ€ftigt. Dies ist wichtig fĂŒr unsere Kirche. Zwingli tat dies mit Überzeugung.»

Enge Beziehung mit Japan
In Basel empfing Magdalena Zimmermann die Delegation aus Japan in der Mission 21. FĂŒr die interreligiöse Friedensarbeit habe man von der Japan-Mission im 19. Jahrhundert viel gelernt, sagte die stellvertretende Direktorin von Mission 21. Besonders in LĂ€ndern, wo die christlichen Kirchen eine Minderheit bilden, sei es wichtig, einander auf Augenhöhe zu begegnen. Mit Japan verbinde Mission 21 eine enge Beziehung, etwa mit dem Internationalen Zentrum fĂŒr den Austausch von Sozialhilfe KISWEC in Kyoto. KISWEC unterstĂŒtzt Behinderte und schickt regelmĂ€ssig Praktikantinnen und Praktikanten in die Schweiz. Und Schweizer Pfarrerinnen und Pfarrer reisen zur Weiterbildung nach Kyoto.

Reformatoren nicht wie Heilige verehren
Anschliessend erfuhren die GĂ€ste aus Japan von der Historikerin Christine Christ-von Wedel, wie der Humanist Erasmus von Rotterdam Zwingli beeinflusste, aber auch was die beiden trennte. Erasmus habe fĂŒr Gewissensfreiheit und die Koexistenz der Konfessionen plĂ€diert, so Christ-von Wedel. Die Protestanten seien weniger tolerant gewesen, wie die Konfessionskriege zeigten.

Man dĂŒrfe die Reformatoren nicht wie Heilige verehren, sagt Junko Kikuchi, und verweist auf die Verfolgung der TĂ€ufer. FĂŒr die Gemeinschaft der Methodisten und Baptisten in Japan bleibt die Geschichte der TĂ€ufer aktuell. Die Rede des mitgereisten Baptisten Kano Yoshitako bei der Versöhnungsandacht an der Limmat habe sie sehr berĂŒhrt, erzĂ€hlt Kikuchi. Yoshitako warnte vor der Ausgrenzung Andersdenkender.

Karin MĂŒller, kirchenbote-online, 8. Mai 2019

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